Samstag, 14.12.2019
 
Seit 11:05 Uhr Gesichter Europas
StartseiteSport am WochenendeRadsportler fühlen sich verraten25.05.2015

Olympia 2016Radsportler fühlen sich verraten

Vor den Sommerspielen nächstes Jahr in Rio de Janeiro häufen sich schlechte Nachrichten: So drohen etwa Arbeiter an Olympia-Baustellen mit Streik, sollten ihre Löhne nicht erhöht werden. Für Empörung sorgt gar der Neubau des Velodroms, wo die Bahnrad-Wettbewerbe ausgetragen werden sollen.

Von Carsten Upadek

Olympia-Baustelle in Rio (Carsten Upadek)
Olympia-Baustelle in Rio (Carsten Upadek)

Startpfiff zum Rio-Cup: einige der besten Radfahrer Brasiliens treten in die Pedale auf den Landstraßen außerhalb von Rio de Janeiro. Gleich startet auch Camila Coelho, 27 Jahre, eine der wenigen Sportlerinnen, die in Brasilien vom Radfahren leben kann. Lieber als die Straße, mag sie eigentlich jedoch die schnellen Bahnen eines Velodroms:

"Auf der Piste sind die Wettbewerbe emotionaler. Man muss sehr intelligent sein, das Risiko ist groß. Ein Fehler macht den Unterschied aus. Dann die Hitze des Publikums... Auf der Straße ist es ruhiger. Man kann mehrfach die Strategie wechseln."

Für die Panamerikanischen Spiele 2007 ließ Rio de Janeiro eine Radrennbahn bauen. Nicht irgendeine, sagt der Präsident des Radsportverbandes, Cláudio Santos:

"Es war eine Ehre für Rio, das beste Velodrom in Latein-Amerika zu haben!"

Nach den Spielen 2007 sammelten Santos und sein Verband Geld für ein großes Radsportprojekt und füllten das leerstehende Velodrom so mit Leben.

"Wir hatten eine Schule für Radrennsport mit 63 Kindern, einen Anfängerkurs, ein Amateurtraining, viele Events. Und wir hatten vor allem das einzige Profi-Team im Radrennsport Brasiliens! Ein Hochleistungsteam!"

Für dieses Team zog Camila Coelho aus dem Süden nach Rio de Janeiro und wurde 2011 und 2012 brasilianische Meisterin- und Vizemeisterin mehrerer Disziplinen. Es sei ein Privileg gewesen, auf der Holzbahn trainieren zu dürfen, sagt sie. Doch 2012 entschied ein Gremium bestehend aus dem Bürgermeister, dem OK-Präsidenten und dem Gouverneur, das Velodrom abreißen zu lassen und an anderer Stelle ein Neues zu bauen.

"Mir brach der Boden unter den Füßen weg!" sagt Camila. "Das war das Ende meiner Mannschaft. Ich hatte einen tiefen Einbruch, mir ging es schlecht! Dann bin ich zu einem Team ins Landesinnere gegangen und habe mich wieder mehr auf die Straße konzentriert."

Tauglichkeitsprüfung nicht bestanden

Roberto Ainbinder ist in Rio de Janeiro oberster Projektleiter für die Olympia-Bauten. Er sagt, der Weltradverband UCI habe das Velodrom auf Olympia-Tauglichkeit geprüft und durchfallen lassen.

"Wir hätten das Dach auswechseln müssen, die Zuschauertribüne und die Piste. Also machten wir eine Studie, wie viel ein Umbau kosten würde und wie viel ein Neubau. Die Kosten waren absolut identisch! Und bei einem Umbau hat man normalerweise mehr Überraschungen als bei einem Neubau auf jungfräulichem Gelände."

Diese Studie aber habe nie jemand gesehen, sagt der Journalist Vinícius Konchinski. Deshalb sei die Entscheidung schwer nachzuvollziehen:

"Wie kannst Du eine Bahn für über vier Millionen Euro bauen und fünf Jahre später sagen: sie ist zu nichts mehr zu gebrauchen und wir reißen sie lieber ab?"

