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StartseitePolitische Literatur (Archiv)Olaf Leitner: West-Berlin. Westberlin. Berlin (West) Die Kultur - die Szene - die Politik. Erinnerungen an eine Teilstadt der 70er und 80er Jahre.28.10.2002

Olaf Leitner: West-Berlin. Westberlin. Berlin (West) Die Kultur - die Szene - die Politik. Erinnerungen an eine Teilstadt der 70er und 80er Jahre.

Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag Berlin 2002, 541 Seiten, Euro 22,90

<strong> Olaf Leitner, das ist ein Name, der zumindest in Berlin vielen geläufig sein dürfte. Sei es als Kolumnist der Stadtzeitung "tip", als langjähriger Moderator der Kultsendung "Rock over RIAS" oder auch als Verfasser des ersten westdeutschen Sachbuchs über die Rockszene der DDR - Leitner war und ist immer dicht dran am Puls der Hauptstadt. Nun hat er bei Schwarzkopf und Schwarzkopf einen dicken Band herausgegeben, der anhand einer Fülle von Interviews mit sehr unterschiedlichen Zeitzeugen aus Politik, Wirtschaft und Kultur die 70er und 80er Jahre in der einstigen Teilstadt West-Berlin wieder lebendig werden lässt.</strong>

Kristina Graaf

Es war ein geschlossenes System. Berlin war ein hochsubventioniertes Unternehmen. Jede Schraube, die hier reingedreht wurde, war dreifach subventioniert, immer.

Als Berliner war man arrogant, man hatte den besten Platz in Deutschland. Leute, die was auf sich hielten, gingen nach Berlin. Man konnte dem Bund entkommen. Es war klar, dass da eine spezielle Ansammlung von Leuten war.

West-Berlin war hysterisch, klein, zugeschissen, voll mit Hundekacke - eine Stadt, wo man ständig mit der Nase irgendwo gegen rannte, weil es wirklich ´ne ganz begrenzte kleine Enklave war. Mit hysterischen Leuten und mit so einer demonstrativen Überlebenssymbolik.

Was also war West-Berlin? Pufferzone, Vorposten der Freiheit, Störzentrum, eine Insel mit Sonderstatus? Olaf Leitner hat rund 40 Persönlichkeiten aus Kultur, Wirtschaft und Politik befragt, die in den 70er und 80er Jahren das Leben in West-Berlin mitgeprägt haben. So erzählen die Politikerin Hanna-Renate Laurien, Fotograf Jim Rakete, Autor Matthias Matussek oder Umzugsunternehmer Klaus Zapf ihre ganz persönlichen Geschichten aus jenen Jahren. Sie berichten aus ihren damaligen Wirkungskreisen, vergleichen die Stadt einst und jetzt und rufen so einzelne West-Berlin-Atmosphären zurück. Oft werden Geschichten nur angeschnitten und Namen nur zitiert - aber gerade das macht Lust, an anderer Stelle nachzuschlagen und sich näher mit dem angerissenen Thema zu beschäftigen. Interessanterweise zeigen die befragten Personen, dass am Mythos der Teilstadt vor allem Wahl-Berliner, also die Zugereisten, mitgearbeitet haben. Der 'echte’ Berliner schien sich damit zu begnügen, für den Hintergrund zu sorgen und die Rolle des Zuschauers einzunehmen. Auch Olaf Leitner ist sich dieses Phänomens bewusst:

Also, das war eine erschreckende Vorstellung, das hätte man zwar wissen müssen, wenn man in dieser Stadt gelebt hat, aber mir ist das nie so bewusst geworden, dass die wahren Impulse von denen kamen, die von außerhalb nach Berlin kamen. Das waren ja meistens junge Leute, oft Bundeswehrflüchtlinge oder - wie Prof. Guggenberger in dem Buch sagt - "Republikflüchtlinge aus dem Westen”, die wollten mal gucken, wie es sich in einer Stadt lebt, wo nicht gleich der Pfarrer mit dem Finger droht und sagt: "Du hast da gerade gestern wieder was Böses getan”, sondern da war man relativ anonym, wenn man’s sein wollte, man konnte sich natürlich auch gleich wieder bekannt machen, aber, ja, das war natürlich auch ein Potential von kreativen Leuten, die dann sagten, wir bauen in dieser Stadt mal was auf, wir probieren mal was, das können wir zu Hause nicht.

