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StartseiteCorsoDas Magazin, das Trump möglich machte22.01.2021

Ohne "Playboy" kein DonaldDas Magazin, das Trump möglich machte

1990 posierte Donald Trump für den "Playboy" - ein Magazin, das auch das Anti-Establisment repräsentierte. Dieses positive, fortschrittliche Image nutzte Donald Trump, denn "der 'Playboy' entwarf ein Bild, was das liberale Amerika dieser Zeit beschreibt", so die Kulturwissenschaftlerin Jire Gözen im Dlf.

Jire Emine Gözen im Corsogespräch mit Anja Buchmann

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Donald Trump mit erhobenem Zeigefinger vor einem großen Bild von ihm selbst (picture alliance / AP Photo / Carolyn Kaster)
(picture alliance / AP Photo / Carolyn Kaster)
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Er ist erst einmal weg, zumindest als US-Präsident, Donald Trump, hat aber zu seinem Abschied am Mittwoch in Washington noch angekündigt, irgendwie zurückzukommen. Ob das nun passiert oder nicht, bleibt die Frage. Aber wie konnte Donald Trump so viele Menschen von sich überzeugen oder vielleicht auch von einem Medienbild, dass er selbst von sich geschaffen hat? Mögliche Antworten darauf gibt es von der Medien- und Kulturwissenschaftlerin Jire Emine Gözen. In einem aktuellen Beitrag in der Pop-Zeitschrift beschäftigt sie sich mit diesem Thema und damit, was die Zeitschrift "Playboy" damit zu tun hat.

Anja Buchmann: Lassen Sie uns erst einmal über ein Bild sprechen. Also das, was Donald Trump zusammen mit einem Model auf dem Titel des "Playboy"-Magazins zeigt. 1990 war das. Ein Cover, worauf er immer noch stolz ist. Das hing wohl an seiner persönlichen "Wall of Fame" und er hat wohl auch Autogrammkarten mit dem Bild verteilt. Also was sieht man da? Beschreiben Sie es mal bitte.

Jire Emine Gözen: Auf dem Bild sieht man Donald Trump, wie er mit Smoking bekleidet beziehungsweise mit einem Hemd und einer Smoking-Fliege bekleidet selbstbewusst in die Kamera blickt. Und neben ihm steht das Model Brandi Brandt, die seine Smoking-Jacke sozusagen leger um sich geworfen hat und ansonsten nackt ist und in die Kamera lächelt, als ein ganz klassisches "Playboy"-Cover. Bis darauf, dass ein Mann mit drauf ist. Das passiert praktisch sonst nie auf "Playboy"-Covers.

Ein neues, subversives Männlichkeitsbild

Buchmann: Und was hat Chefredakteur Hugh Hefner mit seinem "Playboy" eigentlich für ein Männlichkeitsbild kreiert, auf das Donald Trump eben sehr gut passte und das er vielleicht auch weiter mitgeprägt hat?

Gözen: Hefner hat in den 50er-Jahren etwas ganz Geschicktes gemacht, und zwar er hat sozusagen ein neues, subversives Männlichkeitsbild, nämlich das des urbanen Junggesellen geschaffen, was sich abwendet eigentlich von diesem klassischen Nachkriegs-Männlichkeit-Ideal, was der Familienvater, der in den Suburbs lebt und seine heterosexuelle Familie versorgt, darstellt. Hugh Hefner hat sozusagen einen ‚stylishen‘, sich mit Design, Objekten und schönen Frauen umgebenden Mann inszeniert, der in den Städten wohnt, der die Innenräume kolonisiert, der eigene Bachelor-Appartments hat und damit sozusagen auch den Mann in dieser Zeit von der Frau entdomestiziert. Und das ist eine ganz besondere und ganz interessante Lesart des "Playboy", weil der ja ansonsten aus einer klassisch feministischen Perspektive erst einmal sehr kritisch gelesen wird, in Bezug auf das Weiblichkeitsbild, was man da findet. Das kann man auch durchaus machen. Allerdings ist diese Perspektive auf den Mann doch auch eine sehr interessante, weil da sozusagen ein neues Männlichkeitsbild geschaffen wird, das unsere Gesellschaft bis heute auch prägt. Also es ist sozusagen der moderne Dandy.

