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StartseiteCorsoMit Musik gegen Gewalt28.07.2018

OneChot aus VenezuelaMit Musik gegen Gewalt

Caracas gilt als eine der gefährlichsten Städte der Welt. Reggae-Musiker OneChot hatte einst die Missstände in seiner Heimatstadt beklagt, bis er selbst Opfer einer Schussattacke wurde. Er überlebte wie durch ein Wunder - und träumt jetzt davon, dass seine Heimat wieder aus dem Chaos aufersteht.

Von Burkhard Birke

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OneChot - venezolanischer Musiker mit Gitarre in seinem privatem Studio  (Burkhard Birke)
Ein venezolanischer Musiker mit Message: Juan David Chacón alias OneChot (Burkhard Birke)
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OneChot: "Hier als Musiker zu überleben ist schwer, ist extrem teuer. Man muss sich ständig neu erfinden. Wenn du Musik liebst und davon leben willst, darfst du aber nichts anderes tun."

Wegen seines Erfolgs ist OneChot privilegiert. Viele seiner Band- und Musikerkollegen in Venezuela mussten das Land verlassen: Wenn für eine Packung Mehl ein halber Monatsmindestlohn draufgeht, gibt es auch kein Geld mehr für Konzerte. Und davon leben Musiker in erster Linie. OneChot stellt seine Musik sogar gratis ins Netz, lebt von freiwilligen Beiträgen und Ersparnissen.

Auf einer Straße in Caracas wühlen junge Männer in Mülltüten. (Deutschlandradio / Burkhard Birke)Immer mehr Menschen in Caracas müssen im Müll nach Essen suchen (Deutschlandradio / Burkhard Birke)

"Die Situation wird sich verbessern. Ich verliere nie den Glauben daran. Deshalb bleibe ich hier. Ich könnte überall auf der Welt leben, aber ich spüre, dass es meine Aufgabe ist, an den Veränderungen und der Erholung Venezuelas mitzuarbeiten. Wenn ich weggehe, kann ich das nicht."

Vorbild: Jamaika

Mit zehn Jahren hat Juan David Chacón - wie OneChot mit bürgerlichem Namen heißt - die Musik für sich entdeckt, angefangen Gitarre zu lernen. Den Kontakt zu seinem ersten Musiklehrer und großen Mentor Gerry Weil hat er nie abbrechen lassen. Als der Sänger seiner ersten, einer Heavy-Metal-Band ausfiel, sprang Juan David ein. Seither singt er - auch und vor allem Reggae und Dancehall.

Seit einer ersten Reise 1996 nach Jamaika ließ ihn die Insel nie mehr los. Zuerst mit Negus Nagast und später mit der Band Papashanty huldigte er musikalisch Jamaika, vor allem dem Dancehall. Es war wie eine Wiedergeburt, sagt der heute 40-Jährige mit den geflochtenen Rasterlocken und dem Stirnband: "Ich wollte die Realität Jamaikas auf Venezuela übertragen. Die Menschen auf Jamaika leben mit sehr wenig und sind glücklich. Es gibt zwar Armut, aber kein Elend wie hier in Venezuela". Das Elend in Venezuela wächst von Tag zu Tag ebenso wie die Gewalt – und zwar schon seit Jahren."

"Ich hege keinen Groll gegen die Attentäter"

"Rotten Town": Die scheußlichen Seiten seiner Heimatstadt Caracas besang OneChot in diesem auch als Videoclip produzierten Song, bei dem ein kleiner Junge von einer verirrten Kugel erschossen wird. Kurz darauf - am 28. Februar 2012 - wird OneChot selbst von einer Kugel am Kopf getroffen. "Die Ärzte sagten meiner Mutter, ich würde nie wieder singen oder sprechen können, dass ich Behinderungen behalten würde. Die Rehabilitation war hart und intensiv, aber nach zwei Monaten habe ich schon wieder vor Publikum gesungen: 'Rotten Town'."

OneChot - der Name, den sich der Sänger für sein erstes Soloprojekt 2008 gegeben hatte - wurde auf bizarre Art schicksalsträchtig, auch wenn Juan David OneChot mit "ch" statt mit "sh" für den ersten Schuss schreibt. "Meine zweite Wiedergeburt war es", sagt OneChot, der seither weder Grass noch Alkohol anrührt: "Ich hege keinen Groll gegen die Attentäter - ich verzeihe ihnen und überlasse den Rest dem Karma."

OneChot im Interview mit Deutschlandfunk Reporter Burkhard Birke (Burkhard Birke)OneChot im Interview mit Deutschlandfunk Reporter Burkhard Birke (Burkhard Birke)

Auch seine Musik hat sich gewandelt: Eigentlich wollte er eine neue Version von "Rotten Town" - dem abscheulichen und von ihm dennoch so geliebten Caracas - zusammen mit seinem Mentor Gerry Weil und dem Saxofonisten Victor Cuica auflegen. "Ursprünglich wollte ich ein radikales Protestalbum aufnehmen. Während der Aufnahmen sagte mir Gerry dann: Der Schlüssel ist zu verzeihen. Daraufhin habe ich sofort die Idee verworfen eine spanische Version von Rotten Town aufzunehmen. Wir setzen thematisch einen neuen Akzent: Wiedergeburt."

Aufrichtigkeit und Transparenz, Toleranz und Einsicht fordert OneChot von seinen Mitbürgern. Der Song ist eine Fusion aus Jazz, Hip-Hop und Dancehall. Hier in einer Vorabveröffentlichung - Weltpremiere, sozusagen.

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