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StartseiteSport am WochenendeVon Einheit und Vielfalt keine Spur25.07.2020

Olympiagastgeber Japan und die PandemieVon Einheit und Vielfalt keine Spur

Schwimmen, Rudern, Hockey - derzeit würde die Welt auf Tokio 2020 blicken. Doch wegen Corona wurden die Olympischen Spiele verschoben - und damit auch das Projekt, Japan als weltgewandtes Land zu präsentieren. Vor allem Ausländer im Land werden immer wieder diskriminiert.

Von Felix Lill

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Junge Japaner posieren mit dem Victory-Zeichen vor der Olympischen Flamme im Nordosten des Landes. (imago / Kyodo News)
"Das Motto 'Einheit in Vielfalt' hatte hier nie eine Bedeutung. Man wollte die Diversität in der Gesellschaft nie wirklich erhöhen", sagt der Soziologie-Professor Daisuke Tano (imago / Kyodo News)
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"Unity in diversity" – "Einheit in Vielfalt". Dieses Motto hat die Menschen in Japan immer wieder daran erinnert, wofür die Olympischen Spiele von Tokio stehen sollen: Der Gastgeber ist ein weltoffenes Land, in dem alle Farben zuhause sind, wo sich jeder wohlfühlen kann. Für Japan ist das eine Ansage: Während zwar viele der Spitzensportler einen Migrationshintergrund haben, besitzen kaum zwei Prozent der Bevölkerung einen ausländischen Pass. Die Regeln zur Immigration sind besonders streng, und ein Antidiskriminierungsgesetz gibt es nicht.

Die Grenzen sind dicht - keine Einreise nach Japan möglich

Tokio 2020 sollte dabei helfen, ganz Japan einen Internationalisierungsschub zu verschaffen – auch durch die vielfältigen Herkünfte der besten Sportler im Land. Aber daraus wird erst mal nichts. Denn einerseits gibt es nun erst mal kein Olympia. Und andererseits ist das Land seit dem Ausbruch der Pandemie ohnehin wieder in alte Muster verfallen. Die Grenzen sind dicht, aus den meisten Ländern der Welt kann man derzeit nicht nach Japan reisen.

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Extreme Frustration bei den in Japan lebenden Ausländern

Nichts zu machen, die Pandemie erfordert diese Maßnahmen, findet die Regierung. Doch das Krisenmanagement erntet harsche Kritik. Denn bei den Sicherheitsmaßnahmen sind Ausländer nicht berücksichtigt worden. Während zum Beispiel japanische Staatsbürger auch in der Pandemie ein- und ausreisen dürfen, gilt das Gleiche bis jetzt nicht für in Japan lebende Ausländer – auch dann nicht, wenn sie ein japanisches Arbeitsvisum haben. Außerdem erhalten japanische Studenten, deren Nebenjobs ausgefallen sind, jetzt Finanzhilfen. Austauschstudenten aus dem Ausland kommen hierfür nur infrage, wenn sie besonders gute Noten haben. "Einheit in Vielfalt?"

"Also das ist ja genau dieser unglaubliche Widerspruch, und der führt zu extremen Frustrationen in der ausländischen Community hier in Japan. Und das lässt einen auch die ganze Sache mal infrage stellen: Wie gewünscht ist man eigentlich?"

Barbara Holthus fühlt sich wie eine Bürgerin zweiter Klasse

Beschwert sich Barbara Holthus, stellvertretende Direktorin am Deutschen Institut für Japanstudien in Tokio. Mit der Ungleichbehandlung von in Japan lebenden Ausländern muss die Soziologin selbst gerade Erfahrungen machen. Um ihren kranken Vater zu besuchen, ist sie vor Kurzem von Japan nach Deutschland gereist. Ob sie danach aber wieder nach Japan einreisen darf, weiß sie noch nicht sicher. Es gibt zwar mittlerweile die Möglichkeit, unter "humanitären Bedingungen" doch aus- und einreisen zu dürfen. Ob das auf sie zutrifft, scheint aber unklar. Holthus, die sich für die Olympischen Spiele als freiwillige Helferin angemeldet hat, fühle sich wie eine Bürgerin zweiter Klasse.

