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StartseiteInterview"Olympische Spiele gehören nicht ins Pay-TV"29.11.2016

Olympia ohne ARD und ZDF"Olympische Spiele gehören nicht ins Pay-TV"

Michaela Engelmeier fürchtet eine deutliche Reduzierung der Berichterstattung über den olympischen Sport im Fernsehen. "Das vielfältige Angebot wird es nicht mehr geben", sagte die sportpolitische Sprecherin der SPD-Bundestagsfraktion im Deutschlandfunk.

Michaela Engelmeier im Gespräch mit Christiane Kaess

Die Obfrau der SPD im Sportausschuss des Bundestages, Michaela Engelmeier. (imago/ Jens Jeske)
Mehr Vielfalt in der Sportberichterstattung: Das forderte Michaela Engelmeier, sportpolitische Sprecherin der SPD-Fraktion im Bundestag im DLF. (imago/ Jens Jeske)
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Die Olympischen Sommer- und Winterspiele sollen nach den gescheiterten Verhandlungen zwischen dem Rechteinhaber Discovery sowie ARD und ZDF von 2018 bis 2024 in Deutschland nicht mehr im öffentlich-rechtlichen Fernsehen zu sehen sein. "Ich bedauere diese Entscheidung zutiefst", sagte Engelmeier.

Die beiden öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten hätten 2014 aus Rio de Janeiro im Fernsehen und in Internet-Livestreams mehr als 1.000 Stunden berichtet. "Jetzt soll es nur noch 200 Stunden kostenlos geben, bei Winterspielen sogar nur 100", sagte Engelmeier. "Ich glaube, dass unsere Athleten nicht mehr so dargestellt werden wie zuvor. Olympische Spiele gehören nicht ins Pay-TV."

Der Fokus könnte sich nun allein auf Wettkämpfe mit internationalen Superstars wie dem jamaikanischen Sprinter Usain Bolt richten, sagte Engelmeier. "Das vielfältige Angebot wird es nicht mehr geben, das geht auch nicht bei nur 200 Stunden."

Engelmeier äußerte Befürchtungen, dass die Dominanz des Fußballs im Fernsehen noch steigen könnte. Zudem beklagte sie, dass den Sendern der Fußball finanziell mehr wert sei. "Da scheint keine Summe groß genug, aber warum ist das jetzt bei Olympia so gelaufen? Das macht mich wütend."


Das Interview in voller Länge:

Christiane Kaess: Zu viel Geld, so begründeten ARD und ZDF, dass sie die Übertragungsrechte der Olympischen Spiele nicht erworben haben. Die öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten sind außen vor bei der Liveübertragung der Olympischen Spiele von 2018 bis 2024. In Deutschland werden die nur im Privatsender Eurosport zu sehen sein. Der Mutterkonzern Discovery hat die Medienrechte vom Internationalen Olympischen Komitee bekommen. Dort heißt es jetzt, das Ziel sei, mehr Menschen über mehr Bildschirme denn je zu erreichen. Eurosport eins werde Live-Bilder von den Wettkämpfen im Free-TV zeigen. Weitere Berichterstattung ist kostenpflichtig.

Michaela Engelmeier war lange Jahre aktive Leistungssportlerin in der Judo-Bundesliga sowie Mitglied der deutschen Judo-Nationalmannschaft der Frauen. Seit 2002 ist sie Vizepräsidentin des Deutschen Judobundes und sie ist sportpolitische Sprecherin der SPD-Bundestagsfraktion. Guten Morgen, Frau Engelmeier.

Michaela Engelmeier: Guten Morgen.

Kaess: Wie haben Sie denn gestern diese Nachricht aufgenommen?

Engelmeier: Es hat sich ja leider schon ein bisschen im Vorfeld angekündigt, dass es so kommt. Aber ich bedauere diese Entscheidung zutiefst. Ich finde das eigentlich unfassbar, dass erstmalig die Öffentlich-Rechtlichen nicht Olympia, die Olympischen Spiele übertragen, und ich mache mir auch große Sorgen darum, wie dann die Berichterstattungen vielleicht laufen.

Kaess: Um das dem Hörer noch etwas anschaulicher zu machen. Nach der jetzigen Vereinbarung müssen nur noch 200 Stunden kostenlos im Fernsehen gezeigt werden. Der Vergleich dazu: Bei Rio haben ARD und ZDF 340 Stunden kostenlos gezeigt. Plus Livestream auf den Internet-Seiten war das dann in der Summe mehr als 1.000 Stunden. Welchen Effekt erwarten Sie denn jetzt mit so viel weniger kostenlosem Angebot?