Buchmann: Also ein neues Männlichkeitsbild geprägt, ja, und auch die eigentlich bis dato weiblichen Innenräume von Männern neu und anders besetzt, oder?

Gözen: Genau, ganz richtig. Also das sind jetzt auf einmal Räume, die mit beispielsweise Design Objekten wie den Stühlen von Eames mit runden Betten, von denen heraus gearbeitet und Lust produziert wird, geschaffen ist und die sozusagen eine rein männliche Sphäre sind, die der Selbst-Erotisierung dienen und auch der Technik des Verführers. Und auf dieses Bild greift Donald Trump in seiner Selbstinszenierung eben zurück. Er ist ja hat ja eigentlich die Medienlandschaft, das Bild der Medienlandschaft betreten, in der Zeit, als er das Commodore-Hotel renoviert hat und hat da im Prinzip mit dem Habitus und dem Aussehen und Stil-Elementen des Playboys, des schönen Anzugs, der schönen Frauen, mit denen er sich umgibt, die Verbindung zur Architektur auf eine Art und Weise inszeniert, die eigentlich den perfekten Playboy inkorporiert hat.

Buchmann: Der "Playboy" hat nicht nur ein neues Männerbild kreiert, wie Sie ja schon erläutert haben. Aber er war ja auch im Ganzen nicht nur rückwärtsgewandt, sondern zum Teil sogar auch antirassistisch, kritisch gegenüber politischen Eliten. Es gab die Hefner-Kolumne ‚The Playboy Philosophy‘, es gab Interviews mit spannenden Menschen des öffentlichen Lebens. Miles Davis war als erstes Interview vertreten und andere Musikerinnen, Musiker, Künstler waren da auch auf Partys, in den Clubs und so weiter. Also das ist eine Seite des "Playboy", die man manchmal auch vergisst, die aber auch nicht unwichtig ist für das Bild, dessen sich Donald Trump letztlich mit bedient, oder?

Bild von Freiheit und Progressivität

Gözen: Ganz richtig. Der "Playboy" hat erst einmal eigentlich etwas geschaffen, was in dem Amerika dieser Zeit der 50er-, 60er-, 70er-Jahre mit dem Bild von Freiheit und Progressivität verbunden war. Sich der Rassenfrage gestellt, sich für die Liberalisierung der Sexualität eingesetzt, für den ökonomischen Wohlstand, für gleiche Rechte für Homosexuelle. Und das ist sozusagen ein Bild, was natürlich sehr nach vorwärts stürmt und das liberale Amerika dieser Zeit beschreibt.

Buchmann: Und was für ein Bild hat Trump dann von sich entwickelt mithilfe des Playboys? Denn diese liberalen Ansichten,  Anti-Rassismus und Offenheit für gleiche Rechte von Homosexuellen und so weiter standen ja jetzt nicht so sehr auf seiner Agenda.

Gözen: Ne, ganz sicher nicht. Das Interessante ist, was Donald Trump macht und deswegen da können wir nochmal auf das Cover von dem "Playboy"-Magazin, wo Donald Trump mit rauf ist, zurückkommen. Ich finde ja die Frage ganz interessant, wie es eigentlich kommen kann, dass Donald Trump mit diesem "Playboy"-Cover während des Wahlkampfes Werbung für sich gemacht hat. Und weil sie es ja eigentlich jetzt sozusagen nicht das klassische, was man sich vorstellt, dass für die doch sehr konservative und an traditionellen Werten orientierte Republikanische Partei sich da jemand rausstellt und eben mit seiner sexuellen und hedonistisch konnotierten Vergangenheit Werbung für sich macht, anstatt sich davon abzuwenden. Und das ist sozusagen etwas, das hat mit Umbrüchen in der Gesellschaft etwas zu tun. Also die Zeit, die Donald Trump da wieder an Beruf, das ist das moderne Amerika, das ist die Zeit des heißen, Warenkapitalismus.

