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StartseiteCampus & KarriereOhne Eltern geht es in der Bildungsrepublik Deutschland nicht02.05.2012

Ohne Eltern geht es in der Bildungsrepublik Deutschland nicht

An der professionellen Zusammenarbeit mit den Schulen hapert es noch

Rund acht Millionen Eltern engagieren sich ehrenamtlich an den Schulen. Eine Arbeit, die langfristig ohne finanzielle Ressourcen nicht zu leisten ist, meint der Vorsitzende des Bundeselternrats. Im europäischen Vergleich hinke Deutschland hier noch hinterher.

Von Verena Kemna

In manchen Schulen müssen Eltern nicht nur den Unterricht gestalten, sondern auch die Klassenräume putzen.    (picture alliance / dpa)
In manchen Schulen müssen Eltern nicht nur den Unterricht gestalten, sondern auch die Klassenräume putzen. (picture alliance / dpa)

Der Bundeselternrat steht als Arbeitsgemeinschaft für etwa acht Millionen Eltern, die sich in den Bundesländern ehrenamtlich an den Schulen ihrer Kinder engagieren. Auch die mehr als 100 Delegierten im Bundeselternrat arbeiten ausschließlich ehrenamtlich. Sie treffen sich nach Feierabend, in der Freizeit und am Wochenende. Eine Arbeit, die langfristig ohne finanzielle Ressourcen nicht zu leisten ist, erklärt Hans-Peter Vogeler, Vorsitzender des Bundeselternrates. Schließlich ginge es darum, die Zusammenarbeit von Eltern und Lehrer professionell zu unterstützen. Im Vergleich zu anderen europäischen Ländern steht Deutschland hinten an.

"16 Bundesländer, 16 zum Teil grundsätzlich andere Organisationsstrukturen. Der fundamentale Unterschied zum Ausland, zu anderen europäischen Ländern ist, dass es dort professionalisiert ist, dass es dort fest angestellte Mitarbeiter gibt, die einen full time Job haben, sich hauptberuflich um Bildungsthemen zu kümmern und dort dann die Schulungsfunktion zu organisieren und wahrzunehmen."

Ein Vision für die Zukunft. An der Nürtingen Grundschule in Berlin Kreuzberg engagiert sich Anja Scheffers seit Jahren als Elternvertreterin. Die Nürtingen Grundschule repräsentiert das multikulturelle Leben im Kiez rund um den Mariannenplatz. Was anderswo noch immer etwas Besonderes ist, hat sich an dieser Grundschule seit Jahren bestens bewährt, meint Anja Scheffer. Lehrer- und Elternvertreter treffen sich nicht nur, wenn es Probleme gibt, sondern regelmäßig.

"Wir treffen uns jede Woche Freitag früh um acht mit dem Schulleiter, mit der Leiterin des Schülerinnenhauses und mit dem Leiter der Schulstation und besprechen alles, was wichtig ist und protokollieren es dann. Dieses Protokoll wird dann zeitnah an alle Eltern der Schule versendet, an alle Lehrerinnen und Lehrer und dann sind alle informiert."

Wer macht mit beim Sommerfest, wie funktioniert die Zusammenarbeit mit dem Förderverein, wie können Fördergelder für die Basketball AG organisiert werden? Die Schulleitung der Nürtingen Grundschule unterstützt die offene Gesprächsatmosphäre beim wöchentlichen Jour Fixe, sagt Anja Scheffer. Die engagierte Mutter wünscht sich, dass mehr Eltern mit Migrationshintergrund mitmachen. Eine Herausforderung, trotz deutsch-türkischem Elterncafé und Elternstammtisch.

"Also dass es nicht so eine Gruppe von elitären Eltern ist und bleibt, sondern, dass eben alle noch mehr reinkommen und mitarbeiten können. Wir geben uns sehr große Mühe, dass es keine Sprachbarrieren gibt, dass in verschiedenen Gremien Dolmetscher sitzen vom Gemeindedolmetscherdienst, da arbeiten wir sehr stark dran."

Auch noch so engagierte Eltern können finanzielle Nöte an den Schulen nicht auffangen. So müssen in Berlin Lehrer an der Nürtingen Grundschule nicht nur den Unterricht gestalten, sondern auch noch die Klassenräume putzen.

"Warum gibt es nur vier Stunden Zeit um eine Schule zu reinigen, warum stehen die Lehrer einmal in der Woche in ihrem Klassenzimmer und putzen? Mittlerweile ist es auch so, dass Eltern gebeten werden, da mitzumachen weil es sonst nicht zu schaffen ist. Das heißt, es wird immer mehr verteilt auf dem Rücken der Lehrerinnen und Lehrer und eben auch auf dem Rücken der Eltern, die ja nicht alle aktiv teilnehmen wollen."

Hans-Peter Vogeler vom Bundeselternrat ist überzeugt davon, dass vor allem bildungspolitische Themen der Zukunft ohne Engagement von Eltern zwangsläufig scheitern. Ein Beispiel seien die verschiedenen Modellversuche und Pilotprojekte in den Ländern zum Stichwort Inklusion. Ziel ist die Integration und Förderung aller Schülerinnen und Schüler, unabhängig von Elternhaus, Hautfarbe und Muttersprache. Der Unterricht der Zukunft müsse sich mehr als bisher an den Bedürfnissen der Schüler orientieren.

"Da lernen die Kultusminister der Länder, dass dies ohne Eltern nicht geht. Viele Länder haben schon reagiert und Gremien gegründet, in denen die Landesvertreter auch aktiv mitarbeiten."

Grundsätzlich sollten Gespräche zwischen Eltern und Lehrern an jeder Schule eher die Regel als die Ausnahme sein. Hans-Peter Vogeler setzt dem Engagement von Eltern klare Grenzen:

"Für mich sind die Eltern die Experten für ihr Kind und die Lehrkräfte die Experten für den Unterricht. Aber ich erwarte von den Lehrkräften, dass sie transparent machen, wie sie den Unterricht machen und welche Ziele sie verfolgen. Eltern sollten einer Lehrkraft nicht vorschreiben was sie in welcher Stunde zu tun hat, das geht dann doch zu weit."

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