Mittwoch, 27.10.2021
 
Seit 19:15 Uhr Zur Diskussion
StartseiteDie neue PlatteVom Wert der Unbeirrbarkeit06.06.2021

Olena Tokar singt Lieder von KomponistinnenVom Wert der Unbeirrbarkeit

Komponistinnen waren lange vom öffentlichen, großen Konzertbetrieb ausgeschlossen. In Liedern boten sich ihnen dagegen Chancen, sich auszudrücken und überhaupt zu arbeiten. Die Sopranistin Olena Tokar und der Pianist Igor Gryshyn haben Lieder von vier Komponistinnen aus dem 19. und 20. Jahrhundert aufgenommen.

Am Mikrofon: Dagmar Penzlin

Eine Frau in weißer Bluse und schwarzme Blazer blickt in die Kamera, sie trägt auffallenden, roten Lippenstift und hält den Kopf leicht geneigt. Links hinter hier steht ein Mann mit Brille und schaut nach links aus dem Bild. (Jörg Singer)
Die Sängerin Olena Tokar und der Pianist Igor Gryshyn haben auf ihrer CD Werke von vier Komponistinnen aufgenommen. (Jörg Singer)
Mehr zum Thema

Hörstück über künstliche Intelligenz Limitless Potential

Serie "Klassik drastisch" #32 Fanny Hensel: "Ouvertüre für Orchester C-Dur"

Konstantia Gourzi Untrennbare Beziehungen

Gesang und Harfe Mit neuer Klangperspektive

Eine hoch talentierte Komponistin war Alma Mahler-Werfel. Leider hat sie ihr Talent nicht voll entfaltet. "Ihr [...] Komponieren kollidierte [...] in ihrer Selbstwahrnehmung immer wieder mit dem Frausein". So formuliert es ihre Biographin Susanne Rode-Breymann: "und in dieser Unsicherheit ließ sie sich von allen Seiten bestärken."

Musik: Alma Mahler-Werfel - "Die stille Stadt"

1879 in Wien geboren, nahm Alma Mahler-Werfel bei Josef Labor und später bei Alexander Zemlinsky Kompositionsunterricht. Neben Klavierwerken hat sie über 100 Lieder komponiert. Überliefert sind wesentlich weniger. Bekannt ist der Zyklus von fünf Liedern, der in den Jahren zwischen 1899 und 1910 entstanden ist. In dieser Zeit, nämlich im November 1901, lernte die Komponistin den gefeierten Dirigenten Gustav Mahler kennen – der Beginn einer ihrer vielen Liebesbeziehungen zu namhaften Künstlern. Mahler war damals Direktor der Wiener Hofoper und als Komponist bekannt, wenn auch nicht wirklich etabliert. Schon wenige Wochen später folgte der Heiratsantrag. Bald darauf ein langer, 20-seitiger Brief, in dem Mahler seine zukünftige Frau aufforderte, das Komponieren aufzugeben. Heute gilt das Akzeptieren dieses Komponierverbots als Bruchlinie in der Biographie der Komponistin Alma Mahler-Werfel, auch wenn Mahler das Verbot 1910, ein Jahr vor seinem Tod, zurückgenommen und den Druck einiger ihrer Lieder veranlasst hat.

Musik: Alma Mahler-Werfel - "Die stille Stadt"

Olena Tokar singt den ausgewählten Lied-Zyklus von Alma Mahler-Werfel mit viel Sinn für die weiten Melodiebögen und das flirrende Fin-de-siècle-Flair der Entstehungszeit. Zugleich haben diese Lieder überwiegend den Charakter von Selbstgesprächen.

Komponierverbot und flirrendes Fin-de-Siècle-Flair

Tokars dunkel timbrierte Sopranstimme passt wunderbar zu diesen stets etwas geheimnisvollen Gesängen.

Musik: Alma Mahler-Werfel - "In meines Vaters Garten"

"In meines Vaters Garten" auf ein Gedicht von Otto Erich Hartleben kann man als Erinnerung an den Garten des früh verstorbenen Vaters von Alma Mahler-Werfel hören. Zu ihm, dem Landschaftsmaler Emil Jakob Schindler, hatte die Komponistin ein enges Verhältnis.

