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StartseiteTag für TagOffene Geheimnisse29.02.2012

Offene Geheimnisse

Das "Vatikanische Geheimarchiv" zeigt eine Auswahl spannender Dokumente

In den Kapitolinischen Museen in Rom sind 100 Archivschätze zu sehen: Schriften von Luther und Galileo Galilei, Dokumente über die Konversion der protestantischen schwedischen Königin Christina. Die Ausstellung "Lux in Arcana" zeigt aber auch Briefe eines wutentbrannten Michelangelo, der im Vatikan sein Gehalt einfordert.

Von Thomas Migge

Unverschleierte Wahrheiten: Der Vatikan gewährt in Rom Einblicke in sein "Geheimarchiv" (dpa / picture alliance / Jens Wolf)
Unverschleierte Wahrheiten: Der Vatikan gewährt in Rom Einblicke in sein "Geheimarchiv" (dpa / picture alliance / Jens Wolf)

"Roms Oberrabbiner Riccardo Di Segni verlas zunächst ein Gebet auf Hebräisch."
"Dann folgte Papst Benedikt XVI. Auch er betete und kniete vor den Gräbern. In stiller Andacht."

Der deutsche Papst am wohl bekanntesten Gedenkort des NS-Terrors in Italien - das war im März vor einem Jahr. Die Bilder des Papstes sorgten in ganz Italien für Aufsehen. In den Tuffsteinhöhlen Fosse Ardeatine bei der Via Appia Antica erschossen SS-Leute am 24. März 1944 335 von ihnen wahllos aufgegriffene Römer. Es war die Antwort auf ein Attentat antifaschistischer Partisanen in Rom, bei dem deutsche Soldaten umgekommen waren.

Die Geschichte der Fosse Ardeatine kennt in Italien jedes Kind. Doch die genauen Umstände des Auffindens der Leichen in den Tuffsteinhöhlen, beschrieben vom katholischen Geistlichen Don Michele Valentini nach der Ermordung der Römer, waren bisher unbekannt. Seine Schriften gehören zum Geheimarchiv des Vatikans – und dessen Dokumente und Bücher sind für Historiker und andere Forscher nur bis zum Jahr 1939 zugänglich. Die darauf folgenden Jahre, die das Pontifikat Papst Pius XII. und das Verhältnis des Heiligen Stuhls zum Dritten Reich betreffen, sind immer noch unter Verschluss.

Die von Don Valentini gemachten Entdeckungen beim Auffinden der Opfer der SS sind jetzt Wort für Wort nachzulesen. In einer Ausstellung, die einmalig ist. Zum ersten Mal überhaupt stellt das vatikanische Geheimarchiv Dokumente aus. 100 sind es an der Zahl. Bischof Giovanni D'Ercole, als ehemaliger Mitarbeiter im vatikanischen Staatssekretariat einer der besten Kenner des Kirchenstaates, betont die Bedeutung der Ausstellung:

"Der Vatikan besitzt Dokumente, die fast komplett der wissenschaftlichen Öffentlichkeit zugänglich sind. In der Ausstellung wird unter anderem die päpstliche Bulle mit der Exkommunikation von Martin Luther gezeigt, eine Seidenschriftrolle, mit der die chinesische Kaiserin Wang Papst Innozenz X. 1650 ihre Konversion zum Katholizismus verkündete, sowie eine Pergamentrolle, die Anklagepunkte gegen den Templerorden beinhaltet. Die Ausstellung gibt Einblick in ein Archiv, über das Romanautoren viel schreiben und die Leute immer wieder mit viel Unsinn hinters Licht führen."

Wie zum Beispiel der US-amerikanische Erfolgsautor Dan Brown mit seinem Buch und dem dazu gedrehten Film "Illuminati". Die Wirklichkeit sieht ganz anders aus. Das reale Geheimarchiv ist viel banaler als im Film, historisch aber viel spannender. Die Ursprünge des vatikanischen Geheimarchivs gehen auf das vierte Jahrhundert zurück. Schon Papst Julius I. (337 bis 352) sammelte sämtliche Akten zu Schenkungen und Legaten für die Kirche, berichtet Barbara Frale, Historikerin im vatikanischen Archiv:

"Das Wort 'geheim' bezieht sich auf das eigentliche Privatarchiv der Päpste. Es existierten mehrere solcher Archive. Erst Paul V. gelang es 1612 den Großteil aller Dokumente im Vatikan zu ordnen. So entstand das so genannte Geheimarchiv. Die Aufarbeitung aller Dokumente nimmt extrem viel Zeit in Anspruch. denn mit den Jahrhunderten, seit der frühen Kirche, wuchs das Archivmaterial."

Dass die Jahre ab 1939 noch nicht der internationalen Forschergemeinschaft zugänglich sind, habe nichts mit vatikanischer Geheimnistuerei zu tun, weiß Hubert Wolf, Kirchenhistoriker an der Universität Münster. Wolf erforscht seit Jahren die im Geheimarchiv aufbewahrten Dokumente zu Papst Pius XII.:

"Das vatikanische Archiv hat ungefähr 120 laufende Kilometer Akten. Es sind 100.000 voluminöse Schachteln nur für den Pontifikat Pius XI. Für Pius XII. schätzt man 200 bis 250 Tausend solcher Einheiten. Und die sind jetzt dabei, im vatikanischen Archiv, diese Dinge so voranzutreiben, dass in 3, 4, 5 Jahren die Öffnung des gesamten Pontifikats von Pius XII. kommt."

Vom Versuch historisch unbequeme Dokumente unter Verschluss zu halten, könne, so Wolf, keine Rede sein. Vielmehr gehe es um die gewissenhafte Aufarbeitung aller Dokumente, ihre Nummerierung, elektronische Erfassung und historische Einordnung, bevor diese öffentlich gemacht würden. Die Dokumente zum SS-Terror in den Fosse Ardeatine sind bereits fertig zur Veröffentlichung – und werden deshalb auch in den kapitolinischen Museen gezeigt.
Bei den älteren Dokumenten, die jetzt zu sehen sind, gibt es diese Probleme nicht – wie zum Beispiel bei dem Brief, mit dem Maria Stuart Papst Sixtus V. ihr Todesurteil mitteilt, oder dem Schreiben der französischen Ordensschwester Bernadette Soubirous an Pius XI., in dem sie von ihren Marienerscheinungen in Lourdes berichtet.

Die Ausstellung präsentiert auch einen kuriosen Brief Michelangelos an einen Bischof der römischen Kurie. Nach dem Tod von Papst Paul III. im Januar 1550 und der damit einher gehenden Schließung der Baustelle für den neuen Petersdom beklagt sich Michelangelo in deutlichen Worten, von einem Tag auf den anderen arbeitslos geworden zu sein. Auch die Gehälter für seine Arbeiter, schimpft er, würden nicht mehr weiter ausgezahlt. Erst mit der Wahl des neuen Papstes Julius II. im Februar des gleichen Jahres konnte das Künstlergenie mit seiner Arbeit fortfahren.

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