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StartseiteSport am WochenendeVom Badeort zum Wintersportmekka05.01.2014

Olympischer Gigantismus IVom Badeort zum Wintersportmekka

Spektakuläre Spiele, einzigartig kompakt und ohne Staus – das versprach Wladimir Putin. Dafür musste so gut wie alles neu gebaut werden, denn Sotschi war bisher in erster Linie ein Sommerkurort. Teil I unserer Serie zum Gigantismus von Sotschi.

Von Gesine Dornblüth

Spaziergänger gehen über die Strandpromenade des russischen Schwarzmeerkurorts Sotschi, in dem 2014 die Olympischen Winterspiele stattfinden. (picture alliance / dpa / ZB / Jan Woitas)
Spaziergänger gehen über die Strandpromenade des russischen Schwarzmeerkurorts Sotschi, in dem 2014 die Olympischen Winterspiele stattfinden. (picture alliance / dpa / ZB / Jan Woitas)
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Größer, teurer, skrupelloser
Mehrteilige Serie rund um die verschiedenen Facetten des Gigantismus der Winterspiele in Sotschi

Krasnaja Poljana. Noch vor wenigen Jahren war es ein verschlafenes Bergdorf. Nun säumen mehrstöckige Hotels die Straße. Seilbahnen und Skilifte zerteilen weiträumig die bewaldeten Hänge. Gleich mehrere Skiresorts sind hier in kurzer Zeit entstanden. Eines der ersten war Roza Chutor. Direktor Aleksandr Belokobylskij steht an der Talstation vor einem Modell des Skigebiets und erläutert, was allein in seinem Resort gebaut wurde.

"Zu Beginn der Olympischen Spiele haben wir ein Pistennetz von 90 km und 80 Lifte. Wir können mehr als 10.000 Leute täglich bedienen. Und es sollen bis zu 1,5 Millionen im Jahr werden. Ich bin mir sicher: Unser Kurort wird der beste in Russland sein und einer der besten weltweit.“

Der Bauherr von Roza Chutor ist der milliardenschwere Unternehmer Wladimir Potanin. Er hat beste Beziehungen zum Kreml. Rund 2,5 Milliarden US-Dollar hat er eigenen Angaben zufolge allein in das Skigebiet Roza Chutor investiert. Dass das in absehbarer Zeit Profit abwirft, ist unwahrscheinlich. Auf die Frage, warum er trotzdem investierte, sagte er einmal:

"Für mich ist das eine wichtige Visitenkarte. Ich betrachte das als ein gewöhnliches soziales Projekt eines Menschen, der die Möglichkeiten hat, so ein Projekt für das Land zu machen.“

So ist denn Sotschi auch ein gigantisches patriotisches Projekt. Der Direktor von Rosa Chutor, Aleksandr Belokobylskij, zeigt erneut auf das Modell:

„Wir haben das meiner Meinung nach größte System für Kunstschnee an einem Kurort gebaut. Hier sind zwei Wasserreservoirs, von dort transportieren vier Pumpstationen das Wasser hoch bis zum Start der Abfahrt der Männer. Wir haben bereits 406 Schneekanonen fest installiert und weitere 25 mobile Kanonen. Das ist das größte System in Europa.“

Sotschi will Spiele der Superlative bieten. Über die Rodel- und Bobbahn heißt es, sie sei die sicherste und längste in der Welt. Auch Oleg Krawtschenko spricht in Superlativen. Der Ingenieur führt durch den VIP Bereich des „Großen Eispalastes“ im Stadtteil Adler, unten an der Küste: Fast 50 Meter hoch, mit einem gewölbten Dach.

"Dies ist nicht mein erstes Stadion. Ich mache das seit 12 Jahren, und ich habe schon in vielen Städten Stadien gebaut, in St. Petersburg, in Moskau, Kazan, Ufa, Tscheljabinsk. Hier standen die Ingenieure allerdings vor besonderen Herausforderungen. In Sotschi ist es warm, deshalb haben wir eine riesige Klimaanlage gebaut. Wir haben hunderte Kilometer Kabel verlegt. Hunderte. Und alle Teile sind zur Sicherheit doppelt ausgeführt. So etwas gibt es in ganz Europa nicht.“

Im Großen Eispalast finden die Eishockeywettkämpfe statt. Krawtschenko betritt die Tribüne, zeigt auf den Übertragungswürfel über der Spielfläche. "Auch der ist einzigartig. So etwas gibt es sonst nirgendwo in Europa. Das ist das Beste vom Besten, eine Auflösung wie zuhause auf dem Fernseher.“ Krawtschenko zählt weitere Besonderheiten auf: Dolmetscherkabinen für 32 Sprachen, gepolsterte Sitze. "Und unsere Kuppel ist in Russland einzigartig. Wenn Sie nachts einfliegen, sehen Sie das. Sie leuchtet auf einer Fläche von 70.000 qm, das hat noch niemand gehabt.“

Sotschi hat für die Olympischen Spiele auch eine komplett neue Infrastruktur bekommen. Zwischen dem Stadtzentrum von Sotschi, dem Bezirk Adler mit den Eisstadien und dem Bergdorf Krasnaja Poljana verkehrt ein moderner Expresszug. Die Strecke wurde größtenteils neu gebaut. Im internationalen Vergleich nichts Besonderes, für russische Verhältnisse beachtlich. Die Stadt hat ein komplett neues Stromnetz bekommen. Rund 400 km Straßen wurden angelegt, dazu mehrere lange Tunnel und Brücken. Und unzählige Hotels. Aus dem Nichts. Anatolij Pachomow, Bürgermeister von Sotschi, wird gar nicht müde, das zu betonen. Insgesamt handelt es sich um das größte Bauprojekt Russlands nach dem Ende der Sowjetunion.

"Die 10.000 Hotelzimmer, die jetzt von Markenunternehmen geführt werden, werden natürlich hochklassigen Service leisten. So etwas gab es bei uns bisher nicht. Dieser Kurbetrieb wird natürlich der beste in Russland werden. Ich kann selbst gar nicht begreifen, wie wir das alles innerhalb von nur vier Jahren geschafft haben.“

Es hatte seinen Preis. Die Kosten für die Olympischen Spiele in Sotschi sind mittlerweile von ursprünglich geplanten etwa zwölf Milliarden Dollar auf etwa das Vierfache gestiegen. Von den Umweltschäden gar nicht zu reden. Premierminister Medwedew sagte kürzlich, die gigantischen Ausgaben hätten sich gelohnt. Russland bekomme jetzt einen konkurrenzfähigen Wintersportort. Der Haken dabei: Bisher sind auch die Preise gigantisch. Das müsse sich noch ändern, räumte selbst Medwedew ein.

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