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StartseiteSport am Wochenende"Die Öffentlichkeit ist Spielen nicht unbedingt zugeneigt"31.03.2018

Olympia 2026 in Stockholm"Die Öffentlichkeit ist Spielen nicht unbedingt zugeneigt"

Stockholm will sich für die Olympischen Winterspiele 2026 bewerben. Bisher gebe es für die Pläne jedoch noch wenig Rückhalt aus der Politik und der Bevölkerung, sagte der schwedische Journalist Jens Littorin im Dlf. Doch das IOC werbe um die schwedische Hauptstadt.

Jens Littorin im Gespräch mit Marina Schweizer

Eine olympische Flagge weht an einem Fahnenmast. (dpa/Kaestle)
"Ich glaube, das Ergebnis eines Referendums wäre auch nicht zugunsten von Spielen", sagt der schwedische Journalist Jens Littorin. (dpa/Kaestle)
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Marina Schweizer: Stockholm – genau die Stadt, die schon um die Spiele 2022 mitmischte, dann aber auch wegen des Budgets Zweifel bekam und zurückzog. Ein Beispiel von vielen, das zur aktuellen Gastgeber-Krise des Internationalen Olympischen Komitees beigetragen hat. Was hat sich verändert in Stockholm, dass man es schon wieder versuchen will?

Jens Littorin: Es gibt ein fortwährendes Interesse des Schwedischen Olympischen Komitees an Olympia. Es gab Bewerbungen von Östersund in den 90ern und dann richtete sich ihre Aufmerksamkeit auf Stockholm mit einer Bewerbung für die Sommerspiele 2004, die nicht erfolgreich war. Aber die Anstrengungen gibt es schon lange. Die Spiele wurden ja 1912 hier ausgetragen, ein großer Erfolg, sie wurden die Sonnenschein-Spiele genannt –das ist echt lange her. Aber die Geschichte zeigt: Stockholm ist eine Olympiastadt.

Schweizer: Es hat ein ziemliches Hin und Her auch dieses Mal über eine Bewerbung für 2026 gegeben: Vor einem Jahr hat die Bürgermeisterin Kerstin Wanngard gesagt, es gäbe keine politische Mehrheit für Spiele in der Stadt. Und jetzt also doch?

Viele Zweifel aus dem zentralen politischen Lager und der Opposition

Littorin: Ich würde sagen: Nein. Es hat sich nicht viel geändert seit sie das gesagt hat. Was sich vielleicht geändert hat, ist, dass das IOC sehr eifrig dabei ist, um eine schwedische Bewerbung zu werben. Und das Schwedische Olympische Komitee lobbyiert in der Stockholmer Politik. Aber es sieht nicht so aus, als seien sie erfolgreich. Es gibt immer noch viele Zweifel aus dem zentralen politischen Lager und der Opposition, würde ich sagen. Die Sozialdemokraten befürworten Spiele immer noch. Aber sie denken, sie sind damit allein und sie werden keine Mehrheit für eine Bewerbung bekommen.

Schweizer: Es ist ja ein Wahljahr in Schweden – was hat das für einen Einfluss auf einen Bewerbungsprozess?

Littorin: Das ist ein anderer wichtiger Punkt. Ich glaube, viele Politiker wollen sich nicht allzu sehr dafür einsetzen, wenn es um die Wirtschaft und so weiter geht. Und dann ist es ja auch noch so: Die Öffentlichkeit ist Spielen nicht unbedingt zugeneigt. Es gibt einfach sehr viele negative Schlagzeilen über das Internationale Olympische Komitee und Olympische Spiele. Und die Mehrheit der Menschen war auch damals gegen eine Bewerbung für die Sommerspiele 2004 – das ist eine große Hürde für das Nationale Olympische Komitee hier in Schweden, glaube ich.

"Das Ergebnis eines Referendums wäre nicht zugunsten von Spielen"

Schweizer: Sollte man eine Bewerbung für 2026 durchziehen, würde es ein Referendum geben?

Littorin: Ich glaube, ja. Es hat dazu noch keine Entscheidung gegeben. Ich glaube, das Ergebnis eines Referendums wäre auch nicht zugunsten von Spielen.

Schweizer: Sie haben die negativen Schlagzeilen um das IOC erwähnt, viele haben die hohen Kosten für die Winterspiele in Sotschi im Kopf mit seinen Kosten von 50 Milliarden Dollar. Das würde in Stockholm relativ sicher anders aussehen mit der Infrastruktur, die dort bereits vorhanden ist. Was könnte man denn in Stockholm für Spiele bereits an Infrastruktur nutzen? Und gibt es auch da Vorschläge, Spiele auf andere Orte auszuweiten?

Littorin: Ja, gibt es. Es wären sehr moderne Spiele – das würden dem IOC sehr gut in seine sogenannte Agenda 2020 passen. Im Vergleich recht günstig und nachhaltig. Die Spiele wären nicht nur in Stockholm, die alpinen Wettkämpfe würden in Are stattfinden, einem künftigen WM-Ort, und auch in Fallun, wo die Langlauf-WM vor ein paar Jahren stattgefunden hat. Sie würden also Wettkampfstätten nutzen, die es schon gibt. Das würde die Kosten niedriger halten. Das Nationale Olympische Komitee hat jetzt gesagt, dass sie darüber nachdenken die Wettkämpfe im Rodeln, Bob und Skeleton in Sigulda abzuhalten – also in Lettland. Das würde bedeuten, dass sie nicht die Kosten für eine neue Bobbahn in Stockholm ausgeben müssten.

"Sie könnten Zugeständnisse vom IOC verlangen"

Schweizer: Es gibt nicht nur die Agenda 2020 – dieses Lieblingsprojekt von Thomas Bach. Es sagt ja auch: Er will zurückkehren an einen klassischen Wintersportort, wie er es nennt. Es scheint, als brauche das IOC diese Orte, wie Stockholm. Wie wird denn die Idee diskutiert, dass man etwas vom IOC verlangt – immerhin ist die Verhandlungsposition der Orte ja besser geworden. Spricht man da in Stockholm drüber?

Littorin: Ich bin mir nicht sicher. Sie sind auf jeden Fall in einer guten Verhandlungsposition. Ich weiß, dass das IOC unbedingt Spiele in Ländern wie Schweden ausrichten will – wie Sie sagten, ein klassisches Wintersportland. Schweden hat nie Winterspiele gehabt, obwohl es eine große Wintersportnation ist. Ja, es könnte solche Verhandlungen geben, sie könnten Zugeständnisse vom IOC verlangen. Aber wenn man die politische Mehrheit nicht hinter sich hat, bleibt es schwer.

Schweizer: Was glaube Sie denn – wird Stockholm am Ende wirklich als Kandidatenstadt ins Rennen gehen?

Littorin: Ich fürchte, dass es immer unwahrscheinlicher wird. Ich denke, die Politiker hätten schon lange lauter für die Spiele geworben, wenn sie wirklich die Stimmung ändern wollten. Die Zeit ist ja schon fortgeschritten, man müsste eine richtige Bewerbung jetzt wirklich vorbereiten. Das wird vom Nationalen Olympischen Komitee gemacht. Aber wie ich bereits sagte: Solange die politische Mehrheit dafür fehlt, ist es unwahrscheinlich.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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