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StartseiteSport am WochenendeGesucht: Lees leibliche Eltern17.02.2018

Olympische Winterspiele 2018Gesucht: Lees leibliche Eltern

Für Slopestyle-Fahrerin Lee Mee Hyun ging es in Pyeongchang nicht nur um Sport: Als Kind wurde sie von US-Amerikanern adoptiert. Bei Olympia tritt sie für ihr Geburtsland Südkorea an - und hofft, dabei ihre leiblichen Eltern zu finden. Nicht das einzige Beispiel, das den Nationalismus bei Olympia ad absurdum führt, berichtet Spiegel-Reporter Thilo Neumann.

Thilo Neumann im Gespräch mit Astrid Rawohl

In Südkorea geboren, in den USA aufgewachsen - jetzt bei Olympia für Südkorea am Start: Slopestylerin Lee Mee Hyun. (dpa / picture alliance / Angelika Warmuth)
In Südkorea geboren, in den USA aufgewachsen - jetzt bei Olympia für Südkorea am Start: Slopestylerin Lee Mee Hyun. (dpa / picture alliance / Angelika Warmuth)
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Südkoreas Eishockey-Herren Eingebürgert für Olympia

Lee Mee Hyun ist nicht nur eine von den zahlreichen Athletinnen und Athleten, die Südkorea vor den Winterspielen eingebürgert hat, um die Erfolgschancen des Gastgeberlandes ohne große Wintersporttradition zu erhöhen - so wie etwa auch Aileen Frisch, die deutsche Rodlerin aus Sachsen, die in Pyeongchang ebenfalls für Südkorea an den Start ging. 

Bei Lee Mee Hyun geht die Geschichte noch weiter - und Spiegel-Reporter Thilo Neumann hat sie recherchiert: "Was diesen Fall unterscheidet ist, dass Lee in Südkorea geboren wurde, allerdings noch als Kleinkind in die USA adoptiert wurde." Sie wuchs dort im Bundestaat Pennsylvania unter dem Namen Jacqueline Klein auf. Nun, als 23-Jährige, ist sie zurück in ihrem Geburtsland, startet für Südkorea und hofft, dass Olympia ihr dabei helfen kann, ihre leiblichen Eltern wiederzufinden: Indem diese ihre Tochter im Fernsehen sehen, sie wiedererkennen und sich dann melden.

"Es besteht die Gefahr, dass meine Eltern Olympia nicht verfolgen werden", sagt Lee. "aber wenn sie mich treffen wollen, bin ich sicher, dass sie Kontakt aufnehmen werden."

Kein Einzelschicksal

Lees Schicksal ist kein Einzelfall. Seit dem Koreakrieg in den 1950er Jahren wurden mehr als 200.000 Kinder aus dem Land adoptiert, berichtet Thilo Neumann, mehr als die Hälfte von ihnen in die USA. Jedes Jahr kommen mehrere Hundert von ihnen zurück auf der Suche nach ihren Wurzeln. Dabei helfen können manchmal die Agenturen, die bereits die Adoptionen vermittelt haben. Allerdings nicht in Lees Fall: Der Mitarbeiter, der einst ihre Adoption verwaltet hatte, ist mittlerweile verstorben.

Lee wurde in den USA sozialisiert. Trotz ihres neuen, südkoreanischen Passes, fühle sie sich noch etwas fremd im eigenen Geburtsland, erzählt die 23-Jährige: "Ich habe den Eindruck, dass ich mich der koreanischen Kultur anpassen kann. Die Sprache ist allerdings eines der größten Hindernisse. Daran muss ich noch arbeiten, um mich ganz als Koreanerin zu fühlen." Jackie Kling, Lees amerikanisches Ich, gebe es weiterhin: Ein Leben zwischen zwei Welten, zwei Identitäten. 

Ob Lee ihre Eltern findet?

Lee Mee Hyun hat ein prominentes Vorbild: 2006 in Turin gewann der US-Amerikaner Toby Dawson Bronze auf der Buckelpiste. Im Ziel riss er sich den Helm vom Kopf und zeigte sich so quasi der Welt. Auch er ist gebürtiger Südkoreaner und Adoptivkind. Und tatsächlich: Sein leiblicher Vater meldete sich, das erste Treffen wurde live im koreanischen Fernsehen übertragen.

