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StartseiteSport am WochenendeGraz steigt ins Rennen ein17.03.2018

Olympia 2026Graz steigt ins Rennen ein

Regelmäßig sind in den letzten Jahren Olympia-Pläne am Widerstand aus der Bevölkerung gescheitert. Man denke nur an Hamburg, München oder zuletzt Innsbruck. Doch nun wirft Graz den Hut in den Ring, mit viel Optimismus, einem schlanken Konzept und einer simplen Lösung für das Problem mit den Volksabstimmungen.

Von Christian Bartlau

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Symbolbild Olympiabewerbung Graz (imago sportfotodienst)
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Der Grazer Bürgermeister lässt Bilder für sich sprechen: Die Eröffnungsfeier von Pyeongchang, begeisterte Zuschauer und ein jubelnder Nationalheld Marcel Hirscher - all das zeigt das Video, mit dem Siegfried Nagl für seinen Olympia-Traum wirbt: Er will die Winterspiele 2026 nach Graz holen. Rund 300 Bürger sind an einem Montagabend im März gekommen, um sich seine Pläne anzuhören. Der Bürgermeister gibt zu, dass die Idee im Stillen gereift ist, zwischen ihm und Jürgen Winter, dem Bürgermeister von Schladming. Gemeinsam haben sie 2017 die Special Olympics in der Steiermark organisiert, die Spiele für Sportler mit geistiger Behinderung.

"Ich habe mit dem Schladminger Bürgermeister über Weihnachten telefoniert und wir waren fast ein bisschen entsetzt dass Tirol und Innsbruck das Handtuch geworfen haben durch die Volksbefragung. Und wir haben gesagt: Gut, trommeln wir mal alle Gemeinden zusammen und alle Verbände und fragen, ob wir nicht erneut eine Kandidatur abgeben sollten."

"Günstige und nachhaltige Spiele"

Den Initiatoren schwebt ein dezentrales Konzept vor. Graz würde als Host-City fungieren, die meisten Wettbewerbe in anderen Städten stattfinden: Die alpinen Ski-Wettkämpfe in Schladming, Ski Nordisch in Ramsau, Biathlon in Hochfilzen. Sogar Austragungsorte in Deutschland sind im Gespräch: Königssee für Bob, Rodeln und Skeleton sowie Inzell für Eisschnelllauf. So sollen teure Neubauten überflüssig gemacht und die Kosten insgesamt gesenkt werden. Das ist das erklärte Ziel der Agenda 2020 des Internationalen Olympischen Komitees. Graz´ Bürgermeister Nagl will das IOC beim Wort nehmen.

"Wenn das IOC sagt: Nein, wir veranstalten lieber woanders wieder gigantonomische Spiele, dann haben sie, wenn ich so sagen darf, aber auch ihre Glaubwürdigkeit verloren. Ich bin mir ziemlich sicher, dass wir da Gehör finden, weil auch beim IOC viele Persönlichkeiten sich andere Spiele wünschen, weil Sponsoren mittlerweile sagen, so kann es nicht weiter gehen."

Keine Volksbefragung in Graz

Kleine, aber feine Spiele – diesen Ansatz verfolgte auch die Bewerbung von Innsbruck. Dort sollten keine neuen Sportstätten entstehen, die Kosten unter zwei Milliarden Euro gehalten werden. Aber obwohl Politik, Wirtschaft und das Österreichische Olympische Komitee massiv für die Slim-Fit-Bewerbung trommelten, zerplatzte der Olympia-Traum am Veto der Bevölkerung. In der Volksbefragung im Oktober 2017 stimmte die Mehrheit mit Nein – wie schon in München 2013 oder Hamburg 2015. Ein Risiko, das der Grazer Bürgermeister umgehen will: Es soll keine Volksbefragung geben. Und passenderweise führt er eine Koalition zwischen ÖVP und FPÖ an, die alle Beschlüsse mit Mehrheit durchdrücken kann: 
 
"Wenn das vernünftig kalkulierbar ist und von dieser Gigantonomie abweicht werden die Menschen hinter uns stehen. Leider Gottes führen heute diese Befragungen sehr oft zum Nein, und deswegen wünsche ich mir eigentlich gar keine Volksbefragung mehr, weil es jetzt auch überall daneben geht."

