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StartseiteInterview"Wollen nicht das gleiche Phänomen haben wie im Radsport"05.08.2016

Olympische Spiele in Rio"Wollen nicht das gleiche Phänomen haben wie im Radsport"

Die Hammerwerferin Kathrin Klaas schwärmte im DLF von den Olympischen Spielen als "das Größte überhaupt". Sie wünsche sich, dass der Sport im Mittelpunkt stehe - und nicht nur Skandale. Durch die Doping-Fälle bestehe wie im Radsport die Gefahr, dass jede gute Leistung hinterfragt werde.

Kathrin Klaas im Gespräch mit Jasper Barenberg

Die Hammerwerferin Kathrin Klaas während des WM-Finales in Peking 2015. (picture alliance / dpa/ Christian Charisius)
Die Hammerwerferin Kathrin Klaas (picture alliance / dpa/ Christian Charisius)
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Olympische Spiele seien immer etwas Besonderes,  weil sie nur alle vier Jahre stattfinden, aber auch wegen der Vielfalt der Sportarten und der Lebensart im Olympischen Dorf, sagte die Hammerwerferin Kathrin Klaas im DLF.

Zu der Aufgrund von Dopingsperren dezimierten russischen Mannschaft sagte sie, dass diese Sportler mit gewissem Trotz auftreten würden. Sie würden von ihren Konkurrenten beäugt und eventuell gemieden.

Missstände im Vordergrund der Berichterstattung

Klaas bezeichnete es als schade, dass Skandale im Vordergrund stünden: Es sei immer nur von Doping die Rede, dass das Olympische Dorf nicht fertig sei und dass andere Missstände rund um die Stätten bestünden.

All das sei zwar Teil der Spiele, "aber im Mittelpunkt soll der Sport stehen". Dahin, dass alle guten Leistungen wegen Dopings hinterfragt werden, wolle man nicht kommen. "Wir wollen nicht das gleiche Phänomen haben wie im Radsport, dass die Leute kein Interesse mehr haben."

Der "Gedanke Doping" begleite auch sie. Klaas erklärte, sie sei bei den Olympischen Spielen in London eigentlich als Fünftplatzierte aus dem Stadion heraus gegangen. Vermutlich würde sie aber bald offiziell auf Platz vier vorrücken, weil die vor ihr platzierte Russin positiv auf Doping getestet wurde.


Das Interview in voller Länge:

Jasper Barenberg: 76,05 Meter, weiter hat die Hammerwerferin Kathrin Klaas ihr unhandliches Sportgerät nie geworfen als bei den Olympischen Spielen in London. Das reichte in einem hochklassigen Wettbewerb vor vier Jahren immerhin für Platz fünf. Jetzt nimmt die 32-Jährige aus Hessen noch mal Anlauf in Rio, gestern ist sie dort im Olympischen Dorf angekommen. Und ich habe sie in ihrem Zimmer im 15. Stock ans Telefon bekommen.

Kathrin Klaas: Das ist das Größte überhaupt. Es gibt nichts Größeres im Sportlerleben, das ist verbunden mit Herzrasen, Kribbeln auf der Haut, das ist so ein freudiges Gefühl im Innern, das ist Wahnsinn. Also, ich erinnere mich immer wieder gerne auch an das London-Finale 2012, das ist bisher der schönste Moment gewesen in meinem Sportlerleben, und da kann halt einfach eine Weltmeisterschaft, eine Europameisterschaft – sind auch tolle Ereignisse und große Ereignisse – aber die Olympischen Spiele sind immer was Besonderes. Einfach aufgrund der Tatsache, dass sie halt nur alle vier Jahre stattfinden, aber eben auch aufgrund der Vielfalt der Athleten, der Sportler, der Nationen und der Art und Weise, wie das abgehalten wird mit dem Olympischen Dorf. Und ja, das ist was ganz Besonderes.

Barenberg: Wenn ich das richtig recherchiert habe, dann haben Sie ja in London vor vier Jahren mit über 76 Metern Ihre persönliche Bestleistung geworden und dafür den fünften Platz bekommen. Was muss zusammenkommen, damit Sie so etwas wieder in Rio schaffen können?

Klaas: Ja, also, ich habe dieses Jahr wirklich eine sehr gute Vorbereitung gehabt. So bis Mai geht das ja meist, wo wir wirklich nur an den Grundlagen arbeiten und die Form aufbauen. Habe danach so ein bisschen Probleme bekommen mit dem rechten Adduktor und der Leiste auf der rechten Seite. Und das ist so ein bisschen mein Problem jetzt gerade auch noch, weil da halt eben der Antrieb liegt. Also, im Prinzip, mein Motor, der mich auf Geschwindigkeit bringt. Und der ist momentan noch nicht ganz da. Also, wenn ich eben nicht die ganze Geschwindigkeit ausschöpfen kann, die ich in der Lage bin zu produzieren, dann fehlen am Ende eben auch Meter und damit halt Weite. Von den Vorleistungen her ist auf jeden Fall Bestleistung drin und das ist auch ganz klar das Ziel, auch wenn ich weiß, dass es momentan unter so einem schwierigen Stern steht. Aber ich werde trotzdem weiter daran arbeiten und kämpfen, dass ich das wieder hinbekomme. Und am Ende … Ja, es ist noch nicht vorbei, bevor es vorbei ist.