Die Ellenbogen auf das Kissen im Fensterrahmen gestützt, beobachtete der Ur-Berliner also das Geschehen von außen - und kommt auch in Leitners Buch nicht weiter zur Sprache. Das ist zu kritisieren, bedenkt man, dass eben auch die sehr spezielle Art des Durchschnittberliners zur Atmosphäre der Stadt gehörte und ein notwendiger Reibungspunkt war.

Das Zeitlose an Berlin ist, dass es auch eine Art von Melancholie hat, die Heimweh nach sich selbst bedeutet - im Wienerischen Sinn, und das spür ich oft bei Berlin. Viel Heimweh nach sich selbst.

War West-Berlin wirklich so einmalig oder lassen sich ähnliche Stimmungen auch in anderen Städten der Welt finden? Der Schriftsteller und Redakteur Henryk M. Broder ist in Berlin und Jerusalem zu Hause. Im Gespräch mit Leitner sieht er das Schicksal der Teilung als eine mögliche Gemeinsamkeit der beiden Städte: Was Berlin schon hinter sich hat, hat Jerusalem vielleicht noch vor sich. Doch die Trennungsgründe - Ethnien und Systeme - sind so verschieden, dass die Städte nicht wirklich miteinander zu vergleichen sind. Eine West-Berliner Atmosphäre hat Broder da schon eher im Wien der 60er Jahre empfunden. Besonders im Ostsektor Wiens war für ihn noch lange nach Ende der sowjetischen Besatzung die Stimmung einer geteilten Stadt zu spüren. Themen dieser Art kann der Interviewband natürlich nicht erschöpfend behandeln, da sie in den Gesprächen nur angedacht werden. Leitner greift bereits im Vorwort dieser Kritik voraus. Ihm geht es nicht darum, ein Untersuchungsgebiet durch das Sammeln von Fakten abzuschließen. Er möchte sich dem gigantischen Thema 'West-Berlin’ mit Mut zur Lücke anhand von subjektiven Sichtweisen annähern. Ihn interessiert der Selbstlauf, zu sehen, in welcher Reihenfolge die Befragten welche Erlebnisse erzählen. Dies ist - sieht man von der Langatmigkeit mancher Interviews ab - durchaus legitim, gerade angesichts der Menge schon geschriebener historischer Berlin-Bücher.

Kultur war von Bedeutung, logisch. Das hat Berlin geprägt. Politik? Die konntest du nicht ernst nehmen Die haben ihre Insel wie einen Kleingartenverein verwaltet, und das Geld kam woanders her. Und Wirtschaft? Industrie hat’s nicht gegeben. Ob die Wirtschaft eine Rolle gespielt hat, weiß ich nicht. Ich hab’s nicht wahrgenommen.

Die Interviewfragen folgen meist keinem Schema, sondern passen sich dem Erfahrungsbereich des jeweiligen Gesprächspartners an. Wiederholt möchte Leitner jedoch wissen, ob es eine West-Berliner Gesellschaft gegeben hat. Die sehr unterschiedlichen Antworten lassen erkennen, dass keine Gruppierung vorrangig stilprägend für die Stadt gewesen ist. Bauunternehmer und Denker, Sportler und Politiker - es gab zahlreiche Netzwerke. Einigkeit besteht allerdings darin, dass es die Kultur war, die die Identität West-Berlins geprägt hat.

Berlin war früher voller Widersprüche, es hatte auch was ganz Provinzielles innerhalb der Mauer, was Dörfliches, Zusammenhaltendes. Man kannte sich, wenigstens innerhalb der Szene. [...] Also, jetzt möchte ich nicht mehr in Berlin leben. Mir fehlt die Mauer, mir ist das jetzt zu groß, ich kann es nicht mehr überschauen.

Auch das Phänomen der Abgrenzung an sich wird thematisiert. Peter Schneider, Schriftsteller und ein weiterer Gesprächspartner Olaf Leitners, verwendet den Begriff von der 'Mauer im Kopf’. Die damit gemeinte zwischenmenschliche Distanz ist auch ein typisches Merkmal der Berliner Bevölkerung: Hinterhofmauern oder parzellierte Kleingartenkolonien gehörten schon immer zum Stadtbild. So wurde auch die Mauer von vielen West-Berlinern nicht nur als beklemmende Eingrenzung begriffen. Ihr Windschatten vermittelte auch ein Gefühl von Sicherheit und erleichterte zudem die moralische Standortbestimmung. Als die Mauer plötzlich durchlässig wurde, war das für viele West-Berliner erst einmal irritierend.

