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StartseiteHintergrundOhne Netzwerk läuft nichts10.01.2005

Ohne Netzwerk läuft nichts

Die unterschiedlichen Karrierewege von Frauen und Männern in der deutschen Spitzenforschung

<em> Deutschland verfügt über keine Bodenschätze, unsere größten Schätze sind unsere Köpfe. Und deshalb brauchen wir ein leistungsfähiges, ein innovatives Forschungssystem, weil wir unseren Wohlstand nur über unsere Köpfe generieren können. </em>

Von Gaby Mayr

Im molekularbiologischen Labor (AP)
Im molekularbiologischen Labor (AP)
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Bundesforschungsministerin Edelgard Bulmahn bringt auf den Punkt, warum Wissenschaft für Deutschland so wichtig ist. Und Katherina Reiche, forschungspolitische Sprecherin der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, macht klar:

Spitzenforschung entscheidet ganz enorm über die Attraktivität eines Forschungsstandortes, also wo schon kluge Köpfe sind, da kommen noch mehr kluge Köpfe hin, und deshalb brauchen wir kluge Köpfe, die den Standort Deutschland auch nach außen hin vertreten.

Deutschlands Zukunft hängt entscheidend ab von der Wissenschaft - daran besteht kein Zweifel.

Umso erstaunlicher, dass ein beachtliches wissenschaftliches Potenzial ungenutzt bleibt. Wertvolle menschliche Ressourcen werden verschwendet. Genauer: Weibliche Ressourcen werden vergeudet.

Die altehrwürdige Universitätsstadt Tübingen. Ein wenig außerhalb, auf einem Hügel inmitten von Einfamilienhäusern, steht ein nüchternes Gebäude mit großen Fensterfronten. Hier ist eines von rund 80 Instituten der Max-Planck-Gesellschaft untergebracht. Die MPG ist die erste Adresse für Spitzenforschung in Deutschland. Direktorin am Tübinger Institut für Entwicklungsbiologie ist Nobelpreisträgerin Christiane Nüsslein-Volhard:

In Amerika ist es ganz klar, dass die Frauen dort viel bessere Möglichkeiten haben in der Wissenschaft, Positionen, auch höhere Positionen zu gewinnen, und das ist bei uns noch ein bisschen altmodisch, würde ich sagen, auch im Vergleich mit anderen europäischen Ländern.

Die Professorin zieht sich ihre Jacke fest um den Körper - sie ist schwer erkältet. Den verabredeten Interviewtermin hat sie dennoch eingehalten, und danach will sie noch einiges im Institut erledigen. Wissenschaft erfordert hohes Engagement. Herausragende Wissenschaft, das sagt die Nobelpreisträgerin unmissverständlich, ist nur etwas für begeisterte Forscherinnen und Forscher, die ihrer Arbeit mit Hingabe nachgehen.

Es ist ja ganz klar, dass Frauen es genauso gut können wie Männer, ich glaub, da gibt's auch gar keine Debatten mehr. Aber sie haben doch einen etwas erschwerten Zugang, besonders zu leitenden Positionen, und das finde ich sehr schade. Es gehen der Forschung furchtbar viele Talente verloren, wenn Frauen nicht wirklich die gleichen Chancen haben.

Das gilt für alle Gebiete der Wissenschaft.
In vielen Disziplinen werden obendrein wichtige Fragen nicht gestellt und Ergebnisse einseitig interpretiert, wenn männliche Forscher mit ihrer männlichen Perspektive unter sich bleiben.

In der Max-Planck-Gesellschaft sind derzeit 80 Prozent des wissenschaftlichen Personals männlich, bei den Direktoren sind es über 95 Prozent. So als hätte die renommierte Forschungseinrichtung einen Ausspruch ihres Namensgebers zum Leitmotiv ihrer Personalpolitik gemacht. Im Jahre 1897 hatte der Physiker geäußert:

Amazonen sind auch auf geistigem Gebiet naturwidrig...Im allgemeinen kann man nicht stark genug betonen, dass die Natur selbst der Frau ihren Beruf als Mutter und als Hausfrau vorgeschrieben hat.

Nur für absolut überragende Wissenschaftlerinnen war Planck bereit, eine Ausnahme zu machen: Die später weltberühmte Atomphysikerin Lise Meitner wurde 1912 für ein Jahr Assistentin an seinem Institut.