Buchmann: "Der 80er-, 90er-Jahre."

Ausnutzen kultureller Codes und Konventionen

Gözen: "Der 80er-, 90er-Jahre ganz richtig. Und wir leben aktuell aber natürlich in einer Welt, die sich verändert hat. Wir sind geprägt von einem Daten-, von einem Informationskapitalismus, der Menschen, viele Menschen sehr überfordert. Und was Donald Trump da macht, ist, dass er dieses alte Bild, was einstmals sozusagen von den Symboliken, von den Codes, von den Ästhetiken her subversiv und nach vorwärts gewandt war, imitiert, es aber dann mit Werten und Vorstellungen ausfüllt, die sozusagen rückwärtsgewandt sind. Aber er ruf dieses alte Bild an, um die Praktiken und die Ideen und die Ideale dieses Playboys, den Hugh Hefner ja dann auch vertreten hat, auszuhöhlen mit seinen eigenen Werten. Und das ist etwas Interessantes, was wir momentan recht häufig beobachten, auch bei anderen politischen Bewegungen, die sich eher mit rückwärtsgewandten bis teilweise rechten Ideologien hervortun. Dass sie nämlich genau dasselbe machen, dass sie sozusagen kulturelle Codes und Konventionen, die von der Ästhetik her eigentlich eher liberalen Linksintellektuellen, teilweise auch Linksradikalen zugeschrieben werden, dass die diese sich aneignen und aushöhlen und mit ihren eigenen Werten füllen und so sozusagen ein ganz großes Durcheinander schaffen, indem es auf der einen Seite schwierig wird, sich zu orientieren beziehungsweise es auf der anderen Seite auch möglich wird, sich reaktionärsten Ideologien anzuhängen und dabei gleichzeitig sozusagen von dem, was in der kulturellen Erinnerung als Code dafür gesetzt war, ästhetisch sich woanders wieder zu befinden. Also wir denken ja beispielsweise an die Identitären, die rechtsextreme Bewegung, die sich in Österreich und Deutschland hervortut und die eben genau damit auch arbeitet. Und das ist sozusagen eine Praxis, die wir bei Donald Trump auch sehen. Das ist, glaube ich, eine, die man aktuell bei vielen politischen, reaktionären Bewegungen beobachten kann. Und Donald Trump als Master des Spektakels hat das in einmaliger Art und Weise vorgemacht.

Buchmann: Was meinen Sie, auch wenn Sie dazu bisher vielleicht noch nicht geforscht haben, was für ein Bild von sich Joe Biden kreiert? Also auf was greift er zurück im kulturellen Gedächtnis, wenn er es denn tut. Aber irgendwie tun wir das ja alle auf eine Art.

Gözen: Also ich bin gespannt, wie sich das Ganze entwickeln wird, weil ich finde, er vertritt natürlich sozusagen den gediegenen, ruhigen Demokraten, alten Demokraten und steht sozusagen auch für das alte Amerika ein Stück weit zumindest, im Sinne von den Grundfesten der Demokratie. Er ist aber natürlich in all dem, was er repräsentiert ‚wayless sexy‘, sag ich jetzt mal ganz provokativ. Er spielt eben nicht mit diesen Playboy-Codes beispielsweise, als Trump glaube ich, für viele war. Und ich glaube, in diesem Kontext spielt Kamala Harris eine ganz wichtige Rolle. Weil eigentlich, finde ich, ist sie die interessante Person und sie repräsentiert natürlich was ganz Neues. Und ich vermute, dass darauf wie jetzt ja auch schon im Wahlkampf sehr stark gesetzt werden wird, auch in all dem, was jetzt noch kommt.

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