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Olympische Spiele in JapanSeuchenexperte kritisiert Regierung scharf

Ein japanischer Seuchenexperte hat den Umgang seines Landes mit dem Coronavirus harsch kritisiert. Die Regierung habe auf ganzer Linie versagt und die Bekämpfung verschlafen. Die Infektionsgefahr sei jetzt sogar höher als im vergangenen Jahr, als die Olympischen Spiele verschoben wurden.

Von Kathrin Erdmann

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Ein Mann mit Maske läuft an einer Installation Olympischer Ringe vorbei, die in Tokio an die wegen Corona verschobene Sportveranstaltung erinnert.   (picture-alliance/Jiji Press/Mariko Ishizuka)
Ein Mann mit Maske läuft an einer Installation Olympischer Ringe vorbei, die in Tokio an die wegen Corona verschobene Sportveranstaltung erinnert. (picture-alliance/Jiji Press/Mariko Ishizuka)
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Wenn man Kentaro Iwata zuhört, denkt man, er hat seit Auftauchen der Pandemie in Japan nicht aufgehört, den Kopf vor Unverständnis zu schütteln – schon vergangenen Winter hatte der Seuchenspezialist von der Kobe Universität der Regierung bescheinigt: Es reden zu viele Bürokraten, Experten werden zu wenig gehört. Daran hat sich aus Sicht von Iwata offenbar wenig geändert, wie er in einem Interview mit der Agentur Reuters sagt:

"Ich muss leider sagen, Japans Antwort auf das Virus in den vergangenen Monaten ist total missglückt. Denn es gab letztes Jahr genügend Chancen, die Ausbreitung des Virus zu verhindern, als es die so genannte zweite Welle im Juli gab. Im August und September gab es den Trend, das Virus komplett einzudämmen, so wie es Taiwan und Südkorea oder China gemacht haben. Dann hätten wir jetzt möglicherweise ein Corona-freies Land."

Krankenhäuser völlig überlastet

In Japan waren die Zahlen bis November rückläufig, sind aber seitdem sehr schnell angestiegen. Derzeit kommen täglich rund 5000- 6000 Neuinfektionen, viele davon in der Hauptstadt Tokio hinzu. Die Krankenhäuser sind trotz der im Verhältnis zu vielen anderen Ländern dennoch niedrigen Zahlen völlig überlastet. Viele Kliniken wollen oder können keine neuen Patienten aufnehmen. Die Regierung will sie jetzt mit finanzieller Unterstützung dazu motivieren. Mehr als 100 Menschen sollen nach Medienberichten bereits allein zu Hause gestorben sein, weil Ärzte sie wieder nach Hause geschickt haben. Und das, obwohl Japan ein hochentwickeltes Land mit einem guten Gesundheitssystem ist.

Der Skytree in Tokio leuchtet in bunten Farben (picture alliance/AP Photo/Jae C. Hong) (picture alliance/AP Photo/Jae C. Hong)Ausnahmezustand befeuert Olympia-Debatte
Aufgrund steigender Corona-Zahlen hat die Nationalregierung in Tokio den Ausnahmezustand erklärt. Die Diskussion um die Austragung der Spiele werde so befeuert, sagte Journalist Felix Lill im Dlf.

Für den Seuchenexperten Iwata ein Unding: "Japans Regierung hat die Gefahr von Covid-19 wirklich unterschätzt. Aus unerklärlichen Gründen dachte die Regierung an ein Wunder nach dem Motto: Wir können kein Covid bekommen, wir sterben daran nicht. Und dieser Irrglaube hat dazu geführt, dass sie ganz vergessen haben, mehr zu testen, mehr Krankenhausbetten bereit zu stellen, und viele andere Dinge."

Zweifel an Olympia-Austragung

Und unter diesen Umständen wolle man jetzt um jeden Preis die Olympischen Spiele ausrichten. Könne und sollte man das wirklich riskieren? Kentaro Iwata von der Kobe Universität hat seine Zweifel: "Gegenwärtig ist die Gefahr größer als vor einem Jahr. Also warum müssen dann Olympische Spiele stattfinden, die letztes Jahr wegen der Infektionsgefahr abgesagt wurden? Jetzt, wo das Infektionsrisiko dieses Jahr viel höher ist?"

Doch Japans Premierminister Suga hat im Parlament gerade noch einmal bekräftigt: Die Spiele sollen stattfinden. Die Regierung setzt dabei auch auf den Impfstoff. Der ist zwar noch gar nicht in Japan angekommen, aber Ende Februar soll es losgehen. Bis Ende Mai/ Anfang Juni sollen alle geimpft sein. Japan hat rund 125 Millionen Einwohner.

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