Die Kommunistische Partei, die stärkste Oppositionspartei in Graz, sammelt schon Unterschriften, um eine Volksbefragung zu erzwingen. 10.000 Unterschriften sind nötig, 2.000 hat die KPÖ schon beisammen. Die anderen beiden Oppositionsparteien, Sozialdemokraten und Grüne, sehen gar keinen Anlass, Unterschriften zu sammeln. Sie setzen darauf, dass sich das Projekt von selbst erledigt – wegen der leeren Kassen in Stadt und Land. Im Februar sagte der Finanzminister im Landtag, er sehe "keinerlei Spielraum" für Olympia. Eine deutliche Ansage, auf die auch Karl Dreisiebner pocht, der Chef der Grazer Grünen.

"Die Stadtgemeinde Graz kann das nicht ohne das Land Steiermark ziehen, auch die Frage, ob die Bundesregierung einsteigt, ist noch offen. Wir können es uns nicht leisten, das ist die Lage, und da brauche ich nicht weiter über Sinn und Unsinn nachdenken."

"Die Bevölkerung sieht das sehr kritisch."

Dreisiebner stößt auch die Art und Weise auf, wie der Bürgermeister für seinen Traum wirbt – bei der Informationsveranstaltung in der Grazer Stadthalle ist fast nur von Chancen die Rede, nicht von den Risiken, den schlechten Erfahrungen, die andere Städte mit den Spielen gemacht haben. Dass die Hüter der Ringe stets Steuerfreiheit für sich beanspruchen, dieser Hinweis kommt aus dem Publikum, nicht vom Podium. 
 
"Das hier heute war eine schlechtere Roadshow, der Versuch das alles schön darzustellen. Das Podium war voll mit Menschen, die politisch dafür sind, beziehungsweise aus sportlichen oder beruflichen Gründen das positiv sehen. Die Reaktion aus dem Publikum hat bewiesen, dass die Bevölkerung das sehr kritisch beziehungsweise zumindestens differenziert sieht."

Machbarkeitsstudie für rund 1,3 Millionen Euro

Bürgermeister Nagl verweist darauf, dass entscheidende Fakten noch gar nicht auf dem Tisch liegen. Am Donnerstag hat der Gemeinderat die Gründung der Bietergesellschaft beschlossen. Bis 31. März soll der sogenannte "letter of intent", also eine Absichtserklärung ans IOC verfasst werden. Bis Juni klopfen Experten das Konzept der schlanken Spiele ab, die Machbarkeitsstudien will sich Graz rund 1,3 Millionen Euro kosten lassen. Erst im Oktober beginnt der eigentliche Kandidaturprozess, für den Nagl 6,7 Millionen Euro veranschlagt. Spätestens dann müssen Land und Bund im Boot sein. Nagl ist trotz leerer Kassen optimistisch.

"Da ist das letzte Wort nicht gesprochen. Was ich verstehen kann ist, dass die Vertreter des Landes und des Bundes genau wissen wollen, worauf sie sich einlassen. Dazu braucht es ein Konzept und das wollen wir im nächsten Halbjahr erstellen."

Auf welche Mitbewerber Graz treffen könnte, steht noch nicht fest. Sicher ist bis jetzt nur die Absichtserklärung von Stockholm. Interessiert sind wohl auch Sapporo in Japan, Calgary in Kanada, eventuell auch Erzurum in der Türkei. Über die Kandidatur von Sion in der Schweiz wird eine Volksabstimmung entscheiden.

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