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StartseiteInterview"Ohne Zweifel die bestorganisierten Spiele"25.08.2008

"Ohne Zweifel die bestorganisierten Spiele"

Sportsoziologe zieht positives Fazit der Olympischen Spiele

Der Sportsoziologe Helmut Digel, ehemals Vizepräsident des Deutschen Nationalen Olympischen Komitees, hat eine positive Bilanz der Olympischen Spiele in China gezogen. Durch die Entscheidung für Peking habe ein Öffnungsprozess im gesamten Land stattgefunden. Die Schuld am Versagen bei den Menschenrechten trage die Politik.

41 Medaillen hat Deutschland sammeln können (AP)
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Heinlein: Die Flamme ist erloschen. Die Spiele von Peking sind zu Ende. Die meisten Athleten und Funktionäre sind hoch zufrieden. Perfekte Organisation und exzellente Sportstätten ermöglichten reibungslose Wettkämpfe und eine wahre Flut an Weltrekorden. Auch die chinesische Staats- und Parteiführung kann zufrieden lächeln. Die Inszenierung hat funktioniert. Trotz aller Kritik im Vorfeld spielte die Politik während dieser Wettkämpfe nur eine Nebenrolle. Und: die Volksrepublik ist mit Abstand die neue sportliche Großmacht - noch vor den USA.

Vor seiner Abreise aus Peking habe ich mit dem Sportsoziologen Helmut Digel, ehemals Vizepräsident des Deutschen Nationalen Olympischen Komitees, gesprochen und ihn gefragt, ob er das Lob von Jacques Rogge für Peking teilt?

Digel: Hier in Peking fanden Spiele statt, die ganz außergewöhnlich sind und waren, ohne Zweifel die bestorganisierten Spiele. Die Sportanlagen sind die besten, die jemals den olympischen Athleten geboten wurden. Selbst die Kampfrichter und die gesamte sonstige Organisation wies eine Professionalität auf, die man so zuvor nicht antreffen konnte.

Heinlein: Perfekte Organisation, aber auch perfekte Atmosphäre, Herr Digel?

Digel: Die chinesische Gesellschaft war ausgesprochen gastfreundlich, offen, herzlich. Aber natürlich ist das eine andere Kultur und auf diese Weise ist vielleicht nicht ganz diese interkulturelle Begegnung möglich gewesen, wie man sie bei europäischen Austragungsorten kennt.

Heinlein: Hat das Thema Menschenrechte, hat das Thema Pressefreiheit in China selbst also keine Rolle gespielt? War es nur ein Thema für das Ausland, für die ausländische Presse?

Digel: Ich denke, für die Intellektuellen spielt dieses Thema eine Rolle. Aber diese Problematik, die sich hier gestellt hat während den Spielen, war für die große Mehrheit der Gäste in dieser Weise nicht wahrnehmbar, denn der Sport stand im Mittelpunkt. Und was die Demonstrationsproblematik anbelangt, da gab es sicher die eine oder andere Berichterstattung auch in chinesischen Zeitungen. Allerdings war es eher eine korrigierende Berichterstattung, denn man wies darauf hin, dass man hier Gesetze hat, die einzuhalten sind, und dass Demonstrationen anzumelden sind wie in jedem anderen Rechtsstaat auch. In China ist beispielsweise Demonstrationsverbot gegeben, bezogen auf ein unabhängiges Tibet. Dafür darf niemand demonstrieren und genau das ist dann eingetreten. Demonstrationen, die diese Ausrichtung hatten, wurden staatlicherseits unterbunden.

Heinlein: Also, Herr Digel, hat das IOC alles richtig gemacht, weil es mit der chinesischen Staats- und Parteiführung kooperiert und zusammengearbeitet hat und das Thema Menschenrechte außen vor gelassen hat?