Engelmeier: Na ja, erst mal ist die Latte natürlich da unglaublich hoch gewesen. ARD und ZDF haben wirklich ausgiebig über die Olympischen und übrigens auch die Paralympischen Spiele berichtet und das war eine tolle Geschichte. In Ihrer Ankündigung haben Sie ja auch gesagt, da haben viele, viele Leute sich plötzlich begeistert. Sie sind mitten in der Nacht aufgestanden, um was zu gucken. Ich befürchte, dass das natürlich mit dieser mageren Stundenzahl von 200 Stunden für die Olympischen Spiele und, ich glaube, 100 Stunden für die Olympischen Winterspiele, dass das nicht ausreichen wird.

Außerdem glaube ich auch, dass unsere deutschen Athleten - das ist ja auch das, was ARD und ZDF immer so ausgezeichnet hat; die hatten den Fokus ja auch eigentlich auf unsere Athleten und wir haben tolle Endkämpfe gesehen und auch tolle Vorkämpfe, wo unsere Athleten auch dargestellt worden sind. Das, glaube ich, wird alles nicht mehr passieren können. Ich glaube nicht, dass Discovery oder Eurosport das leisten kann. Und mal unter uns: Ich finde, Olympische Spiele gehören nicht ins Pay-TV. Das was dann im Pay-TV laufen soll, wer soll das gucken?

"Es wird nicht mehr dieses vielfältige Sportangebot geben"

Kaess: Was glauben Sie denn jetzt, wo der Fokus liegen wird in Zukunft?

Engelmeier: Na ja, ich denke auf den Wettkämpfen, die international möglicherweise besonders gefragt sind. Natürlich gucke ich mir auch einen guten Lauf von Usain Bolt oder was auch immer an, aber ich glaube, ich befürchte, das wird es dann sein. Es werden nur noch diese Spitzenstars sein, die wahrscheinlich dargestellt werden. Dieses vielfältige Sportangebot oder Wettkampfangebot wird es nicht mehr geben. Geht ja gar nicht bei 200 Stunden für die Spiele.

Kaess: Oder werden genau diese Stars dann im kostenpflichtigen Programm laufen, weil die die Zuschauer ziehen und die Zuschauer dann auch bereit sind zu zahlen?

Engelmeier: Wahrscheinlich in beiden, denke ich mal. Keine Frage. Und wir machen uns ja mal nichts vor: Die Olympischen Spiele, in diesem Jahr habe ich das das erste Mal erlebt, dass viele Leute mir gesagt haben, ich habe immer gerne Olympia geguckt, aber der Sport, im Moment ist der ja immer ein bisschen so im Gerede, so ein bisschen Korruption hier und Korruption da und die sind alle gedopt.

Da hat man immer gegengehalten und hat gesagt, guckt es euch an, guckt euch wirklich die vielen Athletinnen und Athleten an, die da starten. Und jetzt, was passiert jetzt? Ich befürchte auch, dass wir einfach dann diese Zuschauerzahlen nicht mehr haben. Das ist nicht gut für Olympia und das ist übrigens auch nicht gut für den Sport.

Kaess: Zum Teil war die Kritik aber durchaus berechtigt, die Sie jetzt gerade hier vorgetragen haben.

Engelmeier: Ja klar.

"Olympia ist nichts Privates"

Kaess: Discovery sagt ja, das Ziel sei, jetzt mehr Menschen über mehr Bildschirme denn je zu erreichen. Warum haben Sie da kein Vertrauen, dass der Sport doch noch erfolgreicher an die Menschen auf diesem Weg kommen kann? Vielleicht sind viele Zuschauer auch bereit zu zahlen.

Engelmeier: Ich habe es ja gerade gesagt. In dem frei zugänglichen TV mit 100 Stunden, das ist nicht viel, und ob die Leute bereit sind, dafür zu zahlen, das wird man dann sehen.

Ich finde es nicht in Ordnung und ich sage, Olympia ist nichts Privates, ist nichts Pay-TV-Rechtliches, sondern das muss in die Öffentlichkeit und wir müssen immer wieder natürlich den Sport darstellen, damit wir einfach das auch demonstrieren können, was der Sport überhaupt für viele, viele Leute bedeutet. Und da sind die Olympischen Spiele natürlich ganz, ganz oben.

