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Ohne Moos nix los

Umwelt. - Torf ist der Stoff, auf dem fast alles im industriellen Gartenbau heranwächst. Doch Torf ist nicht nur eine attraktive Pflanzenerde, sondern auch abgebautes Moor. Um die Moorzerstörung weltweit aufzuhalten, forschen Greifswalder und Berliner Wissenschaftler gemeinsam an einem Torfersatzstoff.

Von Maren Schibilsky | 24.07.2008

    Gewächshaus des Instituts für Gartenbauwissenschaften der Humboldt-Universität zu Berlin. Am Pflanztisch überwacht Matthias Zander das Säen von Tomaten, Gurken, Basilikum und vielen anderen Gemüsen und Kräutern. Auch Zierpflanzen und Sträucher werden gesteckt. Sie sind Teil eines Experiments. Denn diese Pflanzen sollen in einer völlig neuen Gartenerde wachsen. Einer Gartenerde ohne Torf.

    "Wir versuchen Torfmoos in verschiedene gärtnerische Substrate zu mischen und verwenden da verschiedene Torfmoose. Wir versuchen mit diesem Substrat – soweit wie es geht - den Torf aus den Substraten zu verbannen."

    Denn Torfabbau bedeutet Moorzerstörung. Rund 90 Prozent aller deutschen Hochmoore wurden durch Entwässerung und Torfgewinnung vernichtet. Als große Wasser- und Kohlenstoffspeicher wären sie aber wichtig – berichtet der Greifswalder Moorexperte Hans Joosten.

    "Erst seit kurzem wissen wir, als wir Bilanzen gemacht haben, dass die entwässerten Moore weltweit verantwortlich sind für zehn Prozent aller C02-Emissionen. Wir reden über beträchtliche Mengen. Was hier geschieht ist aus Klimasicht bedeutend."

    Seit Jahren wird nach einem Ersatz für Torferde gesucht. Kompost, Holz- oder Kokosfasern brachten nie den großen Durchbruch. Jetzt sollen Torfmoose den Torf in der Gartenerde ablösen. Getrocknet und zerkleinert werden sie in die Pflanztöpfe gedrückt. Sie sind heller und gröber in der Struktur als herkömmliche Erde. Aber sie besitzen die gleichen Qualitäten wie der Torf. Sie speichern hervorragend das Wasser, bieten den Pflanzenwurzeln viel Raum und können durch ihre Nährstoffarmut für jede Pflanze entsprechend gedüngt werden – erzählt Gartenbauwissenschaftler Matthias Zander.

    "Wir sind am nächsten mit dem Torfmoos am Torf dran. Das könnte vielleicht den Erfolg bringen, dass wir die gleichen Eigenschaften erzielen, wie Torf erzielt und der Gärtner entsprechend überzeugt wird, diese Substrate in seiner Gärtnerei zu verwenden."

    Die Idee für die Mooserde stammt aus Greifswald. Seit vier Jahren erforscht Hans Joosten am Institut für Botanik und Landschaftsökologie Torfmoose. Erst im Gewächshaus, dann im Freiland. Auf einer zehn Hektar großen Versuchsfläche im niedersächsischen Westermoor hat sein Forscherteam Torfmoose gepflanzt. Eigentlich wachsen sie in jedem natürlichen Moor. Hans Joosten will sie aber zu einem nachwachsenden Rohstoff entwickeln. Innerhalb von drei Jahren ist hier ein dichter hellgrüner Moosrasen entstanden. Hans Joosten greift hinein und zieht ein zehn bis dreißig Zentimeter langes Moosbüschel heraus. Torfmoosbiomasse. Die Grundlage für die neue Gartenerde. Vier bis fünf Tonnen pro Hektar konnten die Forscher von der Universität Greifswald auf der Versuchsfläche erstmals ernten. Eine beachtliche Menge. Joosten:

    "Das Neue hier ist, dass wir von einem Produkt, was eigentlich auf primitivste Weise gewonnen wird, dass wir davon versuchen, einen neuen Landwirtschaftszweig zu machen. Wir wollen Torfmoos als neues Landwirtschaftsgewächs haben."

    Hans Joosten hat es genau ausgerechnet: Wenn man auf einer Fläche – halb so groß wie der Bodensee - Torfmoose anbauen würde, könnte der jährliche Bedarf an Gartenerde in Deutschland gedeckt werden. Abgetorfte Moorflächen oder Moorgrünland sind für den Moosanbau geeignet. Am Berliner Institut für Gartenbauwissenschaften muss die Mooserde jetzt ihre Tauglichkeit für Tomate, Gurke und Co. beweisen. Erste Anwuchserfolge gibt es bereits. Im Herbst werden endgültige Ergebnisse erwartet.