Digel: Das IOC hat gewiss nicht alles richtig gemacht und die Tibet-Problematik wurde meines Erachtens nicht professionell bearbeitet. Aber die Entscheidung, dass man die Spiele nach China vergeben hat, die habe ich immer als richtig empfunden, weil mit dieser Entscheidung in diesem Land ein Öffnungsprozess stattgefunden hat, der nun bei diesen Spielen seinen Höhepunkt hatte. Ich war in diesem Land in regelmäßigen Abständen, konnte dies authentisch beobachten, wie durch die Tatsache, dass man Gastgeber sein wird, man sich notwendigerweise nahezu in allen Strukturen dieser Gesellschaft gegenüber dem Ausland hat öffnen müssen. Und die Freizügigkeit, die seitdem gegeben ist, zumindest für den Touristen, aber ich denke auch für die Journalisten, denn wer hier berichten wollte, auch außerhalb der Hauptstadt Peking, dem waren die Wege geöffnet - man musste nicht Begleiter akzeptieren, die einen kontrollieren -, diese Art von Erweiterung der Möglichkeiten, die noch begünstigt wurden durch die Internet-Kommunikation, die gerade in China ein Befreiungselement per se darstellt, wenn man dies alles zusammen nimmt, so hat diese Sportbewegung eine Wirkung eines Katalysators gehabt zu Gunsten eines Zivilisationsprozesses, der in dieser Gesellschaft dringend notwendig war.

Heinlein: Herr Digel, die grüne Parteivorsitzende Claudia Roth hat das IOC hier im Deutschlandfunk scharf kritisiert. Hören wir einmal gemeinsam an, was sie gesagt hat.

O-Ton Roth: Die Erwartung, dass mit den Olympischen Spielen eine Verbesserung der Menschenrechtslage eintreten könnte, die hat sich aus meiner Sicht nicht erfüllt. Die Pressefreiheit war massiv eingeschränkt. Es waren große, schöne olympische Sportspiele, aber eine Fassade, was die Verdeckung von Unterdrückung von demokratischen Rechten angeht. Ich glaube, das Internationale Olympische Komitee hat sehr viel an Glaubwürdigkeit eingebüßt.

Heinlein: Teilen Sie die Einschätzung von Claudia Roth, das IOC hat an Glaubwürdigkeit eingebüßt?

Digel: Nein, ganz und gar nicht. Wenn es ein Versagen gibt in Bezug auf die Menschenrechte, dann liegt das Versagen bei der Politik. Ich halte es für äußerst fatal, wenn deutsche Politiker in dieser Weise sich über China äußern. Oft haben sie keine Kenntnisse. Oft sind sie auch nicht der chinesischen Verständigung mächtig und ihre Urteile resultieren ausschließlich aus Presseberichtbeschreibungen, die in vieler Hinsicht irreführend waren, die nämlich dem gleichen Problem unterliegen, dass viele Journalisten über China berichtet haben, ohne dass sie Kenntnisse vor Ort haben. Vor diesem Hintergrund darf man sich nicht wundern, dass insbesondere in den jungen Nationen, aber auch bei Nationen, die eine gewichtige Bedeutung in der Weltgemeinschaft haben, man irritiert ist, in welcher Weise in Deutschland über diese Spiele berichtet wurde. Ich glaube, dass diese Irritationen durchaus berechtigt sind, denn man muss wissen, dass eine vergleichbare Bühne für diese Diskussionen insbesondere gegenüber Tibet und was die Person des Dalai Lama anbelangt in der Welt sonst nicht geboten wurde.

Dass das IOC keine kluge Entscheidung getroffen hat bezogen auf den Fackellauf, das ist unbestritten. Dass das IOC in der Kommunikationspolitik, in Bezug auf die Probleme in Tibet eine unglückliche Rolle gespielt hat, das ist unbestritten.

Heinlein: Herr Digel, kommen wir zum Sport. China hat sich nicht nur als perfekter Gastgeber aus Ihrer Sicht präsentieren können, sondern auch eben sportlich abgeräumt. Platz 1 ganz klar vor den USA in der Medaillen-Wertung. Ist China die neue sportliche Großmacht?

Digel: China ist ohne Zweifel eine sportliche Großmacht geworden - dank der Unterstützung von vielen ausländischen Experten, dank der Unterstützung des Staates -, denn noch nie wurde so viel Geld investiert in die Vorbereitung einer Olympiamannschaft. China hat vor allem eine Ressource: Sie lebt von der Masse. Dieses Land kann aus Millionen von Talenten die besten aussuchen und kann sie hinführen zum sportlichen Erfolg, mit der Unterstützung der Wissenschaft und mit der Unterstützung von Experten.

Heinlein: Herr Digel, 41 Medaillen hat Deutschland sammeln können. Das sind acht weniger als in Athen. Ist der deutsche Sport im Vergleich zu China im Sinkflug?