Und ganz ehrlich: Ich befürchte auch ein bisschen, und das soll gar nicht nachtretend sein an den Fußball. Aber gucken Sie mal: Der Fußball, der hat schon eine echte Dominanz im deutschen Fernsehen, übrigens auch im öffentlich-rechtlichen. Und da scheint ja keine Summe groß genug zu sein, um irgendwelche Rechte zu kaufen. Warum ist das jetzt bei Olympia so gelaufen?

Natürlich sehe ich das ein, dass man auch den Zuschauern, die mit ihren Gebühren das natürlich alles finanzieren, vielleicht nicht mehr zumuten kann. Aber ich glaube, dass es überhaupt nicht mehr darum geht, dass wir da den Sport vielleicht darstellen oder die Entscheidungen in den Arenen oder auf dem Wasser, sondern dass da die Summen hinter den Kulissen eine wichtige Rolle spielen, und das macht mich richtig wütend.

"Mit dieser Entscheidung ist man wieder zurückgefallen in wirklich alte Zeiten"

Kaess: Aber es gibt ja auch einen Grund, warum das so gelaufen ist. Was sagt das denn aus über das Internationale Olympische Komitee, dass es die Preise so stark nach oben treibt?

Engelmeier: Na ja, das Internationale Olympische Komitee hat sich ja eine eigene Agenda gegeben, 2020. Da habe ich mir viel erhofft, dass das nicht mehr so ist, dass wieder der Sport im Vordergrund steht und nicht das, was alles hinter den Kulissen läuft. Und ganz ehrlich: Mit dieser Entscheidung, finde ich, ist man wieder zurückgefallen in wirklich alte Zeiten. Da geht es um große Summen, da geht es um Verdienen und da geht es einfach darum, dann den Sport gar nicht mehr im Vordergrund zu haben, und das ist wirklich das, was mich ärgerlich macht.

Kaess: Ein Zeitungskommentar, der spricht heute von Raffgier. Ist es das?

Engelmeier: Ja! Wenn man das mal so ausdrücken möchte, kann man sagen, Raffgier gehört dazu. Und es ist einfach das große Geldverdienen.

Kaess: Und dieses Geld kommt nicht mehr dem Sport zugute?

Engelmeier: Ich kann mich jetzt nicht erinnern, dass Discovery zu einem der größten Sponsoren gehört. Aber mag sein, dass das vielleicht beim IOC anders gesehen wird. Wer weiß, was man damit finanziert. Aber ich sage Ihnen ehrlich: Es ist intransparent und das kann der Sport auch im Moment, finde ich, überhaupt nicht gebrauchen. Wir sind wirklich in der Kritik und zurecht haben Sie vorhin auch gesagt, natürlich gab es gedopte Athleten, es gab viele Dinge. Aber das Gros der Sportler ist doch nicht so und die möchten doch so dargestellt werden, wie sie sind: echte kleine Helden, so Alltagshelden, die ihren Sport betreiben mit Spitzenleistungen. Und letztendlich: Wem kommt es zugute? Wenn ich das wüsste.

"Der Sport besteht nicht nur aus Fußball"

Kaess: Sagen Sie uns zum Schluss noch, Frau Engelmeier. Sie selbst kommen ja aus dem Judo, auch einer sogenannten Randsportart. Aus Ihrer Verbandserfahrung, wie macht sich das bemerkbar, wenn man medial wenig wahrgenommen wird?

Engelmeier: Ja das ist natürlich wirklich tragisch. Da kämpfen wir übrigens auch schon viele, viele Jahre mit anderen sogenannten Randsportarten drum, dass wir ein bisschen mehr Präsenz auch im öffentlich-rechtlichen Fernsehen bekommen. Ich kann jetzt nur von Judo sprechen, aber das gilt genauso für was weiß ich, für Ringen oder andere Sportarten. Ist alles eine tolle Sportart. Das sind Athletinnen und Athleten, die wirklich reine Amateure sind, außer dass sie vielleicht Sporthilfe beziehen, die ihr Leben danach ausrichten, dass sie wirklich Spitzenleistungen bringen. Und wir kommen ja auch immer nur am Rande vor, auch in den Öffentlich-Rechtlichen, und das ist immer unsere Kritik, die wir auch an das öffentlich-rechtliche Fernsehen wenden. Der Sport ist so vielfältig in Deutschland. Der besteht nicht nur aus Fußball.

Kaess: ... sagt Michaela Engelmeier, selbst lange Jahre aktive Leistungssportlerin in der Judo-Bundesliga, und sie ist sportpolitische Sprecherin der SPD-Fraktion im Bundestag. Danke für Ihre Zeit heute Morgen.

Engelmeier: Bitte.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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