Als die Mauer weg war, wurde es plötzlich kalt. Also, man merkte, die hat doch ganz schön gewärmt, und die West-Berliner haben geguckt: Was sind das da für merkwürdige Autokennzeichen plötzlich in dieser Stadt, wer kommt denn da alles, was wollen die hier von uns, und überwiegend die ältere Fraktion hat sich plötzlich fürchterlich unbeschützt gefühlt und ist eigentlich mit dem Schuh, der plötzlich anzuziehen war, nicht ganz fertig geworden und fühlte sich viel zu klein (an), aber inzwischen hat sich das gelegt und die Stadt, die brennt und pulst, und es ist wunderbar.

Die Neu-Zugereisten kennen Berlin nicht mehr als Enklave, sondern helfen mit, den Hauptstadtcharakter der Stadt auszubauen. Manchen der Alteingesessenen scheint dieser Wandel zu entgleiten, und sie blicken auf das 'gute alte Berlin’ zurück. Gerade hier setzt Leitner an, wenn er erinnern will, ohne in Nostalgie zu verfallen. Dementsprechend ist das Buch auch für ein großes Publikum bestimmt.

... für Leute, die sagen, ich hab da gelebt. Für Leute, die möglicherweise auch jetzt erst in die Stadt gekommen sind, also die vielen Bundestagsabgeordnete, dass man mal ihnen sagen kann, also ihr habt zwar West-Berlin immer im Munde gehabt, als Hort der Freiheit, aber wisst ihr eigentlich, auf welchem Boden ihr euch hier bewegt, auf historischem Boden, und was auf diesem Boden alles gewachsen ist und was sich hier entwickelt hat, guckt doch mal rein, damit ihr wirklich wisst, in welcher Gegend ihr euch befindet und auf welchem Terrain. Naja, und dann Leute einfach, die sich für die Stadt die Stadt interessieren, das sind ja nicht wenige. Berlin hat ja viele Leute aufgenommen und dann wieder weggeschickt, voll infiziert mit bestimmten Gedanken, und die sind inzwischen überall wieder im Gesamtland verteilt und werden ihren Kinder vielleicht mal erzählen: Du, ich hab da studiert, und guck mal, da ist ein Buch, da steht einiges drüber drin.

Der Zeitpunkt für den West-Berlin-Band ist gut gewählt. Denn gerade jetzt, wo die Metropole eine neue Form annimmt, kann es nicht schaden, wieder einen kritischen Blick auf die Stadt zu werfen. Ohne sich die alten Zeiten zurückzuwünschen, kann man den Entwurf einer unaufhörlich boomenden Weltstadt hinterfragen: Wohin sich die einzelnen Bezirke entwickeln zum Beispiel oder woraus die Stadt ihre Kraft zur Erneuerung zieht. Nicht zu vergessen sind noch zwei Bonustexte, die Leitner als Raritäten dem Band hinzugefügt hat: das Transkript eines letzten Gesprächs zwischen Wolf Biermann und Wolfgang Neuss, das als eigentlicher Neuss-Monolog überzeugt und die Niederschrift einer Publikumsdiskussion mit Peter Stein und dem Schaubühnenensemble von 1981. Fazit: der Interviewband ist ein originelles Zeitzeugnis, das Vernetzungen aufdeckt und dazu anregt, damalige Lebensentwürfe mit den eigenen zu vergleichen. Es wird deutlich, wie sich in der Wechselbeziehung zum Menschen eine Stadt ständig neu erzählen lässt.

Olaf Leitners neuestes Buch, das einen extrem hörfunkuntauglichen Titel trägt, nämlich: West-Berlin. Westberlin. Berlin (West). Die Kultur - die Szene - die Politik. Erinnerungen an eine Teilstadt der 70er und 80er Jahre. Erschienen bei Schwarzkopf & Schwarzkopf Berlin, 541 Seiten zum Preis von 22 Euro und 90 Cent.

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