Digel: Ich glaube, die deutsche Olympia-Mannschaft hat durchaus gut abgeschnitten. Da sollte man nicht gleich klagen. Aber eines ist auch klar: Wir haben einige Sportarten, in denen wird ausgesprochen professionell gearbeitet. Da wird angemessen hart trainiert. Wir haben andere Sportarten, die weisen erhebliche Schwächen auf, sind international eigentlich nicht mehr konkurrenzfähig.

Heinlein: Woran liegt es?

Digel: Hier liegt es tatsächlich auch am Personal. Es liegt aber auch an den organisatorischen Strukturen. Es liegt teilweise auch an der föderalen Konstruktion. Es reden zu viele mit und die Entscheidungswege sind viel zu lange. Und es liegt auch daran, dass in manchen Sportarten die Athleten ganz offensichtlich schon mit geringen Leistungen relativ viel Geld verdienen können, ohne dass dies den internationalen Maßstäben genügen würde.

Heinlein: Liegt es aber vielleicht auch daran, dass deutsche Sportler im Vergleich zu ihren ausländischen Kollegen nicht abgesichert sind durch Beruf oder durch eine ausreichende Sportförderung?

Digel: In Deutschland ist die Karriere eines Hochleistungssportlers mit vielen Risiken behaftet. Wir haben im Moment nur eine tragfähige Säule und da sollten wir sehr dankbar sein. Das ist die Bundeswehr, das ist der Bundesgrenzschutz, das ist die Polizei. Wenn wir die Analyse zu Hause machen werden, werden wir feststellen, dass etwa 80 Prozent dieser Medaillen genau auf Athleten zurückzuführen sind, die diese Förderung erhalten.

Hingegen Ausbildungsplätze in der Wirtschaft gibt es in Deutschland so gut wie gar keine. Das ist für mich der eigentliche Skandal einer offenen Marktwirtschaft, die gerne den Hochleistungssport feiern möchte, aber die Unternehmen erbringen keinen Beitrag.

Heinlein: Herr Digel, gibt es vielleicht auch eine andere Erklärung für das durchschnittliche Abschneiden der deutschen Mannschaft? Werden deutsche Sportler einfach besser kontrolliert als Sportler aus Ländern, in denen Dopingkontrollen nicht zum Alltag gehören?

Digel: Ich finde, dieses Argument, das teilweise unsere Athleten jetzt gegenüber der Presse verwendet haben, mehr als ärgerlich. Wer kontrolliert wird und nun glaubt, dass dies die Ursache ist, dass er deshalb sportlich nicht mehr erfolgreich ist, der sollte sich vom Hochleistungssport verabschieden.

Man sollte dabei immer in Erinnerung behalten, dass in Deutschland gravierender Dopingbetrug stattgefunden hat. Denken Sie an die Universität Freiburg und deren Beitrag zu einem Staatsteam Telekom.

Heinlein: Aber vielleicht hat man jetzt die richtigen Konsequenzen gezogen. Geben Ihnen denn die Fabelrekorde eines Usain Bolt oder die Leistungsexplosionen beim Schwimmen nicht zu denken?

Digel: Für mich ist Usain Bolt der verdiente Gewinner dieses 100-Meter-Finales und er hat eine sensationelle Leistung vollbracht. Wenn es sich später herausstellt, dass er gedopt war, dann muss diese Leistung in aller Konsequenz sanktioniert werden. Das ist die einzige Möglichkeit. Wenn wir aber alle sportlichen Leistungen unter Verdacht stellen, dann müssen wir auch die deutschen Leistungen unter Verdacht stellen. Wir wissen, dass auch unsere Athleten eingebunden waren in systematische Betrugskartelle. In diesen Kartellen arbeiten Chemiker, arbeiten Mediziner und sie haben nichts anderes zum Ziel, als das Dopingkontrollsystem zu unterlaufen.

Wir müssen schon davon ausgehen, dass es im Hochleistungssport leider in vielen Sportarten eine Situation gibt, die sich dadurch auszeichnet, dass mit dieser Unterstützung man Olympiasieger werden kann, nie bei Tests auffällt und trotzdem ein Betrüger ist.

Heinlein: Im Deutschlandfunk Helmut Digel, ehemaliger NOC-Vizepräsident und Ehrenpräsident des Deutschen Leichtathletikverbandes. Wir haben das Gespräch vor seinem Abflug aus Peking aufgezeichnet.

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