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StartseiteJuni 41Olga Gurjewa14.06.2001

Olga Gurjewa

Eine Ukrainerin im Todestal

Als das nationalsozialistische Deutschland den Krieg gegen die Sowjetunion begann, da war das für viele Menschen in der Ukraine durchaus mit einer Hoffnung verbunden, dass damit nämlich die Diktatur Stalins beendet würde und die Ukraine am Ende vielleicht sogar unabhängig werden könnte. Diese Hoffnung erfüllte sich jedoch nicht. Die Deutschen waren keine Befreier, sie hinterließen am Ende verbrannte Erde. Den Menschen in der Ukraine blieben die kriegszerstörten Städte und die sowjetische Armee, die die Bevölkerung unter den Generalverdacht der Kollaboration stellte. Viele Tausend Menschen sind damals für Jahre in den Lagern Stalins verschwunden. Für sie war der Krieg noch lange nicht zuende. Eine von ihnen ist Olga Gurjewa.

Sabine Adler

Sauber gekleidete, gut genährte Männer und Frauen schwingen Beile und schlagen eine Trasse in den Wald am östlichen Ende des russischen Riesenreiches, in Magadan. Der Sowjetmensch erobert den Fernen Osten Russlands, um die Schätze der Erde, Gold, Diamanten und Edelmetalle, zu bergen. Kein Wort in dem stalinistischen Propagandafilm davon, dass die sogenannten Eroberer Sibiriens größtenteils politische Gefangene waren, die für ihre angeblichen Vergehen 15, 20, 25 Jahre Schwerstarbeit unter unmenschlichen Bedingungen verrichten mussten.

Olga Gurjewa wurde über 11 Jahre lang in fünf unterschiedlichen Lagern festgehalten. Begonnen hat ihre Odyssee mit dem 2. Weltkrieg. Ihre Geburtsstadt Iwanofrankowsk in der Ukraine litt unter dem Krieg von Anfang an. Schon in der ersten Woche nach dem Überfall Deutschlands auf die Sowjetunion stand die Stadt unter Beschuss. Zeitweilig ging die Frontlinie mitten durch den Ort. Von 1941 bis '44 versuchten die Menschen inmitten von Kampfhandlungen, Schlachten, Bombardements zu überleben. 1945, als alles vorbei zu sein schien, schlugen in Iwanofrankowsk die Sowjets zu. Wahllos verhafteten sie die Menschen von der Straße weg. Olga Gurjewas Verbrechen bestand darin, Ukrainerin zu sein, also eine Volksfeindin. Dafür büßte sie 11 Jahre, zwei Monate und 24 Tage.

Sie kamen und sahen in uns sofort Feinde des Volkes. Und begannen vom ersten Tag an mit ihren Repressionen und Verbannungen. Sie warfen alle, die ihnen über den Weg liefen, ins Gefängnis, schuldig oder nicht. Sie erpressten mit Folter Geständnisse und sprachen den einen um den anderen schuldig, nach dem immer gleichen Paragraphen. Sie wollten das ganze Volk umsiedeln und holten ihre Leute hierher. Sie glaubten, dass wir ukrainische Patrioten sind, die die Sowjetmacht nicht anerkennen wollten. Dabei war das gar nicht so, es gab zu dieser Zeit schließlich noch den eisernen Vorhang. Noch haben wir geglaubt, was sie uns versprochen haben, noch dachten wir, dass sie gut sind. Und deshalb hießen wir sie sogar noch willkommen mit Brot und Salz. Aber dann stellte sich heraus, dass wir für sie Feinde waren.

In der Ukraine hatten sich Organisationen gegründet, die sowohl gegen die Deutschen kämpften, zugleich aber auch die Unabhängigkeit von der Sowjetunion anstrebten. Die Sowjets verdächtigten jeden, Mitglied dieser Gruppen zu sein. Olga gehörte keiner dieser Verbindungen an, wenngleich sie mit ihnen im Stillen symphatisierte. In einem Schnellverfahren verurteilte man die damals 18jährige zu 15 Jahren Lagerhaft, abzuarbeiten in Sibirien.

Ihre Familie wurde zerrissen, ihre 88jährige Großmutter, die Eltern und Geschwister, alle wanderten in unterschiedliche Lager. Über Irkutsk, Krasnojarsk und Kemerowo kam Olga Gurjewa nach vier Jahren schließlich in Magadan an.

