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StartseiteEuropa heute"Weil Ungarn freie Medien braucht"07.11.2019

Online-Magazin "Szabad Pécs""Weil Ungarn freie Medien braucht"

Unter der Regierung von Viktor Orbán ist Ungarn im Pressefreiheits-Ranking von "Reporter ohne Grenzen" deutlich abgesackt. Journalisten wird die Arbeit erschwert, viele berichten nicht mehr kritisch. Doch Attila Babos und seine Kollegen schwimmen mit einem kleinen Online-Magazin gegen den Strom.

Von Stephan Ozsváth

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Journalist Attila Babos in den Redaktionsräumen des Online-Magazins "Szabad Pécs" in Ungarn (Deutschlandradio/ Stephan Ozsváth)
Journalist Attila Babos in den Redaktionsräumen des Online-Magazins "Szabad Pécs" in Ungarn (Deutschlandradio/ Stephan Ozsváth)
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Pressefreiheit in Ungarn Eine Frage der Macht

Das Büro liegt in der Altstadt von Pécs, einer Studentenstadt im Dreiländereck Ungarn-Kroatien-Serbien. Im Jahr 2010, in dem Viktor Orbán erneut die Macht übernahm, war Pécs Kulturhauptstadt Europas. Viel Geld wurde in Museen, barocke Fassaden, einen neuen Konzertsaal und das Zsolnay-Kulturviertel am Standort der Porzellan-Fabrik gesteckt. Attila Babos führt durch den Hinterhof eines nicht ganz so schicken Altbaus in einer Seitenstraße der Fußgängerzone. Vorbei geht es an den verwitterten Wänden der "Bázis", einer Beratungsstelle für Drogenabhängige, im Hinterhaus geht es hoch.

"Sofort flogen einige Redakteure raus - auch wir"

Vor einem Poster von Mutter Teresa machen wir Halt, der albanische Honorarkonsul residiert hier, erklärt Attila, der sei aber nie da. Das Transparent über dem Türstock gegenüber macht dann klar, dass wir am Ziel sind: Im zweiten Stock ist die „Redaktion“ von „Szabad Pécs“, einem unabhängigen Online-Magazin: ein winzig kleiner Raum, zwei Schreibtische, ein Stehpult, drei Laptops, ein Drucker und eine Espresso-Maschine – ein paar Quadratmeter Pressefreiheit.

"Im Frühjahr 2017 sind wir gestartet, wir waren zu dritt und hatten keine Arbeit mehr. Zuvor hatten wir viele Jahre für das hiesige Regionalblatt gearbeitet. Dann kaufte einer der besten Freunde Viktor Orbáns und einer der reichsten Männer Ungarns, Lörinc Mészáros, das Medienunternehmen „Mediaworks“. Zu dem gehörte auch unser Blatt. Sofort flogen einige Redakteure raus – auch wir." Attila Babos kocht einen neuen Espresso. Wir trinken viel Kaffee, sagt er. Viele Stunden haben die drei Redakteure umsonst gearbeitet. Die Mini-Redaktion ist immer klamm, erzählt Attila Babos.

Ungars Ministerpräsident Viktor Orbán (links) mit dem ungarischen Milliardär Lorinc Meszaros, dem unter anderem das Verlagshaus "Mediaworks" gehört (picture alliance/ AP/ Laszlo Balogh)Ungars Ministerpräsident Viktor Orbán (links) mit dem ungarischen Milliardär Lorinc Meszaros, dem unter anderem das Verlagshaus "Mediaworks" gehört (picture alliance/ AP/ Laszlo Balogh)

"Aktueller Journalismus, einer der härstesten Jobs"

Der Gegenwind ist allgegenwärtig; als die Sozialisten noch im Rathaus saßen, gab es auch schon die üblichen Anrufe und Versuche, die Berichterstattung zu beeinflussen:

"Das wussten wir vorher, dass aktueller Journalismus einer der härtesten Jobs ist, das gilt für eine Tageszeitung wie für ein Online-Medium. Und wenn man dann auch noch gute Fragen stellt oder sich gar mit Korruption befasst, dann tanzt man auf Messers Schneide."

Dieser Beitrag gehört zur fünfteiligen Reportagereihe Ungarn und Europa - 30 Jahre Umbruch.

Attila erzählt von Investoren, die wieder abspringen. Inserenten, die im letzten Moment Rückzieher machen, Verträgen, die schon in trockenen Tüchern sind und dann doch platzen. Im Hintergrund tippen seine Kollegen Ferenc Nimmerfroh und Ervin Güth in ihre Laptops. „Szabad Pécs“ ist durchaus erfolgreich – manche Geschichten werden bis zu 40.000 mal angeklickt. Die Regierungsmedien dagegen werden immer weniger gelesen - ein Ungarn-weiter Trend trotz der Geldspritzen. Auch der "Transdanubien-Tagesanzeiger" verliert Leser.

"Da gibt es kaum noch regionale Nachrichten, immer weniger Pécs-Nachrichten, schon gar keine Konfliktthemen. Die politischen Themen werden eher ausgespart. Oder es werden Nachrichten übernommen – die sind aber lediglich Wiederholungen der Regierungspropaganda. Oder es werden unliebsame Politiker herunter geputzt."

"Zu Pressekonferenzen bekommen wir keine Einladungen"

"Szabad Pécs" dagegen versuche zu Pressekonferenzen von Politikern aller Couleur zu gehen, umschreibt Attila das Berufsethos des Trios. Auch im Kommunalwahlkampf habe man alle Politiker zu Wort kommen lassen. Aber die Journalisten graben auch Unregelmäßigkeiten - etwa bei städtischen Unternehmen - aus. Die staatlichen Stellen reagieren darauf mit Schweigen – ein gängiges Verfahren in Orbán-Land, weiß auch der Journalistenverband zu berichten. Attila erzählt von ihrem Kampf gegen Windmühlen:

"Seit etwa zwei Jahren bekommen wir keine Antworten auf unsere Fragen. Wir müssen die verschiedenen Institutionen der Kommunalregierung ständig förmlich um Informationen bitten. Manchmal bekommen wir Antworten, oder wir müssten sie einklagen – obwohl Ämter gesetzlich dazu verpflichtet sind. Zu Pressekonferenzen bekommen wir keine Einladungen. Wenn wir trotzdem hingehen, werden wir nicht eingelassen."

Zur Einweihung einer Sportstätte mit dem Ministerpräsidenten, die mit Steuergeld bezahlt wurde, hatte die Redaktion von "Szabad Pécs" keinen Zugang. Begründung: Das sei ein Privat-Gelände, erzählt Attila. Attila zeigt mir die aktuelle Crowd-Funding-Kampagne, die auf der Online-Seite veröffentlicht wurde. Die drei Redakteure haben dazu ein Video vor der barocken Stadtkulisse von Pécs aufgenommen, sie bitten um Geld: "Die ungarischen Medien werden erdrückt. Wir haben 'Szabad Pécs' gegründet, weil Ungarn freie Medien nicht nur in Budapest, sondern auch in der Provinz braucht."

Frischer Wind seit der Kommunalwahl

3.000 Euro brauchen sie für einen Monat, rechnet Attila Babos vor, mit dem Dreifachen könnten sie bereits ein regionales Korrespondentennetz aufbauen.

Mittlerweile weht ein etwas frischerer Wind in Pécs, erzählt mir Attila in einem Skype-Telefonat. Die Regierungspartei Fidesz ist bei der Kommunalwahl abgewählt worden. Attila konnte schon den neuen Bürgermeister interviewen, die Ämter geben jetzt Auskunft. Die Regierungsmedien werden jetzt unter die Lupe genommen. Und das sieht man. „Die Regierungspropaganda ist aus dem Amtsblatt verschwunden", meldet „Szabad Pécs“.

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