Musik: Alma Mahler-Werfel - "In meines Vaters Garten"

Olena Tokar hat 2012 den ARD Musikwettbewerb gewonnen – eine von vielen Auszeichnungen. Damals war sie schon zwei Jahre Ensemblemitglied an der Oper Leipzig und ist es bis heute – trotz diverser Gastengagements etwa an der Semperoper Dresden. Die Stimme der Mittdreißigerin entwickelt sich jetzt hin zu Rollen, die mehr Fülle und Dramatik verlangen wie etwa Micaëla in Georges Bizets Oper "Carmen" oder Mimi in Giacomo Puccinis Künstlerdrama "La Bohème". Und das hört man auch in diesen Liedaufnahmen, wie Olena Tokar neben feinsten Pianissimo-Nuancen ebenso mühelos ihren Sopran jubeln lassen kann. Manchmal allerdings klingt die Stimme eine Spur zu metallisch und das Forte hier zu pauschal eingesetzt.

Musik: Clara Schumann - "Er ist gekommen"

Fünf Lieder von Clara Schumann lassen uns musikgeschichtlich tief zurück ins 19. Jahrhundert reisen. Olena Tokar und ihr versierter Klavierpartner Igor Gryshin haben mit den drei Liedern opus 12 zunächst einmal jene Stücke ausgesucht, die besonders bekannt sind: "Liebst du um Schönheit", "Er ist gekommen" und "Warum willst du and’re fragen". Als Teil des berühmten Liederfrühlings auf Gedichte von Friedrich Rückert sind sie oft gesungen und aufgenommen – ein Zyklus, den Clara und Robert Schumann gemeinsam bald nach der Hochzeit komponierten. Gegen den Willen des Vaters hatten die beiden 1840 geheiratet - nach einem kräfteraubenden Gerichtsverfahren, und sie inszenierten sich so als glückliches Künstlerpaar mit dem gemeinsam publizierten Liedzyklus. Später veröffentlichten beide ihre Lieder mit eigener Opus-Zahl.

Selbstinszenierung mit Liederfrühling

Olena Tokar zeigt in diesen Liedern, wie feinsinnig sie die gesungenen Worte zu gestalten weiß – klar aus dem Gehalt und Erleben des lyrischen Ichs heraus.

Musik: Clara Schumann - "Liebst du um Schönheit"

Neben den bekannten Liedern von Clara Schumann stehen zwei Vertonungen von Hermann-Rollet-Gedichten aus dem Liedzyklus opus 23. Geschrieben 1853, gehören sie zu ihren letzten Kompositionen. Clara Schumann hat den Liedzyklus 1856 kurz nach dem Tod ihres Mannes veröffentlicht. Als alleinerziehende Mutter von acht Kindern musste sie sich ganz ums Geldverdienen kümmern. In der Rolle der so genannten "heroischen Witwe" war es damals gesellschaftlich akzeptiert, dass sie weiterhin als bedeutende Pianistin international und öffentlich konzertierte – etwas, was vielen Musikerinnen zu Clara Schumanns Zeit nicht selbstverständlich offen stand.

Im Lied "Geheimes Flüstern hier und dort" fällt auch der dicht gewobene Klavierpart voll Klangzaubereien auf – sensibel gestaltet von Igor Gryshin.

Musik: Clara Schumann - "Geheimes Flüstern hier und dort"

Zu Clara Schumanns Netzwerk gehörte ihre Freundin Pauline Viardot-Garcia. Eine hoch interessante Künstlerin, die in vielerlei Hinsicht das Musikleben im 19. Jahrhundert geprägt hat. Als Tochter des bedeutenden Rossini-Tenors Manuel Garcia der Ältere wurde sie am 18. Juli 1821, also vor bald 200 Jahren, in eine hochmusikalische Familie hineingeboren. Nach dem frühen Tod ihrer Schwester, der Primadonna Maria Malibran, entwickelt sie sich zu einer international gefeierten Sängerin. Zahlreiche Komponisten kreierten für Pauline Viardot-Garcia virtuose Hauptrollen – so etwa Hector Berlioz, Charles Gounod und Giacomo Meyerbeer. Nach ihrem Rückzug von der Opernbühne widmete sich die Spanierin dann verstärkt dem Komponieren eigener Werke. Darunter auch Operetten für öffentliche und halböffentliche Aufführungen ebenso wie über 200 Lieder. Es fällt auf, wie breit gerade hier das stilistische Spektrum ihres Komponierens ist.

Musik: Pauline Viardot-Garcia - "Nixe Binsefuß"

"Nixe Binsefuß" – eine von drei Vertonungen nach Gedichten von Eduard Mörike aus dem Jahr 1870. Dramatische Effekte und Verzierungen geben der Szene Kontur und Farbe – ein wenig umweht das ganze Stück Operettencharme.

Mit Operettencharme und Sinn für Nationalstile

Was für ein Kontrast zum nächsten Stück: Melancholie und Liebeskummer prägen eines der bekanntesten Lieder von Pauline Viardot-Garcia. "Haï luli" – eine Gretchen-am-Spinnrad-Situation! Delikat, farbenreich und sehr eindringlich ausgedeutet bis in die letzte Silbe der französischen Lyrik durch die Sopranistin Olena Tokar und Igor Gryshyn am Klavier.   