Bei Lee Mee Hyun könnten die Chancen schlechter stehen. Im Slopestyle-Freestyle-Wettbewerb schied sie heute in der Qualifikation als 13. aus, verpasste also haarscharf das Finale der besten 12. "Dort hätte sie noch mehr Aufmerksamkeit bekommen", konstatiert Thilo Neumann, "aber auch so wird sie sicher im koreanischen Fernsehen zu sehen gewesen sein."

Kritik am Nationenhopping

Zur Kritik an Südkoreas Einbürgerungen vor den Olympischen Winterspielen, sagt der Spiegel-Reporter: "Man muss jeden Fall für sich betrachten." Gerade um das Eishockeyteam der südkoreanischen Herren habe es viele Diskussionen gegeben. Im Kader stehen sechs gebürtige Kanadier und ein gebürtiger US-Amerikaner. "Söldnertruppe kann man da sagen", so Neumann, "oder man schaut genauer hin: Brock Radunske zum Beispiel lebt seit zehn Jahren in Korea, er erhielt damals einen Vertrag bei einer Profimannschaft dort und ist seitdem nicht mehr weggegangen. Seit fünf Jahren hat er nun einen koreanischen Pass."

Radunske selbst sagte im Interview mit dem Spiegel-Reporter: "Ich hatte das Glück, meine ersten zwei Jahre in Korea für ein Team zu spielen, das Meister wurde, also band der Verein mich langfristig. Ich war sehr froh, die koreanische Staatsbürgerschaft annehmen zu können, das Land ist seit zehn Jahren meine Heimat. Ich bin stolz, das Nationaltrikot tragen zu dürfen und ich versuche, alles zu geben." Natürlich gebe es auch andere Beispiele: "Die deutsche Rodlerin Aileen Frisch etwa hatte keine Verbindungen nach Südkorea, als sie sich vor drei Jahren entschied, das Land zu wechseln."

Der Vorwurf des "Nationenhoppings" kann auch Deutschland gemacht werden. Das "deutsche" Gold im Eiskunstlauf-Paarlauf holten eine gebürtige Ukrainerin und ein gebürtiger Franzose. "Es ist einfach gängige Praxis", sagt Neumann. Das Eiskunstlauf-Paar Savchenko/Massot sei ein gutes Beispiel: "Die Motivation war, nüchtern betrachtet, die Aussicht auf sportlichen Erfolg." Savchenko habe sogar kurzzeitig über die Option nachgedacht, für Frankreich zu starten. "Die Trainingsbedingungen in Frankreich waren jedoch deutlich schlechter, der Verband zeigte weniger Interesse an ihnen als der deutsche - und so entschied man sich schließlich für Deutschland." Dagegen sei im Grunde nichts einzuwenden, so Neumann: "Wenn nun aber vom DOSB ein Bild von den beiden mit dem Slogan verbreitet wird: 'Um dieses Paar beneidet uns die Welt', dann denke ich, wird diese Geschichte in eine Richtung gebogen, die nicht 100% der Realität entspricht."

Warum treten Sportler nicht für sich selbst an?

Was nun, wenn Sortler nicht mehr für ein Land - sondern für sich selbst antreten. Wenn es keinen Medaillenspiegel mehr gäbe, über den Nationen ihre Identität zu bestimmen versuchen? Diese Frage stellt sich für Thilo Neumann besonders im Hinblick auf die Beispiele wie Anna Seidel, die deutsche Shorttrackerin: "Sollte sie hier überraschend eine Medaille holen, dann sagen alle: Ein Triumph für Deutschland. Dabei trainiert Seidel schon seit August 2017 nicht mehr in Deutschland, weil der Verband keinen Bundestrainer mehr hat. Stattdessen lebte sie auf einem Campingplatz in Holland und trainierte dort mit ihren Teamkollegen bei einer ausländischen Honorartrainerin." 

Auch wenn der deutsche Verband dafür bezahlt, steht für Neumann fest: "Ein Erfolg von Seidel wäre für mich ein Erfolg von ihr als Person und nicht der eines Landes." Und da Seidel kein Einzelfall sei, gibt der Reporter zu bedenken: "Was bringt es also, nun wieder voller Stolz auf den Medaillenspiegel zu schauen und Nationen gegeneinander zu messen? Jede Medaille hat ihre eigene Geschichte."

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