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StartseiteSport am WochenendeAmerikanische Skispringerinnen und ihr steiniger Weg nach Sotschi01.01.2014

OlympiaqualifikationAmerikanische Skispringerinnen und ihr steiniger Weg nach Sotschi

Lindsey Van ist eine ungewöhnliche Sportlerin: Sie war die treibende Kraft hinter der Aufnahme der Skispringerinnen ins olympische Programm. Nun hat die ehemalige Weltmeisterin die Chance, in Sotschi endlich bei Spielen dabei zu sein.

Von Jürgen Kalwa

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Weiterführende Information

Sport | Skispringen der Damen (DRadio Wissen, Spielraum, 24.02.2011)

Frauen-Skispringen, Ski-Halfpipe oder Snowboard-Slopestyle müssen warten (Deutschlandfunk, Sportsendungen, 25.10.2010)

Sie ist in diese Rolle wohl mehr hineingeraten. Es war eine Verkettung von Umständen. "Wenn du etwas liebst", hat sie mal gesagt, "dann gibst du das niemals, niemals auf."

"If you love something, you don’t ever, ever give up on it. Because, if you love it, that’s what you there for, to do it."

Liebe tut manchmal weh. Weshalb Lindsay Van vor vier Jahren auf den Stufen eines Gerichts in Vancouver Tränen vergoss. Die Gemeinschaftsklage gegen das Organisationskomitee der Spiele war gescheitert: Kanadas Justiz war vor dem IOC eingeknickt.

"I’ve kind of become the spokesperson for women’s ski jumping. I filed a court case. A world champion. It is not a role that I wanted to have."

Aufgegeben hat sie nicht. Selbst, als sie zwischendurch den Spaß an ihrem Sport verlor, kehrte sie zurück auf die Schanzen. Und so wird sie nun bis zu den Spielen in Sotschi in ein paar Wochen den vielen neugierigen Fragen nicht mehr entkommen. Die Skispringerinnen werden das große Thema sein. Und sie ist das Aushängeschild: die Wortführerin, ein Vorbild. Eine Frau, deren Geschichte Material für einen ganzen Dokumentarfilm lieferte. "Ready to Fly" - "Bereit zu fliegen", heißt er.

Der Film zeigt: Es war ein herber Kampf um eine gesellschaftliche Position, die doch eigentlich schon längst unbestritten schien. Und im Wintersport zumindest, nachdem 2002 die Bobfahrerinnen vollends akzeptiert wurden. Ein Trugschluss. Die Gegner der Skispringerinnen waren mächtig und fanden nichts dabei, Sexismus und Bevormundung in ein pseudo-wissenschaftliches Gewand zu kleiden. Am deutlichsten tat das Gian Franco Kasper, der Präsident der FIS, im November 2005:

"It's like jumping down from, let's say, about two meters on the ground about a thousand times a year, which seems not to be appropriate for ladies from a medical point of view."

"Kasper warnte vor den körperlichen Belastungen. "Das scheint aus medizinischer Sicht für Frauen nicht angebracht."

IOC-Mitglied Dick Pound klang kurz vor den Spielen von Vancouver in einem Interview mit der amerikanischen Internetplattform MSNBC nicht weniger befremdlich:

"Diese Anschuldigungen, wonach das IOC Frauen diskriminiert, könnten zu einer Reaktion führen. Das IOC könnte sagen: Das sind die, die uns in Vancouver in Verlegenheit gebracht haben. Vielleicht sollten sie nicht nur vier Jahre länger warten, sondern acht oder noch mehr." 

Und das alles nur, weil Van einen wunden Punkt traf, als sie das IOC "die Taliban der Olympischen Spiele" bezeichnete?

Kasper rudert schon eine Weile lang zurück. Der Verband gab 2011 endlich seine anachronistische Haltung auf. Letzten Sommer gab der Schweizer seiner Verbandswebseite ein Interview und lobte, das Leistungsniveau der besten Skispringerinnen der Welt sei in den letzten Jahren gestiegen. Das waren "old news" wie man in Amerika sagen würde. Hier weiß man, dass wer bis kurz vor den Olympischen Spielen 2010 den Weitenrekord auf der Normalschanze von Whistler hielt: Lindsey Van. Und man weiß auch, dass der Schweizer Simon Ammann bei seinem Olympiasieg die neue Marke um bescheidene zweieinhalb Meter verbesserte. Von 105,5 auf 108 Meter.

Es braucht also nicht viel Fantasie, um sich auszumalen, dass an einem guten Tag die besten Frauen die Männer brüskieren könnten.

Lindsey Van:

"You put women into a very extreme sport that had only been male, what does that do to the sport?"

Sie verzichtete darauf, die in den Raum geworfene Frage zu beantworten, als sie vor ein paar Monaten im amerikanischen Fernsehsender NBC zu dem Thema vor die Kamera gebeten wurde. Die Antwort konnte sich die Reporterin und die Zuschauer auch so zusammenreimen: Wenn man Frauen zulässt und und in einen so populären, so riskanten und finanziell so gut ausgestatteten Betrieb aufnimmt, gefährdet das den Status quo.

Lindsey Van ist mittlerweile 28 und nicht mehr ganz so gut, wie sie mal war. Umso bemerkenswerter: Am Sonntag in Park City bei der Olympiaqualifikation der USA belegte sie den zweiten Platz. Knapp hinter Jessica Jerome, die nach den Regeln des amerikanischen Verbands bis jetzt als Einzige ein Flugticket nach Russland sicher hat. Von der US-Elite fehlte eigentlich nur eine: die amtierende Weltmeisterin Sarah Hendrickson. Die 19-jährige erholt sich von einer Knieverletzung wird und erst ab Mitte Januar wieder auf Schnee trainieren können.

Jerome gehörte übrigens vor zwölf Jahren, mit damals gerade 15, zusammen mit Van zu einer ganz besonderen Gruppe. Die beiden hatten sich im Rahmen des inneramerikanischen Rankings als Vorspringer für die Olympischen Spielen qualifiziert.

Das war nicht ganz das, was sich als kleines Mädchen in einem Privatvideo erträumt hatte.

"My goal is to make the Olympic team for girls in 2002."

Ihr Schicksal lag lange in den Händen "von einem Haufen alter Männer", wie Lindsey mal gesagt hat. Aber diese Phase ist vorbei. Sie und die anderen Frauen werden in Sotschi endlich abheben. Auf einem Extrakissen Selbstbewusstsein.

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