Musik: Pauline Viardot-Garcia - "Haï luli"

So selbstverständlich es in Musikerkreisen des 19. Jahrhunderts war, international zu agieren. Bei Pauline Viardot-Garcia geht die Aufgeschlossenheit gegenüber verschiedenen Kulturen, Sprachen und Nationalstilen über das übliche Maß weit hinaus. Ihr Mann, Louis Viardot, war ein französischer Schriftsteller, Kunsthistoriker und übersetzte spanische wie russische Literatur ins Französische. Hinzukam Pauline Viardot-Garcias enge Lebensfreundschaft zu Ivan Turgeniev. So verwundert es nicht, dass es einige wunderbare Lieder von ihr auf russische Gedichte von Lyrikern wie Alexander Puschkin und Afanasy Fet gibt. 

Musik: Pauline Viardot-Garcia - "Golden glow of the mountain peaks"

Olena Tokar stammt aus der Ukraine – slawische Laute subtil zu färben liegt ihr nah. Die Schönheit ihres Soprans, die bemerkenswerte Ausdruckskraft in allen Lagen und das hochvirtuose "Spinnen" von Legato-Bögen kommt besonders in diesen russischen Liedern zum Tragen.

Musik: Pauline Viardot-Garcia - "On Georgian Hills"

Pauline Viardot-Garcias Weg ist ein Beispiel für einen modernen weiblichen Lebensentwurf: Auch als Mutter von vier Kindern verfolgte sie stetig weiter ihre Karriere als Musikerin. Dass sie als Komponistin so viel Aufmerksamkeit bis hin zu Rezensionen in Musikzeitschriften erhielt, wurzelt auch in ihren Erfolgen als außergewöhnliche Sängerin. Unabhängig von den damals üblichen Versuchen, ihre Kompositionen eben als Arbeiten einer Komponistin herabzuwürdigen, ging sie ihren Weg. Längere Aufenthalte und ihre Salons unter anderem in Baden-Baden und Paris prägen ihre Biographie bis zu ihrem Tod 1910.

Ausdrucksstark mit dunkel timbriertem Sopran

Unbeirrbarkeit zeichnet auch den Lebensweg von Vítězslava Kaprálová aus. Eine tschechische Dirigentin und Komponistin, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts auch rund 30 Lieder geschrieben hat. Vier davon runden dieses CD-Programm reizvoll ab, auch weil sich hier eine andere Musiksprache entfaltet.

Musik: Vítězslava Kaprálová - "Forever" – op. 12, Nr. 1

1915 in Brünn geboren, schätzte Kaprálová die Musik von Leoš Janáček, der ihren Vater unterrichtet hatte und als Komponist den Sprachmelodie der tschechischen Sprache, genauer gesagt: des Mährischen auf so subtile Weise musikalisch eingefangen hatte. Und diese Tradition klingt auch an in den vier Liedern auf dieser CD.

Musik: Vítězslava Kaprálová - "Forever" – op. 12, Nr. 1

Ausgebildet als Dirigentin und Komponistin, setzte Vítězslava Kaprálová ab 1937 in Paris ihre Studien bei Bohuslav Martinů fort. Gleichzeitig entwickelte sich ihre Karriere als Dirigentin vielversprechend weiter – bis hin zu einem Konzert am Pult des BBC Symphonieorchesters. Eine falsch diagnostizierte Tuberkulose riss Kaprálová mit gerade mal 25 Jahren aus dem Leben. In den ausgewählten Lieder leuchten der impressionistisch-duftige Stil der Komponistin auf.

Musik: Vítězslava Kaprálová - "Hands" op. 12, Nr. 3

"Hände" – die Nummer drei aus opus 12 von Vítězslava Kaprálová, ein Liedzyklus entstanden in den Jahren 1936 / 1937. Schlusspunkt auf der neuen CD der Sopranistin Oleana Tokar und des Pianisten Igor Gryshyn. Eine Aufnahme des Labels Orchid Classics. Auf unserem Musikportal unter deutschlandfunk.de finden Sie diese Sendung ebenso wie in unserer DLF-Audiothek-App. Herzlichen Dank fürs Zuhören sagt Dagmar Penzlin.

"Charms"
Lieder von Alma Mahler-Werfel, Clara Schumann, Pauline Viardot-Garcia, Vítězslava Kaprálová
Oleana Tokar, Sopran
Igor Gryshyn, Klavier
Label: Orchid Classics

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk