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StartseiteSprechstunde"Es gibt sehr gute Hinweise für die Wirksamkeit"03.01.2017

Online-basierte Psychotherapie"Es gibt sehr gute Hinweise für die Wirksamkeit"

Online-basierte Behandlungsangebote sieht Psychologieprofessorin Corinna Jacobi angesichts knapper Therapieplätze als Bereicherung: "Viele Studien zeigen, dass vor allem Betroffene in den Bereichen Depression und Angst von diesen Programmen gleichermaßen profitieren wie von Face-to-face-Therapien", sagte Jacobi im DLF.

Corinna Jacobi im Gespräch mit Carsten Schroeder

Zwei Kollegen einer Firma fliegen und schütteln sich dabei die Hand. (imago / Westend61)
Derzeit sind sehr unterschiedliche Online-Therapie-Programme auf dem Markt, so Psychologieprofessorin Corinna Jacobi. Die Spanne reicht von reinen Online-Angeboten, bis hin zu solchen, die Face-to-face-Kontakt einbauen. (imago / Westend61)
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Carsten Schroeder: Können und dürfen Computer bei der Psychotherapie eingesetzt werden oder nicht? Schon in den 60er-Jahren wurde in den USA ein Computerprogramm mit dem Namen Eliza entwickelt, ein Dialogprogramm, das ein Gespräch mit einem Therapeuten simulierte. Das führte damals tatsächlich dazu, dass viele amerikanische Therapeuten die Ansicht vertraten, das sei die Zukunft und man könne auf diese Weise die Psychotherapie breit und kostengünstig einsetzen.

Nun hat sich die Vorstellung, man könne sich mit seinem Problem an ein Computerprogramm statt an einen Psychologen wenden, dann doch nicht durchgesetzt und es wurde wieder still um das Thema. Inzwischen hat sich die Computertechnik weiterentwickelt und seit einiger Zeit ist das Thema wieder auf der Tagesordnung, schließlich gibt es viele psychische Störungen: Depressionen, Psychosen, Essstörungen, und immer mehr Menschen in Deutschland sind davon betroffen.

Ist das nun schon der Start zur Psychotherapie per Computer? Am Telefon ist jetzt Professor Corinna Jacobi vom Institut für klinische Psychologie und Psychotherapie an der TU Dresden, und eines ihrer Forschungsgebiete ist E-Mental-Health, also die Anwendung neuer Medien bei psychischen Erkrankungen. Guten Morgen, Frau Professor Jacobi!

Corinna Jacobi: Guten Morgen!

Schroeder: Wie stehen Sie zum Einsatz von Onlineprogrammen in der Psychotherapie?

Jacobi: Ich halte sie für eine ganz wichtige Bereicherung unserer gegenwärtigen psychotherapeutischen Versorgungssituation, die ja für viele Patienten beinhaltet, dass sie lange Wartezeiten in Kauf nehmen müssen, bevor sie überhaupt einen Therapieplatz bekommen.

Aber generell glaube ich auch, dass sie einfach das Spektrum an Möglichkeiten deutlich erweitern können, was bisher Patienten oder auch Menschen, die wir noch nicht als Patienten bezeichnen würden, also Menschen mit Problemen im unterschwelligen diagnostischen Bereich, das ihnen zugutekommen könnte.

"Es gibt für die großen Störungsbereiche gute Hinweise"

Schroeder: Können diese Programme einen Therapeuten ersetzen?

Jacobi: Im Zweifel ja. Aber ich würde sagen, es hängt sehr davon ab, mit welcher Problemlage die jeweilige Person kommt. Also, die Programme reichen ja von Präventionsprogrammen, die sich an Menschen richten, die im Wesentlichen nur ihre Gesundheit fördern oder verbessern wollen, also keinerlei psychische Probleme aufweisen, über Menschen, die bereits erste Symptome haben, ohne dass sie, wie wir sagen würden, bereits Diagnosekriterien erfüllen für psychische Erkrankungen, bis hin zu Menschen, die tatsächlich dringend psychotherapiebedürftig wären, die Diagnosen erfüllen, oder auch bis in den Bereich von Menschen, die bereits Behandlung erfahren haben und das im Sinne einer Nachsorge nutzen wollen.

Schroeder: Also, Sie meinen tatsächlich, die Menschen, die dringend psychische Hilfe brauchen, wären bei solchen Programmen gut aufgehoben?

Jacobi: Das ist eine Frage, die derzeit untersucht wird. Es gibt viele Studien, die deutlich zeigen, dass Menschen, die psychische Probleme haben, vor allem in den Bereichen Depression und Angst, von diesen Programmen gleichermaßen profitieren wie von sogenannten Face-to-face-Therapien, also Psychotherapien mit einem Therapeuten, der einem gegenübersitzt. Also, dafür gibt es für die großen Störungsbereiche gute Hinweise. Das hängt aber natürlich immer vom Einzelfall ab. Man kann es nicht pauschal sagen.

Schroeder: Es ist untersucht worden. Wie … Das heißt, es ist auch untersucht worden, wie wirksam diese Programme sind!

Jacobi: Ja.

"Die Wirksamkeit ist besser, wenn die Programme moderiert werden"

Schroeder: Wie wirksam sind sie denn?

Jacobi: Also, das wiederum hängt davon ab, ob Sie den Bereich der Prävention betrachten oder den Bereich der Selbsthilfe oder -therapie. Insgesamt bei Angst, Depression, aber auch bei Suchterkrankungen im unterschwelligen Bereich und Essstörungen gibt es sehr gute Hinweise für die Wirksamkeit dieser Intervention, in der Regel ist die Wirksamkeit besser, wenn die Programme moderiert werden, das heißt wenn sie mit therapeutischer Unterstützung durchgeführt werden.

Das bedeutet aber nicht, dass das sozusagen wie ein Face-to-face-Kontakt ist, sondern dass der Betroffene bestimmte Behandlungsanteile mit Unterstützung erhält durch einen Therapeuten.

Schroeder: Nun sind Patienten mit einer schweren psychischen Symptomatik unter Umständen ja auch sehr labil. Kann von Onlineprogrammen, bei denen ja nun der direkte Kontakt zum Therapeuten fehlt, nicht eventuell auch eine Gefahr ausgehen?

Jacobi: Man muss sicherlich im Einzelfall immer sehr genau betrachten, mit welcher Problemlage man es zu tun hat. Und ein Onlineprogramm, wie es teilweise ja von vielen Firmen oder im Netz einfach frei angeboten wird, das nicht berücksichtigt, also, das die individuelle Problemlage des Patienten nicht berücksichtigt, auch mögliche Risiken wie Suizidalität nicht abfragt, ist sicherlich nicht empfehlenswert.

Eine Gefahr sehe ich vor allem darin bei Programmen, die keinerlei Qualitätsstandards erfüllen, deren Wirksamkeit nicht überprüft ist, die einfach schön anzusehen sind, und davon gibt es ja sehr viele, aber sich letztlich nicht wirklich mit der spezifischen Problemlage des Patienten beschäftigen.

Online-Therapie auf Rezept?

Schroeder: Nun ist es ja so, dass solche Onlineprogramme eben besonders leicht zugänglich sein sollen.

Schroeder: Sie sollen ja auch eine niedrige Schwelle haben, das haben Sie auch vorhin gesagt. Aber gerade das erhöht ja das Risiko, das erhöht das Risiko, dass da gerade jemand zu einfach Zugriff hat und dann unter Umständen alleine mit einem Computerprogramm und seinen psychischen Problemen dasteht.

Jacobi: Also, das erhöht das Risiko dann nicht, wenn Sie eben vor dem Programm eine vernünftige Diagnostik vorschalten und wenn jemand auf die Ergebnisse dieser Diagnostik schaut und sich eben überlegt, ob der Betroffene, der jeweilige Patient oder auch Mensch mit Problemlagen, spezifischen Problemlagen, tatsächlich für das Programm geeignet ist.

Und das geschieht in der Regel bei den gut evaluierten Programmen. Es gibt Ausschlusskriterien, die vorher sorgfältig geprüft werden, und es gibt eben bestimmte Anschlusskriterien, die erfüllt sein müssen.

Schroeder: Ja, das hieße dann aber so ein Programm auf Rezept?

Jacobi: Im Prinzip ja, wenn Sie so wollen. Nur, dass das Rezept eben, dass sich hinter dem Rezept in der Regel ein Algorithmus verbirgt, in dem all diese Fragen, die wichtig sind für die Teilnahme oder Voraussetzungen bilden für die Teilnahme am Programm, quasi über einen Computeralgorithmus erfragt werden. Manchmal schaltet sich im Zweifel auch ein Therapeut direkt ein.

Also, es gibt sehr unterschiedliche Formen von Programmen. Es gibt Programme, die einfach gemischt werden mit Face-to-face-Kontakt, es gibt solche, die als erste Stufe vor einem tatsächlichen Face-to-face-Kontakt angedacht sind, wo aber ein therapeutischer Kontakt tatsächlich schon stattfindet.

Schroeder: Also, so ganz bleiben die Psychotherapeuten dann nicht außen vor. Vielen herzlichen Dank, das war Professor Corinna Jacobi von der TU Dresden, vielen Dank für das Gespräch!

Jacobi: Danke.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

 

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