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StartseiteSport am WochenendeOlympia für den Emir29.01.2012

Olympia für den Emir

Ausstellung am Gropius-Bau entzweit Wissenschaftler

Ein halbes Jahr vor ihrer eigentlichen Eröffnung, macht die Olympia-Doppelausstellung, die ab dem 31. August im Martin-Gropius-Bau in Berlin zu sehen sein soll, viel von sich reden. Eine Reihe von deutschen Wissenschaftlern erhebt den Vorwurf, dass sich das Nationale Olympische Komitee des Emirates Katar die Leitung über die Ausstellung gekauft hat und damit kritische Wissenschaft in einem der ersten Ausstellungshäuser der Hauptstadt verhindert.

Von Frank Hessenland

Blick auf den Martin-Gropius-Bau in Berlin (jirka-jansch.com)
Blick auf den Martin-Gropius-Bau in Berlin (jirka-jansch.com)

Es wäre eine spannende, eine politische Ausstellung über die moderne olympische Bewegung im Berliner Martin-Gropius-Bau geworden, die der Historiker Bernd Sösemann, zusammen mit fünf renommierten Sporthistorikern, Soziologen, Philosophen angestrebt hat:

"Ich wollte schreiben über den olympischen Gedanken in autoritären und diktatorialen Systemen, Motive, Intentionen, Formen und Gestaltung, nationalistische Bezüge, ideologische Instrumentalisierung, Selbstinszenierung des Regimes, Volksgemeinschaftsgedanke, Boykott, Instrumentalisierungspotentiale, Einfluss von Politik, Wirtschaft. Sie merken das geht alles in die Richtung. Bestechungsskandale, Deformation. Doping!Ganz klare Politik!"

Die Ausstellung hätte versucht die Anziehungskraft und die Schattenseiten des olympischen Business zu zeigen: Die Faszination "Olympia" und die Korruption des IOC. Die Reinheit der Idee und den politischen Missbrauch. Die extremen Leistungen der Athleten und den Betrug. Wie ernst es den Machern um Bernd Sösemann gewesen war schildert Gunter Gebauer, Professor für Philosophie der FU Berlin am Beispiel Doping:

" Wenn man das 100 Meter Rennen der letzten olympischen Spiele in Peking zeigt, wo Usain Bolt mit einem Riesenvorsprung 20 Meter vor dem Ziel das Tempo rausnimmt, mit offenen Schnürsenkeln austrudelt und den Weltrekord um anderthalb Zehntelsekunden verbessert, also im Grunde genommen nochmal anderthalb Meter schneller ist, als der alte Weltrekordler, von dem man weiss, dass er gedopt war, der schon wieder einen Meter schneller war als der vorherige Weltrekordler, der auch gedopt war, der wieder schneller war als der Weltrekordler davor, der auch gedopt war, dann kann man das relativ gut symbolisieren und signalisieren durch Bilder, durch Körperdarstellungen, durch Filme, auch durch Leistungskurven der Entwicklung und ähnliches. Das hätten wir uns nicht entgehen lassen."

Neun Monate sammelten die Wissenschaftler Fotos der spektakulärsten Weltrekorde, dokumentierten den verschwenderischen Luxus des IOC, kontaktierten gefeierte Olympioniken wie Aussteiger, schrieben Texte. So lange bis sie Gereon Sievernich, der Leiter des Gropius-Baus beschied, dass nun allein das Quatar Sports Museum die Arbeiten verantworte. Seitdem entwickelt sich das Vorhaben vom Politikum zum Skandal. Denn Sievernich hatte parallel Verträge mit dem deutschen Leiter des in Gründung befindlichen Sportmuseums im Golfstaat Katar, Christian Wacker, abgeschlossen und damit einige Monate zwei Gruppen nebeneinander laufen lassen. Das bestätigen Mitglieder der neuen "Gruppe Wacker". Wacker machte offenbar das Rennen, weil Katar nicht nur den aktuellen Teil der Olympia-Ausstellung, sondern auch noch den Teil finanzierte, der sich um das antike Olympia dreht. Für den modernen Teil wollte Katar dafür die absolute Interpretationshoheit, so Bernd Sösemann

"Die Situation stellt sich für mich so dar, dass unser Konzept in dem Moment nicht mehr gefragt war, ohne dass über Inhalte diskutiert wurde dabei, indem ein Finanzier Ansprüche stellte und zwar auf Alleinentscheidung und Alleinvertretungsmacht, denn das ist sehr deutlich immer wieder von Herrn Sievernich formuliert worden, dass Katar allein entscheidet."

Die Sösemann-Gruppe spricht von einem in der Wissenschaft einzigartigen Vertrauensbruch. Der Leiter des Gropius-Baus Gereon Sievernich sagt dagegen, dass es gar keine richtige Arbeitsbeziehung zu Prof. Sösemann und den 5 Wissenschaftlern gab.

"Es gab in dieser Runde, die mal so im Februar 2011 darüber beriet, wie man was macht, gab es den Schulfreund eines wichtigen Mitgliedes, der wurde dann auch einmal ein bisschen befragt, was man tun könnte. Aber es gab nie einen Auftrag oder eine vertragliche Verpflichtung gegenüber einer Arbeitsgruppe, die jetzt so ein bisschen durch die Presse zieht und die den Eindruck erweckt, es hätte einen solchen Auftrag gegeben. Also einen solchen Auftrag hat es nie gegeben, weder mündlich noch schriftlich hat es einen Auftrag gegeben. Das muss ich einfach zurückweisen. Das stimmt nicht."

Zahlreiche Protokolle der Steuerungsgruppe "zur Vorbereitung der Olympia-Ausstellung" aus dem Gropius-Bau selbst belegen allerdings das Gegenteil. Sie dokumentieren Sösemanns aktive Mitgliedschaft im Leitungsteam. Sie liegen dem Deutschlandfunk ebenso vor, wie eine umfassende Mitarbeiterliste der Ausstellung. Dort findet sich unter der Rubrik "Konzeption und Leitung" u.a. der Name Sösemann gleich neben Sievernich. Der Gropius-Bau argumentiert nun, dass es für das Publikum einerlei sei, wer Olympia-modern konzipiert, Hauptsache die Ausstellung ist finanziert, wie Direktor Sievernich sagt.

"Erarbeitet wird der Ausstellungsteil Olympia-modern vom Katar Sports Museum: finde ich toll."

Sievernich hat dabei die internationale Zusammenarbeit mit einem arabischen Schlüsselland im Auge und vertraut auf die Professionalität der Wacker-Gruppe. Tatsächlich setzt sich diese aber aus Forschern mit einer gewissen inhaltlichen Tendenz zusammen, sagt Bernd Söseman.

"Die Namensliste, die ich gesehen habe, war vorwiegend von Personen bestückt, die dem IOC nahestehen oder mit ihm sogar direkt verbandelt sind."

In das Bild passt, dass das Sportmuseum in Katar, dass noch keine Ausstellungsräume besitzt, vom Nationalen Olympischen Komitee Katars und dem Aspire-Sportleistungszentrum finanziert wird . Es ist ein wichtiger Bestandteil der Olympia-Bewerbung Katars, die auf der Prioritätenliste des Emirs, des absoluten Herrschers des kleinen Landes ohne Parteien oder Wahlen, auf Platz 1 steht. Welche "Schattenseiten" Olympias sollen hier Platz finden? Etwa über Missbrauch des Sports in Diktaturen, über Korruption bei Olympia? Das Sportmuseum in Katar und Christian Wacker äussern sich bislang nicht.

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