Mitte der Achtzigerjahre erhielt Entwicklungsbiologin Nüsslein-Volhard einen Direktorenposten in der Max-Planck-Gesellschaft:

Wie Spießrutenlaufen war das in den Versammlungen mit nur Männern, und ich hab mich richtig geniert und geduckt. Ich war zwar stolz drauf, dass ich da eine von zwei Frauen war, aber ich hab trotzdem mich eigentlich eher immer zurückgehalten und mich nicht wirklich getraut, da laut aufzutreten.

Erst in jüngster Zeit kommt ein wenig Bewegung in das Verhältnis zwischen Männern und Frauen in der deutschen Spitzenforschung - unter dem Druck von Frauen innnerhalb und außerhalb der Wissenschaft, und weil das Männerland Deutschland international negativ auffällt. Jetzt soll die Kollegin das Image aufpolieren:

Da gab´s eine Tagung in der Max-Planck-Gesellschaft über Embryonenforschung, und da wurde ich angerufen und da wurde mir gesagt: Hören Sie zu, Sie müssen unbedingt da hinkommen, denn wir haben gemerkt, wir haben überhaupt keine Frau in der Tagung. Und denen ist noch nicht mal eingefallen, dass ich Embryologin bin. Die hätten mich als Embryologin einladen sollen, aber das ist ihnen nicht gekommen. Und das war so ein Fall, wo ich wirklich wütend war.

Wissenschaftlerinnen werden bei Tagungen aufs so genannte Damenprogramm für mitreisende Ehefrauen verwiesen oder als Assistentin angesprochen. Männer übergehen Redebeiträge ihrer Kolleginnen, nur um ein paar Minuten später selber das Gleiche zu sagen oder den Beitrag einem Kollegen zuzuschreiben statt sich auf die Kollegin zu beziehen.

Im Labor klopft und klappert es, emsige junge Leute eilen über die Gänge oder sitzen am Computer. Der Chef, Herbert Jäckle, Professor am Max-Planck-Institut für Biophysikalische Chemie in Göttingen, sitzt in seinem kleinen Büro, der Raum seiner Sekretärin ist winzig. Repräsentatives Gepränge - immerhin ist Jäckle momentan Vizepräsident der Max-Planck-Gesellschaft - ist nicht auszumachen.

Mit 27 hab ich promoviert, bin dann anschließend nach USA gegangen, kam zurück nach Deutschland und habe dann damals geheiratet. Und dann sind wir nach Tübingen gezogen und hatten dort unser erstes Kind, ich war damals Nachwuchsgruppenleiter, relativ jung für einen Nachwuchsgruppenleiter in Deutschland. Damals war ich 32.

Herbert Jäckle hat die Schritte seiner Laufbahn zügig absolviert. Er konnte sich seiner Karriere ungehindert widmen.

Wir haben dann unser zweites Kind bekommen, eben auch in dieser Phase, wo ich eigentlich Karriere hätte machen müssen, und meine Frau hat mir eigentlich den Rücken frei gehalten.

Es folgten der Wechsel nach München und das dritte Kind. Eine gute Kinderbetreuung war auch in der bayerischen Landeshauptstadt nicht zu finden - also blieb die gelernte Lehrerin endgültig zu Hause.

Er sei seiner Frau dankbar, sagt Herbert Jäckle. Solch männliche Danksagung - gerne geäußert, nachdem alle Entscheidungen gefallen sind - ist allerdings folgenlos: Er hat Karriere gemacht, sie nicht. Ein häufig anzutreffendes Muster bei Max Planck:

Wenn eine Frau Karriere primär verfolgt, dann ist das Image dieser Frau nicht so wie das Image des Mannes wäre. Wenn ein Mann weggeht und sagt: Ich muss da weltweit, und jetzt komm doch mit, dann ist es selbstverständlich. Wenn eine Frau das tut, wird selbst von Kollegen gesagt, naja, schau mal, der arme Kerl. Bei einer Frau habe ich noch nie gehört: Die arme Frau.

Wissenschaftlerinnen, die es dennoch bei Max Planck zu etwas bringen, haben oft keine Kinder - wobei es natürlich ein paar Vorzeige-Ausnahmen gibt. Forscherinnen, die ein Kind wollen, steigen häufig aus - irgendwann auf dem Weg nach oben:

Das hängt damit zusammen, dass es in Deutschland sehr schwer ist, Familie mit Beruf aus Sicht der Frau zu vereinbaren, weil einfach die Hilfestellungen im sozialen Bereich hier in Deutschland wirklich fehlen.

Keine Kinderkrippen, keine Kindergärten. Halbtagsschulen schicken die Kinder mittags nach Hause. Das sind dicke Bremsklötze für Karrieren von Wissenschaftlerinnen. Außerdem fehlt das Engagement der Männer. Kindererziehung als Frauenthema, Vereinbarkeit von Beruf und Familie als Frauensache. So formuliert es auch Vizepräsident Jäckle. Und die Männer? Fühlen sich nicht angesprochen.