"Russische Sportler werden mit einem gewissen Trotz hier auftreten"

Barenberg: Und wenn Sie jetzt noch ein bisschen Zeit haben, bevor es richtig losgeht, wie gestalten Sie Ihre Vorbereitung, dass Ihnen das möglichst gelingt, dass dann am Ende alles stimmt, wenn Sie in den Wettkampf gehen? Wie planen Sie das jetzt, was nehmen Sie sich vor?

Klaas: Man kann jetzt natürlich keine großen Sprünge oder großen Veränderungen mehr machen. Wir haben eine gute Grundlage gelegt und müssen jetzt sehen, dass das technisch wieder dahinkommt, wo es vorher schon war, also ein bisschen die verschütteten technischen Grundlagen wieder rausholen. Dann natürlich körperlich und gesundheitlich auf den Damm kommen, dass diese muskulären Verspannungen und Verhärtungen dort sich auflösen, dass da wieder Normalzustand einkehrt. Und dann, wenn ich den einen treffe – und ich muss ja nur einen treffen –, dann reicht das auch. Ich muss halt eben nur den einen treffen. Die Schwierigkeit ist momentan, dass in diesen drei Versuchen … erst mal eine Quali hinzubekommen und dann natürlich hoffentlich auch noch mal im Finale.

Barenberg: Die russische Mannschaft hat ja im Olympischen Dorf – das hören wir jedenfalls und sehen Bilder davon – eine riesige Russlandflagge an ihr Gebäude gehängt. Was denken Sie sich, wenn Sie da vielleicht vorbeigehen, wenn Sie das sehen von außen?

Klaas: Ja, die müssen natürlich jetzt im wahrsten Sinne des Wortes Flagge bekennen. Die müssen da sich präsentieren. Ich meine, alle haben hier Flaggen an die Gebäude gehängt und haben die Balkone geschmückt, das ist schon normal und das ist eigentlich immer der Fall. Ich denke schon, dass die Sportler mit einem gewissen Trotz jetzt hier auftreten werden und auch natürlich gleichzeitig von ihren Konkurrenten in den jeweiligen Sportarten auch ordentlich beäugt werden und eventuell vielleicht auch gemieden werden, weiß ich nicht. Bei uns ist das nicht der Fall, wir haben keine Russen bis auf eine Weitspringerin in den Feldern drin, das wird bei uns anders werden. Ich bin mal gespannt, wie sich das hier entwickelt, was da vielleicht noch Weiteres geschieht oder ob da jetzt irgendwie Ruhe einkehrt. Kann ich mir nicht vorstellen. Ich bin gespannt, was auch die anderen Sportler bei uns in der Mannschaft sagen.

Barenberg: Wie empfinden Sie das eigentlich, dass einmal mehr auch jetzt rund um die Spiele in Rio das Thema Doping so ein Gewicht bekommen hat? Wie gehen Sie damit um als Sportlerin?

"Im Mittelpunkt sollte eigentlich der Sport stehen"

Klaas: Ja, das ist eigentlich schade, weil natürlich … Skandale verkaufen sich gut, da ist immer nur wieder von Doping die Rede. Es wird davon geredet, dass das Dorf nicht fertig ist. Es wird davon geredet, dass irgendwelche anderen Missstände im Dorf oder um die olympischen Stätten herum bestehen. Natürlich ist das alles Teil der Spiele, natürlich sind das alles Facetten. Aber im Mittelpunkt sollte eigentlich der Sport stehen, sollten die Athleten stehen, soll die Leistung stehen. Und das ist schwierig, wenn man jetzt sagt, man freut sich hier auf gute Leistungen, und auch wir versuchen als deutsche Mannschaft, gute Leistungen zu bringen. Und dann schwebt dabei im Hinterkopf immer wieder dieser Doping-Gedanke, was ja dann eigentlich im Endeffekt dazu führt, dass jede gute Leistung hinterfragt werden kann. Und das ist eigentlich schade, da wollen wir nicht hinkommen. Wir wollen nicht das gleiche Phänomen haben wie im Radsport, dass im Endeffekt die Leute kein Interesse mehr haben, das zu schauen oder den sportlichen Wettkampf da zu verfolgen.

Barenberg: Aber das heißt auch, der Gedanke Doping schwingt schon mit, der begleitet Sie schon auch zu diesen Spielen?

Klaas: Natürlich. Also, ich bin in London als Fünfte aus dem Station raus, und bin am Ende als Fünfte da raus und habe jetzt im Nachhinein wahrscheinlich den vierten Platz, werde ich den zugesprochen bekommen, weil die russische Siegerin vermutlich die zweite positive Dopingprobe in ihrer Karriere abgegeben hat. Natürlich ist das dabei, ich habe genug vierte Plätze gesammelt bei EM und WM, wo ich vielleicht in den nächsten Jahren auch noch irgendwas mit der Post zugeschickt bekomme. Natürlich ist das immer dabei und es ist auch schade und frustrierend. Nur halt, in dem Moment, wo der Wettkampf hier stattfindet, da darf man sich damit nicht beschäftigen, weil, das brennt, das raubt Energie, das ist nicht das Ziel. Man muss zusehen, dass man selbst das Beste gibt und das Beste herausholt aus sich und dann am Ende sieht, für was es vielleicht heute oder dann auch in den nächsten zehn Jahren wert ist.

Barenberg: Die Hammerwerferin Kathrin Klaas im Gespräch mit dem Deutschlandfunk. Frau Klaas, ganz herzlichen Dank für Ihre Zeit! Alles Gute!

Klaas: Gerne!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

 

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