Diese Lager nannte man die Todestäler. Der Winter war sehr streng, 50 Grad unter Null. Alles war tief verschneit. Zwei Wochen lang gab es kein Brot. Gefrorener Kohl und gefrorene Kartoffeln, das war alles, unendlich viele Leute starben. Wir waren wenige Frauen, keine tausend, aber das Lager war riesig, es waren unglaublich viele Männer inhaftiert. Die Gefangenen starben unablässig. Die Körper wurden wie Holz gestapelt, an den Leichen befanden sich lediglich Zettel, ansonsten waren sie nackt, mit Lastwagen wurden sie zum Friedhof transportiert. Man ließ uns nicht zur Arbeit, denn es gab keine Kleidung und auch kein Essen, es war ein einziges Sterben.

1949 kam Olga Gurjewa in Wachanka an, einem großen Frauen-Lager in Magadan. Sie erwartete ein unerträglich strenges Regime aus Arbeit und Appellen:

Wir mussten mit 300 Gramm Brot auskommen. Nach 12 Stunden Arbeit mussten wir, so erschöpft wie wir waren, zum Appell antreten, es wurde gezählt, die Köpfe gesenkt, die Hände nach hinten, Schritt nach links, Schritt nach rechts, es wurde ohne Warnung geschossen. Häufig wurde in der Nacht noch einmal gezählt, bei minus 50 Grad und kälter. Sie hatten sich warm eingepackt, aber wir waren ausgezogen. Nach dem Durchzählen kamen sie häufig auf die Idee, mitten in der Nacht, in dieser Kälte die Formulare durchzugehen, wer von woher kommt und so.

Wie Olga den Hunger und die Kälte überstanden hat, kann sie sich heute nicht mehr erklären. Geholfen haben ihr die Gebete, an denen sie sich festhielt, während der unendlichen Stunden auf dem Appellplatz. Zwei Jahre lang durfte sie überhaupt keine Briefe schrieben, später dann einen pro Jahr. Papier oder Bleistifte wurden für diesen Zweck zugeteilt, ansonsten war die Benutzung nicht erlaubt. Olga dürstete es nach Bildung, den größten Hunger hat der Kopf gelitten, sagt sie heute.

Unter uns Häftlingen war das Klima sehr gut, die älteren waren alles gebildete kulturvolle Leute, es gab keinen Beruf, der unter uns nicht vertreten war. Während dieser Zeit hätte man eine akademische Ausbildung abschließen können, was hätte man in 11 Jahren alles studieren können! Aber das war nicht möglich. Wenn man zwei Frauen zweimal hintereinander miteinander sprechen sah, oder sie sogar beim Schreiben erwischte, trennte man die beiden und es konnte ihnen drohen, dass ihre Haftstrafen verlängert werden.

Nach dem Tod Stalins durften die Häftlinge in Nummern entfernen. Doch bis zur Freilassung vergingen noch zwei Jahre. Am 24. Juni 1956 war es soweit.

Olga hat Magadan am anderen Ende Russlands nie verlassen. Für die ehemaligen politischen Häftlinge gab es zum einen strenge Auflagen, zum anderen zahlreiche Beschränkungen. In Magadan blieben sie unter sich, mussten nichts erklären, nichts rechtfertigen. Am liebsten spricht sie überhaupt nicht mehr über diese schwere Zeit.

Darüber erzählen ist das eine, das zu erleben, etwas völlig anderes. Es war so schwer, dass man es eigentlich nicht in Worte fassen kann. Das sind 11 Jahre gewesen, nicht 11 Monate.

Als Olga verhaftet wurde, hatte sie gerade drei Monate am Institut studiert. 11 Jahre später setzte sie ihre Ausbildung fort. Studieren konnte sie nicht mehr, deshalb wurde sie Krankenschwester und arbeitete 30 Jahre lang im Notdienst. Die meisten ihrer Kollegen stammten aus den unzähligen Lagern rund um Magadan.

Ihren Mann hat sie während des letzten Haftjahres kennen gelernt, als die Gefangenen soviel Brot bekamen, wie sie wollten und sich gegenseitig besuchen durften. Als die heute 72jährige rehabilitiert wurde, war sie weit über 60, ihr Mann erlebte diese Genugtuung nicht mehr. Trotzdem, er hat sich seine Fröhlichkeit nie nehmen lassen. Sie jedoch, sagt sie, hat sie für immer in den Lagern verloren.

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