Am selben Institut wie Herbert Jäckle arbeitet Mary Osborn. Die Zellbiologin genießt weltweites Ansehen aufgrund ihrer Forschungen über die Mikroarchitektur der Zelle. Auch für ihre Karriere war der Ehepartner sehr wichtig.

Konzentriert betrachtet die Professorin, was ihr drei Nachwuchswissenschaftlerinnen im Labor zeigen. Mit schnellen Schritten eilt sie durch die Gänge des Instituts. Des Instituts, nicht ihres Instituts. Direktoren des Instituts sind elf Männer, darunter Osborns Ehemann. Professorin Osborn ist formal seine Mitarbeiterin.

Es war eine schwierige Entscheidung nach Deutschland zu gehen. Mein Mann ist älter als ich, er war damals in seiner Karriere schon weiter, er war Professor in Harvard und hatte ein Angebot, als Direktor an dieses Max-Planck-Institut zu kommen. Das ist eine sehr attraktive Position, weil es einem erlaubt, eine eigene Forschung aufzubauen und über Jahrzehnte zu verfolgen, falls man jung genug berufen wird.

Mary Osborn und Ehemann Klaus Weber hätten zwei Stellen gebraucht und nicht eine, als sie vor 30 Jahren nach Deutschland kamen.

Wenn wir in den USA geblieben wären, hätten wir wahrscheinlich unabhängiger voneinander gearbeitet, weil die USA da weiter sind. Es ist vor allem ein Problem für junge Wissenschaftler, die am Anfangihrer Karriere stehen. Die brauchen zwei Stellen an einem Ort und nicht einen Job in Berlin und einen in Bonn - denn das ist nicht gut, wenn man eine Familie gründen will.

Wissenschaftlerinnen haben nicht selten einen Lebenspartner, der Kollege ist. Wenn nur eine Stelle zur Verfügung steht, steckt oft die Frau zurück. Ihre Karriere bekommt einen Knick, aus privaten Gründen, auch wenn das Paar keine Kinder hat.

Anderswo verzichten Frauen nicht automatisch für Mann und Kind, hat Mary Osborn erfahren, als sie mit Kolleginnen eine europäische Studie zur Lage von Wissenschaftlerinnen verfasste.

Unsere Kolleginnen aus Spanien und anderen Mittelmeerländern haben gesagt, da gäbe es einen kulturellen Unterschied. Sie hätten so hart für ihre Karriere gearbeitet, dass sie nicht im Traum daran dächten, ihren Beruf aufzugeben, wenn sie Kinder bekommen.

Als Mary Osborn vor 30 Jahren nach Deutschland kam, hat es sie zunächst nicht besonders interessiert, dass es bei Max Planck so wenige Kolleginnen gab. Aber dann holte der Geschlechterkampf sie doch ein. Das war Anfang der Neunzigerjahre. In der renommierten Wissenschaftszeitschrift Nature erschien ein Leitartikel, der den Forscherinnen riet, einfach abzuwarten, mit der Zeit würden sie schon mehr werden. Ins gleiche Horn stießen damals Stellungnahmen aus der Max-Planck-Gesellschaft. Zu dem Zeitpunkt hatte Mary Osborn bereits mehr als 15 Jahre abgewartet. Ihr platzte der Kragen und sie begann, sich für Frauenkarrieren in der Wissenschaft zu engagieren. Heute weiß sie, dass ihr Verhalten einem weit verbreiteten Muster folgte:

Es gibt einen Unterschied, wie jüngere und wie ältere Frauen empfinden. Die Untersuchung des Massachusetts Institute of Technology macht sehr deutlich, dass die jüngeren Frauen sich darum kümmern, wie sie Kinderversorgung und Beruf unter einen Hut bekommen. Und es sind die Älteren, Frauen meines Alters, die sagen: Man muss etwas tun, um die Diskriminierung der Frauen zu beenden.

Es sind viele Puzzle-Teile, die zusammengesetzt dazu führen, dass Frauen in der Wissenschaft das Nachsehen haben. Wie dieser Mechanismus bei der Max-Planck-Gesellschaft funktioniert, hat Nina von Stebut in einer groß angelegten Studie untersucht. Sie ist erschienen unter dem Titel Eine Frage der Zeit? Zur Integration von Frauen in die Wissenschaft. Mit einem Vorurteil räumt von Stebut gleich auf:

Frauen werden häufig als die eher Zurückhaltenderen beschrieben, es wird davon ausgegangen, dass sie weniger zielstrebig, weniger planend sind. Und hier haben wir auf dieser Persönlichkeitsebene eben viele Ähnlichkeiten gefunden zwischen Männern und Frauen. Männer und Frauen, die natürlich auch so viel investiert haben in ihre Ausbildung, den großen Schritt in die Max-Planck-Gesellschaft gemacht haben, unterscheiden sich hier nicht.