Zumal der Bau vom Weltradverband UCI 2006/2007 selbst beaufsichtigt worden sei, erzählt Rios damalige Bürgermeister César Maia:

"Wir haben nur ausgeführt. Als alles fertig war, kamen sie hierher, applaudierten und sagten, das ist genau das, was wir wollten."

Sie, die UCI. Jener Weltradverband, der laut Projektleiter das gleiche Velodrom 2012 durchfallen ließ. Die Bitte um eine Stellungnahme ließ sie unbeantwortet. Dafür meldete sich der Architekt des Velodroms zu Wort, der Holländer Sander Douma. Weltweit hat er 20 bedeutende Radrennbahnen entworfen. Gegenüber dem Sender ESPN nannte er die Verantwortlichen:

"Crazy. Altogether! You are crazy!"

Verrückt. Alle miteinander! Ihr seid verrückt! Nach Douma wäre das Velodrom in Rio mit einigen Umbauten olympiatauglich gewesen. Wichtiger als die technischen Fragen könnte ein anderer Grund gewesen sein, sagt der Journalist Vinícius Konchinski: Immobilienspekulation.

"Der Abriss ermöglicht die Verlegung des Velodroms an das andere Ende des Olympiaparks. Das schafft Platz, um Apartmentgebäude zu bauen."

Platz für Immobilien-Spekulation

Der Olympiapark entsteht im Westen von Rio de Janeiro am Rande der Lagune Jacarepaguá. Seine Form ähnelt der eines Dreiecks, wobei die beiden kürzeren Seiten an das Wasser grenzen. Die Fläche des Dreiecks ist so groß wie ein ganzes Stadtviertel. Auf ihr entstehen Sportstätten für 16 olympische Disziplinen. Nach den Spielen darf das Baukonsortium auf 75 Prozent davon Shoppingcenter und Wohnblöcke bauen. Das frühere Velodrom befand sich an der Spitze des Dreiecks, seinem Scheitelpunkt. Den nennt Ex-Bürgermeister César Maia das "Filet mignon" der Immobilienspekulation, weil er einen hervorragenden Ausblick bietet. Radsportpräsident Cláudio Santos:

"Wir haben verstanden, dass die Immobilien-Spekulation einen weit höheren Wert hat als der Bahnradsport, der aufgehört hat am Vorabend einer Olympiade hier in Rio de Janeiro, zu existieren. Betrogen, ich fühle mich betrogen!"

Das abmontierte Velodrom sollte im Süden Brasilien in der Provinz wieder aufgebaut werden – für 6,5 Millionen Euro, teurer als der Originalbau. Die Teile sind inzwischen zwar dort angekommen, gammeln aber zum Teil auf einer Wiese vor sich hin. Der Neubau in Rio kostet zehnmal so viel wie sein Vorgänger: mehr als 35 Millionen Euro. Dabei ist Journalist Vinícius Konchinski nicht mal sicher, ob das Velodrom auch rechtzeitig fertig wird. Das zuständige Bauunternehmen befindet sich im Insolvenzverfahren.

"Das Unternehmen ist fast pleite. Es hat kein Geld in der Kasse, um Material zu kaufen, die Arbeiter zu bezahlen."

Der Staat schießt vor. Trotzdem hinke die Anlage sichtbar hinterher, so Konchinski. Erst Mitte Mai stoppte die Arbeitsaufsicht den Bau wegen fehlender Sicherheitsmaßnahmen. Projektleiter Roberto Ainbinder verspricht trotzdem, dass alles rechtzeitig fertig werde bis 2016. Aber selbst wenn: für Rennradtalent Camila Coelho kommt das alles zu spät. Die olympischen Hallenradrennen in Brasilien werden ohne sie stattfinden.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk