Kommentare und Themen der Woche 24.03.2020

Olympia-VerlegungDas IOC ist nicht mehr von dieser WeltVon Marina Schweizer

Beitrag hören IOC-Präsident Thomas Bach bei einer Presseveranstaltung in Lausanne. (picture alliance / Anton Denisov / Sputnik / dpa)Das IOC um Präsident Thomas Bach sei inzwischen von der Realität entwurzelt, kommentiert Marina Schweizer (picture alliance / Anton Denisov / Sputnik / dpa)

Die Olympischen und Paralympischen Spiele in Tokio werden verschoben. Darauf haben sich das Internationale Olympische Komitee und das Ausrichterland Japan geeinigt. Diese Entscheidung war längst überfällig, kommentiert Marina Schweizer. Das IOC gab dabei aber ein jämmerliches Bild ab.

Die Entscheidung der Olympiamacher war überfällig und hätte angesichts der Coronakrise viel früher kommen müssen. Aus Verantwortung und Solidarität.

Solidarität. Ein Wert, den das Internationale Olympische Komitee allzu gern für sich und seine Olympische Bewegung beansprucht. Doch von dieser Basis haben sich die Funktionäre immer mehr entfernt. So, als seien sie und ihr Weltverband über die Coronakrise erhaben. Wenn es um das eigene milliardenschwere Großevent geht, dann werden die Olympischen Sportaufseher schwerfällig.

Coronavirus (imago / Science Photo Library)Coronavirus (imago / Science Photo Library)

Realitätsferner Ringekonzern

Keine Frage: Es hängt viel dran für das IOC und für Olympiaausrichter Japan: Diese Verschiebung wird viel Geld kosten und ist eine große Kraftanstrengung. Aber das ist die Coronakrise für alle Menschen, persönlich und wirtschaftlich – für große Konzerne und kleine Selbständige.

Wochenlang leierten IOC-Chef Thomas Bach und das Tokioter Organisationskomitee das gleiche Lied herunter: Wir bleiben dabei, die Spiele sollen wie geplant stattfinden. Eine Respektlosigkeit gegenüber denen, die eins und eins längst zusammenzählen konnten. Noch vor zwei Tagen hatte das IOC die Chuzpe, eine Entscheidung "in den kommenden vier Wochen" anzukündigen. Nur ein Beleg dafür, wie entwurzelt dieser Ringekonzern inzwischen von der Realität ist.

Dass die Spiele jetzt auf "spätestens Sommer 2021" verschoben wurden, ist das Verdienst einer inneren Protestbewegung. Athletinnen und Athleten haben das IOC vor sich hergetrieben, zur Entscheidung gedrängt. Sie haben die Führungsschwäche von Thomas Bach ausgenutzt und das Zepter selbst in die Hand genommen.

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Die Athleten spielten das Spiel nicht mit

Prominente Athletinnen und Athleten forderten laut eine Verschiebung, manche sagten gleich ihre Teilnahme für diesen Sommer ab. Vielen ging es dabei um die Hängepartie bei der Olympiavorbereitung. Nicht wenige erinnerten das IOC aber auch an Werte, an die sie selbst noch glauben wollen. Daran, dass momentan nichts wichtiger ist als die Gesundheit.

Sie wollten es nicht mittragen, dass sie als Staffage für eine moralisch unvertretbare Show herhalten müssen. Und das, obwohl sie als kleinstes Rädchen im Getriebe schwer von einer Verschiebung und den finanziellen Auswirkungen getroffen werden: Auch für sie ändert sich die Lebensplanung, auch ihnen werden dadurch Verdienstmöglichkeiten wegbrechen.

Sie wollen nicht mehr als Geiseln genommen werden für eine Inszenierung für den Weltfrieden. Einem emotionalen Produkt, das die Fernsehmilliarden hereinspült.

Und selbst heute, am Tag der Verschiebung, ventiliert das IOC die Marketingsprache der letzten Tage. Das Olympische Feuer könne das Licht am Ende des Tunnels sein, in dem sich die Welt momentan befinde.

Die Selbstüberhöhung geht einfach weiter. Dabei hat sich in den vergangenen Wochen gezeigt: Das IOC ist nicht mehr von dieser Welt.

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