Warum aber gehen die Karrierewege von Frauen und Männern nach dem Examen derart auseinander? Was bremst die Frauen, was beflügelt die Männer?

Ein Beispiel ist, dass Vorgesetzte Frauen für Dissertationen richtig freistellen. Was natürlich zunächst ein Vorteil ist und auch immer wieder dazu führt, dass Frauen schneller promovieren als Männer. Männer in der gleichen Phase werden häufiger auf Konferenzen geschickt, sind dadurch natürlich auch sichtbarer in der Wissenschaftsgemeinschaft, haben hier zwar eine höhere Belastung, aber am Ende dieser Phase der Promotion unter Umständen einfach auch bessere Voraussetzungen und auch ein besseres professionelles Selbstbewusstsein und nicht zuletzt natürlich auch ein besseres Netzwerk, was das auch mit speist.

Netzwerke, Sichtbarkeit: Zwei Schlüsselworte für Aufstieg in der Wissenschaft. Junge Wissenschaftler, Männer wie Frauen, denken meist, die eigene Leistung, das Engagement werde ihnen den Weg an die Spitze ebnen. Das ist ein Irrtum. Ohne Netzwerk, ohne Förderung durch die Älteren gelingt kaum eine Karriere. Und weil Männer in der Wissenschaft das Sagen haben, sind die Erfolg versprechenden Netzwerke männlich.

Netzwerkbildung tendiert dazu, dass sich Gleiches zu Gleichem gesellt, und Geschlecht ist eben ein sehr sichtbarer Faktor, etwas, wo man auch auf psychologischer Ebene meint, Nähe herstellen zu können, leichter als zwischengeschlechtlich. Und Frauen haben hier sicher weniger Möglichkeiten, in diesen Netzwerken mit zu sein.

Bei Max Planck sind die weltweit gespannten Netzwerke besonders wichtig. Denn bis vor kurzem wurden Direktorenstellen nicht öffentlich ausgeschrieben. Stattdessen wurde in der internationalen Wissenschaftsgemeinde nach geeigneten Kandidaten für den zu besetzenden Posten gesucht. Dabei ist vielfach belegt, dass nicht öffentliche, nicht strikt zu kontrollierende Verfahren Frauen benachteiligen.

Seit kurzem wird nun ein Teil der Stellen ausgeschrieben. Das allein garantiert allerdings noch kein objektives Verfahren, weiß Vizepräsident Herbert Jäckle aus eigener Erfahrung:

Also, ich würde nie zugeben, bewusst, und ich wäre mir auch nie, ich bin ein Mann LACHT, nie einer Schuld bewusst, eine Frau benachteiligt zu haben. Und sicherlich habe ich das getan. Das passiert einfach unbewusst, wenn man das Interview hat mit dieser Frau und mit diesem jungen Mann, kann durchaus sein, man gibt dem Mann STÖHNT den Vorzug aufgrund von irgendwelchen Gefühlen, die man hat, man versucht das zu rationalisieren und zu objektivieren, und dann ist man auch davon überzeugt, man macht keine Fehler.

Um die Männerdominanz einzudämmen, hat die Max-Planck-Gesellschaft einige hoch qualifizierte - allerdings befristete - Stellen speziell für Nachwuchs-Wissenschaftlerinnen eingerichtet. Vergleichbare Stellen, die beiden Geschlechtern offen stehen, sind zu 75 Prozent mit Männern besetzt.

Die Stellen exklusiv für Frauen lassen manche Männer offenbar nicht ruhen: Eine für beide Geschlechter offene Stelle, so ist zu hören, wurde mit einem Mann besetzt, und zwar mit dem Argument, die ausgezeichnet qualifizierte Frau bekäme ja sowieso eine von den "Frauen-Stellen" und müsse deshalb nicht berücksichtigt werden.

Das Beispiel zeigt, wie gut gemeinte Regelungen ins Leere gehen. Dennoch hält sich der Druck auf die Männer in der Spitzenforschung in Grenzen.

