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StartseiteKalenderblattOhne Rücksicht auf die Menschen08.11.2007

Ohne Rücksicht auf die Menschen

Vor zehn Jahren wurde der Jangste für den Bau des weltgrößten Staudamms umgeleitet

Schon lange träumten Chinas Führer davon, den Fluss Jangtse zu bändigen und ihm Energie abzuringen. Es war schließlich Ministerpräsident Li Peng, der kurz nach der blutigen Niederschlagung der Demokratiebewegung 1992 den Bau eines gigantischen Staudammes durchsetzte. 1997 begann die Errichtung der größten Staumauer der Welt.

Von Monika Köpcke

Eine chinesische Famile betrachtet den Drei-Schluchten-Damm. (AP Archiv)
Eine chinesische Famile betrachtet den Drei-Schluchten-Damm. (AP Archiv)

"Der Bau dieses Dammes ist ein historisches Ereignis. Der Drei-Schluchten-Staudamm ist Chinas ambitioniertestes Projekt seit dem Bau der großen Mauer."

Triumphmusik, rote Fahnen, Feuerwerk - am 8. November 1997 ist es soweit: In Zentralchina, dort, wo der Jangtse die berühmten drei Schluchten durchfließt, fällt der Startschuss für den Bau des größten Staudammes der Welt. Er soll Chinas längsten Fluss bändigen, der sich 6400 Kilometer durch das Land schlängelt und immer wieder verheerende Überschwemmungen bringt.

Vier Jahre dauerten die Vorarbeiten für dieses Projekt. Am unteren Ende der drei Schluchten wurde der Wasserlauf des Jangtse mit zwei Hilfsdämmen eingedeicht und in einen Umleitungskanal gezwungen. Nun kann die Errichtung des eigentlichen Drei-Schluchten-Dammes beginnen. Tag und Nacht werden in den nächsten Jahren bis zu 30.000 Menschen eine gigantische Staumauer errichten: Sie verschlingt 28 Millionen Kubikmeter Beton, ist 185 Meter hoch und fast zweieinhalb Kilometer lang. Im Juni 2006 ist der Damm fertig. Fünf Monate lang wird nun der See gefüllt, der sich hinter der Mauer staut. Er ist 160 Meter tief und fast 650 Kilometer lang, das entspricht der Strecke zwischen Berlin und München.

"Genau hier stand unser Haus, hier war unser Garten mit den Fischteichen. Wir hatten einen herrlichen Blick. Wir mussten gewaltige Opfer bringen für das Land. Man hat uns das Recht auf Heimat genommen."

So wie diesem Bauern erging es über einer Million Menschen, die in der Drei-Schluchten-Region am Jangtse lebten: Ihre Häuser, Gärten und Felder sind in den Fluten des Stausees versunken. Sie wurden in eigens hochgezogene Wohnsilos weiter oben in den Bergen umgesiedelt, dorthin, wo es weder genügend Arbeitsplätze noch Ackerland gibt. Und die versprochenen Entschädigungszahlungen blieben häufig in dunklen Kanälen stecken.

"Es fließen erhebliche Summen in dieses Projekt, deshalb ist die abschließende Bewertung von großer Bedeutung. Angenommen, das Projekt scheitert, dann haben wir 200 Milliarden Yuan verschenkt. Ein solcher Verlust und die Folgen für die Menschen am Mittel- und Unterlauf des Jangtse wären dramatisch. Deshalb ist das Thema so sensibel."

Dass selbst der stellvertretende Leiter der staatlichen Entwicklungsgesellschaft noch während der Bauphase von der theoretischen Möglichkeit des Scheiterns sprach, zeigt, wie umstritten das Projekt des Drei-Schluchten-Damms von Anfang an war. Wissenschaftliche Institute und lokale Behörden bis hin zu Ministerien begleiteten die gesamte Bauphase mit Bedenken und Einwänden. Bis heute ist der Protest nicht verstummt. Hauptkritikpunkte sind die rücksichtslose Umsiedlungspolitik und die immense Naturzerstörung. Nicht nur Städte und Dörfer, jahrtausende alte Tempel und Statuen, auch über tausend Fabriken wurden überflutet - mitsamt ihren hochgiftigen Abfällen.

"Das Wasser ist für die Bürger gedacht. Die Offiziellen haben schon nach anderen Wasserquellen für sich selber gesucht. Sie weigern sich, das Wasser aus dem Reservoir zu trinken, weil es verschmutzt ist. Das wollen sie nur die normalen Leute trinken lassen. Laut Studie entspricht die Wasserqualität mindestens Stufe 3, was heißt, dass das Wasser nicht trinkbar ist."

Die Ingenieurin und Journalistin Dai Tsching ist die prominenteste Kritikerin des Staudammes. Elf Monate saß sie bereits im Gefängnis, veröffentlichen darf sie in China schon lange nichts mehr. Die mit dem Staudamm verbundene Naturzerstörung hält sie für eine Tragödie. Immer noch wird Müll in den Stausee geworfen, industrielle und städtische Abwasser gelangen ungeklärt hinein. Die Staumauer hat die Fließgeschwindigkeit des Jangtse stark verringert, dadurch kann sich der Fluss nicht mehr selbst regenerieren. Neueste Messungen chinesischer Forscher weisen den Stausee als giftverseuchte Kloake aus. Einige seltene Tierarten, die hier lebten, gelten bereits als ausgestorben. Und noch etwas bereitet Sorge: Schon jetzt gibt es kleine Risse in der Staumauer, die ausgerechnet in einem Erdbebengebiet errichtet wurde. Dai Tsching:

"Nur das Kernstück besteht aus hartem Granit. Der Rest besteht aus Felsbrocken, die nicht sonderlich stabil sind. Wenn die sich voll Wasser saugen, wird das Ganze noch instabiler. Deshalb gab es bereits Erdrutsche."

Vor Baubeginn wurde der Mega-Staudamm als Prestigeprojekt der chinesischen Führung gehandelt. Er sei notwendig, so die Erklärung für die betroffenen Anwohner, gegen die regelmäßig auftretenden Überflutungen am Unter- und Mittellauf des Jangtse. Die Stromerzeugung erschien damals als ein zweitrangiges Ziel. Das hat sich mit Chinas expandierender Wirtschaft gründlich geändert. Wenn im nächsten Jahr die letzten der 26 Turbinen ans Netz gehen, erzeugt das Wasserkraftwerk des Drei-Schluchten- Staudamms so viel Strom wie 16 Atomkraftwerke. Chinas Energiehunger ist damit noch lange nicht gestillt: Im Süden des Landes sind deshalb weitere Super-Staudämme geplant - noch bombastischer als der Drei-Schluchten-Damm.

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