"Gerade auch die Olympischen Spiele, dieses Motto 'unity in diversity'… Man hat die Ausländer natürlich am liebsten als Touristen, auch als Arbeitskräfte. Aber in diese ganzen Regelungen während der Pandemie werden die Ausländer völlig vergessen."

Ausländer werden in Japan immer wieder diskriminiert

Vergessen hat man in Japan auch dieses einst so feierlich propagierte Motto. Das beobachtet jedenfalls Daisuke Tano. Der Soziologieprofessor der Konan-Universität in Kobe ist einer der profiliertesten Forscher in Japan zum Thema Faschismus. Tano beobachtet, dass Ausländer im Land immer wieder diskriminiert werden.

"Japan ist ein tolles Land, wenn es um Gastfreundlichkeit geht, solange die Gäste zahlen. Aber das ist ein oberflächliches Verhältnis zur Welt. Da geht es um ein Kundenverhältnis. Die fremden Leute als Menschen akzeptieren, als Menschen, die auch im selben Land leben, das ist eine andere Frage. Mich überrascht nicht, dass Ausländer jetzt besonders diskriminiert werden. Japans Immigrationsregeln haben sich ja nie wirklich geändert. Das Motto 'Einheit in Vielfalt' hatte hier nie eine Bedeutung. Man wollte die Diversität in der Gesellschaft nie wirklich erhöhen."

Diskriminierung steht im Widerspruch zum Motto von Tokio 2020

Die Veranstalter würden widersprechen. Vor einem guten Jahr sagte Masa Takaya, Sprecher des Organisationskomitees, in einem Interview: "Tokio 2020 hat immer gesagt, dass dies Spiele für alle sein werden. Wir wollen alle miteinbeziehen, auf vielen verschiedenen Wegen, so sehr es nur geht."

In dieser Woche, unmittelbar vor dem ursprünglich geplanten Olympiastart, war von den Organisatoren niemand für ein Gespräch verfügbar. Man schlägt sich mit den durch die Verschiebung steigenden Kosten rum. Und mit dem Problem, dass auch deshalb nur noch kaum ein Viertel der japanischen Bevölkerung dafür ist, dass nächstes Jahr Olympia in Tokio steigt.

Ein Man mit Gesichtsmaske geht an einem Logo für die Olympischen Spiele in Tokio 2020 vorbei. (imago / ZUMA  Wire / Rodrigo Reyes Marin)Olympia 2020 wurde wegen Corona um ein Jahr verlegt (imago / ZUMA Wire / Rodrigo Reyes Marin)

Auf die Frage aber, ob die scharfe Diskriminierung von Ausländern nicht auch im Widerspruch zum Motto von Tokio 2020 steht, würde man wohl antworten: Das ist Sache der Politik. Sinngemäß sagte dies jedenfalls Toshiro Muto, CEO des Organisationskomitees, auf einer Pressekonferenz vor gut einer Woche:

"Im Moment haben die Krisenbekämpfungsmaßnahmen gegen die Pandemie oberste Priorität. Was all diese Maßnahmen angeht, werden wir ab Herbst dieses Jahres besprechen, wie wir da vorgehen können. Die Diskussionen werden von der japanischen Regierung angeführt werden. Dabei wird es auch um die Einreiseregelungen gehen."

Lockerungen der Einreisebestimmungen im Gespräch

Unterdessen wird vor allem für Athleten über Lockerungen der Einreisebestimmungen laut nachgedacht – ohne die gäbe es ja keine Wettkämpfe. Und falls die Pandemie in den nächsten Monaten halbwegs unter Kontrolle sein wird, sollen die zuletzt verschärften Bedingungen auch wieder rückgängig gemacht werden. Aber auch dann wird sich Japan wohl kaum auf die Weise öffnen, wie es das Motto "Einheit in Vielfalt" vermuten ließe. Auch in Zukunft würden Ausländer ausgegrenzt werden, und Olympia hätte daran auch ohne die Coronakrise nur wenig geändert – glaubt Daisuke Tano:

"Für den Sport werden zwar immer mehr Menschen mit diversen Hintergründen im Land sichtbar. Und da stimmt es dann auch: insofern wird das Land vielfältiger. Aber für die gesamte Gesellschaft stimmt das eben überhaupt nicht. Der Slogan 'Einheit in Vielfalt'… der Spruch ist schön, die Vorstellung. Aber mehr als das ist es leider nicht."

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