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StartseiteSport am WochenendeWackelt die Autonomie?11.08.2019

Olympische BewegungWackelt die Autonomie?

Italiens Gesetzgeber wollen die Autorität des Nationalen Olympischen Komitees CONI untergraben. Das IOC fürchtet um die Autonomie des Sports und verlangt eine Änderung des Gesetzentwurfs. In letzter Konsequenz droht das IOC die Suspendierung des CONI an. Es geht auch um das Selbstverständnis des Sports.

Von Heinz Peter Kreuzer

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Der Hauptsitz des Internationalen Olympischen Komitees in Pully bei Lausanne (AFP / Fabrice COFFRINI)
Das Beispiel Italien zeigt: Regierungen wollen Einfluss nehmen auf die Nationalen Olympischen Komitees (AFP / Fabrice COFFRINI)
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Der Sport muss um seine Autonomie fürchten. Regierungen wollen Einfluss nehmen auf die Nationalen Olympischen Komitees. Für Jules Boykoff, der an der Uni Portland im Bereich Olympia und Politik forscht und publiziert, ist dieses Handeln legitim:

"Die Regierungen weisen dem Sport viel Geld zu. Sie finanzieren Nationale Olympische Komitees, unterstützen die Sportler, oder sie richten Olympische Spiele aus. Bei diesen Investments ist es nicht unlogisch, dass gewählte Abgeordnete denken, sie müssten über die Art und Weise, wie die Regierungsgelder verwendet werden, mitbestimmen."

IOC verlangt Änderung des Gesetzentwurfs

Auf den ersten Blick passt das auch zur derzeitigen Situation in Italien. Ein Gesetzentwurf würde der Regierung die Macht geben, das Nationale Olympische Komitee Italiens CONI und Sportverbände aufzulösen. Die Politik könnte damit auch in die Finanz- und Verwaltungshoheit des Verbandes eingreifen. Das Internationale Olympische Komitee hat nun Änderungen des Gesetzentwurfes verlangt. Der Brief an das CONI liegt auch Ed Hula vor, er ist Gründer und Chefredakteur des Olympia-Branchendienstes Around The Rings:

"Es hängt vom Grad der Einmischung ab. Wenn die Führung eines Nationalen Olympischen Komitees abgelöst wird und vorgeschrieben wird, wer Präsident und wer Vize-Präsident wird und wer einen Verband führen soll – dann macht diese Art der Einmischung dem IOC Sorgen."

Zur Autonomie des Sports - Interview mit Lutz Thieme, Sportwissenschaftler an der Hochschule Koblenz (05:29)

Schwer verständliche Entwicklung

Die Entwicklung in Italien ist für Hula so kurz nach der Vergabe der Winterspiele 2026 nach Mailand und Cortina D’Ampezzo jedoch schwer verständlich.

"Es ist schwierig, die Motivation der Politiker in Italien zu erklären. Als Mit-Gastgeber der Olympischen Winterspiele 2026 müssen sie realisieren, dass sie partnerschaftlich mit dem IOC zusammenarbeiten müssen."

Jetzt erwartet Hula langwierige Verhandlungen zwischen IOC, CONI und italienischer Regierung. Aber auch Neuwahlen könnten die Situation ändern.

IOC-Präsident Thomas Bach und CONI-Präsident Giovanni Malagò (imago sportfotodienst / Photo Vincenzo Livieri LaPresse) (imago sportfotodienst / Photo Vincenzo Livieri LaPresse)Italienisches NOK - Unabhängigkeit bedroht
Der Status des Nationalen Olympischen Komitees Italiens ist gefährdet. Der italienische Senat stimmte für einen Gesetzentwurf, der der Regierung die Befugnis für Eingriffe im NOK geben würde. Ein echtes Problem für das IOC, besonders da in Italien 2026 Winterspiele stattfinden sollen.

