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StartseiteCampus & KarriereOhne Abi an die Uni09.03.2010

Ohne Abi an die Uni

Wie attraktiv ist ein "Studium für Handwerker"?

Wer studieren will, muss Abitur oder Fachabitur haben – lange galt diese Grundregel in allen deutschen Bundesländern. Heute gilt sie als überholt, denn auch über eine berufliche Qualifikation ist es möglich, zu studieren.

Von Susanne Lettenbauer

Auch Handwerker wie Tischler können sich nach der Ausbildung universitär weiterbilden.  (AP)
Auch Handwerker wie Tischler können sich nach der Ausbildung universitär weiterbilden. (AP)

Steve Buklet steht vor dem Messestand der Fachhochschule Coburg.

"Also mein Name ist Steve Buklet. Ich habe vor meinem Studium eine Tischlerlehre gemacht und studiere jetzt an der FH Coburg."

Gemeinsam mit seinen Kommilitonen hat Buklet den optischen Messeauftritt seiner Hochschule gestaltet. Der erste große Praxistest für den im siebten Semester studierenden Handwerker. Nach seinem Abschluss wird er als Innenarchitekt arbeiten können - ein Traum für den gelernten Tischler:

"Durch meine Lehre habe ich eher eine Abneigung gegen das Handwerk entwickelt. Das war relativ schnell klar, dass ich eher theoretisch und gestalterisch tätig sein möchte. Diese eher ausführende Kraft, der Hersteller, das war mir zu wenig. Aber ich möchte es auch nicht missen. Das ist eine gute Grundlage für so ein Studium, gerade in meinem Bereich und das war eine super Erfahrung."

Mit 650 Euro staatlicher Förderung in der Tasche und einigen kleinen Aufträgen nebenbei kommt Buklet finanziell gut durchs Studium. Aufgrund seiner abgeschlossenen Lehre fallen ihm praktische Studienfächer wie Maschinen- und Stoffkunde leicht. Er darf auch die Maschinen der Fachhochschule bedienen, im Gegensatz zu seinen Kommilitonen ohne Berufsausbildung. Für seinen Kommilitonen Christoph Drews, der ebenfalls am Messestand steht, eine Bereicherung:

"In der Praxis verschmilzt das so ein bischen. Also die haben ihre guten Ideen, wir haben die Ideen, wenn wir was bauen müssen, dann unterstützen die einen. Die dürfen eben auch an die Maschinen ran in den Werkstätten, wo wir nicht ran dürfen."

"Naja, aber so groß ist der Unterschied jetzt nicht. So vielleicht drei Jahre, wir sind ja noch jung. Natürlich haben sie fachlich ein paar Vorteile, aber einen großen Unterschied rein menschlich merkt man nicht."

"Ich hätte nicht gedacht, dass so viele Holzbauer, also Schreiner da sein würden, aber da habe ich auch nicht drüber nachgedacht."

Melanie Köber, Studentin ohne abgeschlossene Lehre am Messestand der Fachhochschule Rosenheim, war anfangs erstaunt und dann heilfroh über die zahlreichen Handwerker im Studiengang Innenausbau. Die Ideen der Abiturienten und die praktischen Fähigkeiten der Handwerker ergänzen sich oft ideal.

Rudolf Weissbacher aus München hat seinen Abschluss bereits geschafft. Auch er lernte Tischler, wurde Meister und suchte in dem Studium eine neue Herausforderung, auch wenn die drei Jahre Wochenendstudium nicht einfach waren:

"Für mich war das Ziel der Übung mal wegzukommen aus der immer gleichen Schiene, auch mal wegzukommen vom Holz.
Wenn man dann da sitzt, dann hat man oft das Gefühl, was mache ich hier eigentlich. Aber wenn man das gesamte Paket dann mal anschaut, dann ist das sehr stimmig. Der Kopf wird einfach angeregt. Da passiert dann viel im Kopf, worüber man noch nicht nachgedacht hat früher."

Martin Illner, Studienberater der Fachhochschule Rosenheim, bemerkt ein wachsendes Interesse aus dem Handwerk an einem Hochschulstudium. Bei den Schnuppertagen kommen immer öfter auch Handwerksmeister:

"Von den Normalstudierenden, den Regelstudierenden in den Studienfächern Holztechnik, Holzbau und Innenausbau haben wir immer so 60 bis 80 Prozent, das unsere Erstsemester neben Abi oder Fachabi eben auch eine einschlägige Berufsausbildung mitbringen, das heißt für die Holztechnik und Innenausbau sind es Schreiner, Tischler, Raumausstatter, Bauzeichner. Bei denen, die Holzbau studieren, ist die Zimmererausbildung sehr stark."

Trotzdem sind Meister unter den studierenden Handwerkern noch Mangelware, zumindest in Rosenheim, sagt Illner. Entweder weil die Meister ihre Gesellen auf die Hochschule schicken oder weil sie mit der Doppelbelastung Beruf/Ausbildung überfordert sind und nach zwei Semestern wieder aufgeben:

"Ja, es ist vor allem die Frage, ob es sinnvoll ist, weil der Meister eben doch praxisorientierter ist. Und wenn dann einer seine Meisterausbildung abgeschlossen hat und studiert dann nochmal vier Jahre, oder fünf, weil er sich schwertut und steigt dann als Ingenieur mit mittelprächtigem Abschluss in einer Firma ein, da fragt dann keiner mehr, ob er einen Meister hat oder nicht."

An der Fachhochschule Coburg, die in diesem Jahr mit einem Stand auf der Internationalen Handwerksmesse vertreten ist, gibt es mittlerweile 40 Meister, vor allem im Automobilbau. Bei 3500 Studierenden insgesamt keine überwältigende Zahl, so Manfred Rycken, Vizepräsident des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks (ZDH).

"Also das ist ein Angebot, was wir als Handwerk ganz bewusst so gemacht haben, um den jungen Leuten klar zu machen, sie können auf diesem Wege alle Bildungen erfahren, die wir in Deutschland vorrätig haben. Wir brauchen auch die Meister, mit diesen Erfahrungen. Könnten mehr werden, aber im Moment ist es ein kleiner Anfang."

Der Feintechniker Michael Scheiding aus Berlin sieht ein Studium für Meister auch eher skeptisch. Seine Firma, die für die Weltraumforschung Picosatelliten produziert, stellt entweder Ingenieure oder Meister ein.

"Ich fände es besser, wenn Facharbeiter nach drei Jahren Berufserfahrung studieren würden, denn das sind doch Zweige, die auseinandergehen. Es gibt ja eine Entwicklung, vom Gesellen zum Meister auf der einen und vom Gesellen zum Ingenieur auf der anderen Seite. Das finde ich sinnvoller."

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