Ein "Pakt für Forschung" soll es jetzt richten: Jährlich drei Prozent mehr Geld soll es geben, wenn bestimmte Bedingungen erfüllt werden, unter anderem bei der Frauenförderung. Die Einrichtung von sieben zusätzlichen Stellen für Direktorinnen hat die Max Planck Gesellschaft mit ihren rund 80 Instituten in diesem Zusammenhang als Frauen fördernde Maßnahme angeboten. Allerdings: Allein am Institut für biophysikalische Chemie, an dem Herbert Jäckle und Mary Osborn arbeiten, ist die Zahl der Direktoren innerhalb der letzten vier Jahre um zwei erhöht worden: von neun auf elf Männer!

Immerhin macht Bundesforschungsministerin Edelgard Bulmahn deutlich, dass auch ihre Geduld Grenzen hat und dass es höchste Zeit ist für Chancengleichheit in der Spitzenforschung:

Ich sage ganz klar, das ist eine gesellschaftliche Aufgabe. Wir können es uns nicht leisten, dieses Potenzial zu verschwenden und zu vergeuden. Das hat nichts mit Druck zu tun, sondern es ist eine Selbstverständlichkeit, denn die Forschungsorganisationen werden schließlich mit öffentlichen Forschungsförderungsmitteln finanziert.

Katherina Reiche, die forschungspolitische Sprecherin von CDU und CSU, will die Männer nicht direkt ansprechen und belässt es bei Durchhalteparolen an die Wissenschaftlerinnen:

Wenn erstmal genügend Frauen bewiesen haben, dass Familie und Beruf miteinander zu vereinbaren sind, wenn genügend Frauen in den Positionen sind, um sich auch gegenseitig zu fördern, tatsächlich Netzwerkbildung zu betreiben, dann glaube ich kommen wir weiter als wenn wir in einem Gesetz vorschreiben, wie viele Quoten zum Beispiel bei Besetzungen zu verfolgen sind.

Ein Aquarium plätschert im schicken Foyer des Max Planck Instituts für Marine Mikrobiologie in Bremen. Seit Ende 2003 arbeitet Antje Boetius dort als Gruppenleiterin. Außerdem hat die Expertin für Meeresbakterien eine Professur an der privaten International University Bremen.

Ich komme aus der Generation Kinder, die mit Jacques Cousteau und Hans Hassgroß geworden sind, und das war für mich so faszinierend, die Bilder zu sehen, was man im Meer alles entdecken kann, dass ich mir schon im Alter von sechs vorgenommen hab: Ich werd Meeresforscher.

Mit Begeisterung erzählt Antje Boetius von wochenlangen Expeditionsreisen. Behindert fühlte sie sich in ihrer Karriere bisher von nichts und niemandem. Nerven sie die Fragen zu Karrierehindernissen für Wissenschaftlerinnen?

Überhaupt nicht, das ist ein ganz wichtiges Thema. Je älter ich werde und je mehr ich arbeite, merke ich, wie wichtig es ist zu verstehen, dass es um Rollenmodelle geht und das Besetzen von Rollen, und das hat einen enormen Effekt auf den Nachwuchs.

Also wenn man sich meine Arbeitsgruppe anguckt, ganz klar habe ich wesentlich mehr Doktorandinnen als Leute um mich rum in diesem Fach. Das trifft auch für alle anderen Wissenschaftlerinnen zu. Das ist einfach der Effekt, dass der Nachwuchs sieht: Mensch, der und der Typ kann das und das, oder die und die Typin, das ist doch für mich auch eine Möglichkeit!


Das Thema ist allgegenwärtig. Denn überall, wo einflussreiche Posten zu besetzen sind, läuft das gleiche Spiel: Männer haben die Posten längst unter sich verteilt. Seien es Posten als Gutachter, die über Wohl und Wehe einzelner Forscher und ganzer Institute richten. Oder sei es bei einem neuen europäischen Journal für Geowissenschaften:

Das Editorial Board, das über die Annahme von Publikationen entscheidet, besteht zu 90 Prozent aus Männern, verpasst völlig die Repräsentanz hier. Es gab Kritik aus dem Ausland daran, es gab eine Diskussion in dem Editorial Board: Müssen wir aufstocken, müssen wir da eine Quote einführen?

Die Antwort der Männerrunde lautete: Nein! Trotzdem, Antje Boetius bleibt gut gelaunt. Sie ist jetzt 37 und äußerst tatkräftig. Im Freundes- und Kollegenkreis, erzählt sie, kommen gerade die Kinder. Überall, ohne Ausnahme, mache der Mann weiter wie bisher. Die Frau unterbricht die Karriere, bleibt zu Hause. Antje Boetius und ihr Lebenspartner haben entschieden, dass sie kein Kind bekommen werden.

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