Auch die USA ist betroffen

Eine ähnliche Intervention, wie in Italien, bahnt sich in den USA an. Die Situation ist dem Missbrauchsskandal geschuldet, in den der US-Turnverband und das Nationale Olympische und Paralympische Komitee verwickelt waren. Ed Hula:

"Die Politiker verlangten nach Gesetzesänderungen, damit sich solche Skandale nicht wiederholen. Um das zu ändern, glauben einige Kongressabgeordnete, die Regierung müsse das Recht haben, den olympischen Dachverband oder Sportverbände aufzulösen, wenn sich solche Skandale wiederholen."

Lage in den USA ist kompliziert

Trotz der guten Absicht, sexuellen Missbrauch zu verhindern, ist dies für Hula ein Eingriff in die Autonomie des Sports. Für Sportwissenschaftler Jules Boykoff ist das Eingreifen der Politik notwendig – aus seiner Sicht hat der Sport versagt:

"Zu sagen, der US-Turnverband habe bewiesen, er sei ineffektiv gewesen, ist eine riesige Untertreibung. Wie wir in den letzten Monaten gesehen haben, ist der Verband in einer unglaublichen Weise gescheitert. So sah sich der Kongress veranlasst, einzugreifen, weil der US-Turnverband seinen Job nicht gemacht hat."

Der ehemalige Arzt der US-Turnerinnen, Larry Nassar, steht wegen sexuellem Missbrauch und anderen Delikten vor Gericht. (AFP/Geoff Robins) (AFP/Geoff Robins)Missbrauchsskandal US-Turnverband - USOC unter Druck
Das Nationale Olympische Komitee der Vereinigten Staaten (USOC) gerät weiter in die Kritik. Die Rolle des US-NOK bei der Aufklärung im Missbrauchsskandal beim US-Turnverband ist nach Meinung der Politik nicht ausreichend aufgearbeitet worden. Jetzt macht der Kongress Druck.

Bisher wartet das IOC die Entwicklung in den USA noch ab. Aber wenn die Anhörungen zu dem Gesetz beginnen, werde das IOC reagieren, glaubt Brancheninsider Hula. Kompliziert wird die Lage in den USA durch die Geschäftsbeziehungen zwischen dem IOC und US-Unternehmen. So ist der Sender NBC der größte Zahlmeister des IOC. Der TV-Gigant zahlt für zwölf Jahre bis 2032 die Rekordsumme von fast sieben Milliarden Euro. Olympiaexperte Hula:

"Dazu kommen wichtige Sponsoren wie Visa und Coca Cola. Und deren Geschäftsbeziehungen zum IOC sind auch eng mit dem NOK der USA verbunden. Und das wird in letzter Konsequenz bei der Gesetzgebung erwogen werden."

Closing Ceremony,Schlussfeier. Einmarsch der Sportler aus Nodkorea und Suedkorea. PyeongChang Olympic Stadium. am 25.02.2018. Olympische Winterspiele 2018, vom 09.02. - 25.02.2018 in PyeongChang/ Suedkorea. *** Closing Ceremony Closing Ceremony Nodkorea and South Korea Athletes Entering PyeongChang Olympic Stadium on 25 02 2018 2018 Winter Olympics from 09 02 25 02 2018 in PyeongChang South Korea (Imago)Die Olympschen Athleten aus Nord- und Südkorea laufen gemeinsam zur Abschlussfeier ein. (Imago)

Aber nicht alle politischen Einmischungen bereiten den IOC Kopfschmerzen. Gerne gesehen ist die Würdigung seitens der Politik. So wurde das IOC nach den Winterspielen 2018 in Pyeongchang  für ihre Bemühungen um die Beziehungen von Nord- und Südkorea ausgezeichnet. Jules Boycoff:

"Vor wenigen Monaten hat Präsident Thomas Bach dafür in Athen den Papandreou Friedenspreis erhalten. Bach ließ sich und das IOC loben und auszeichnen. Aber er lehnte den Preis nicht ab, weil Sport und Politik nicht vermischt werden sollen."

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