Donnerstag, 19.07.2018
 
Seit 03:30 Uhr Forschung aktuell
StartseiteSpielweisen"Ich habe einen gewissen Unabhängigkeitsdrang"03.01.2018

Online-Plattform JF Club"Ich habe einen gewissen Unabhängigkeitsdrang"

Die Geigerin Julia Fischer veröffentlicht ihre neuen Aufnahmen direkt auf einer Online-Plattform, dem JF Club. Damit wolle sie die Barriere zwischen dem Publikum und sich abbauen, erklärt die 34-Jährige im Dlf und gesteht: "Ich hab meine letzte CD vor zehn Jahren gekauft".

Julia Fischer im Gespräch mit Susann El Kassar

Die Geigerin Julia Fischer (Felix Broede)
Bringt vorerst keine physische CD mehr raus: die Geigerin Julia Fischer. (Felix Broede)

Susann El Kassar: Julia Fischer hat ihre eigene Online-Plattform gegründet, sie heißt JF Club und für fünf Euro im Monat bekommt man dort Zugang zu Audio-Aufnahmen, zu Video-Clips, in denen die Geigerin etwas über ausgewählte Werke erzählt und es gibt dort auch kurze Texte, sagen wir mal Blog-Beiträge von Julia Fischer. Hören, Sehen, Lesen sind also die drei Reize, die der JF Club anspricht, alles von und mit der Geigerin. Ende Dezember habe ich mit Julia Fischer über den JF Club gesprochen und ich habe sie zuerst gefragt, was sie dazu bewogen hat, diesen Club zu gründen.

Julia Fischer: Natürlich denkt man im Jahr 2017 darüber nach, wie das mit den Aufnahmen so weitergehen soll, weil ja alle davon reden, dass das mit dem CD Markt so nicht weiter funktionieren kann; aber eigentlich ist es vor allem der Wunsch, Barrieren zwischen mir und dem Publikum abzubauen. Ein Konzert zu spielen ist ja nur das Ergebnis meiner Arbeit, das ist ja nicht meine Arbeit selber. Ich persönlich habe diese Arbeit im Vorfeld extrem gerne. Ich probe wahnsinnig gerne, ich diskutiere gerne über Musik und ich finde es bisschen schade, dass das Publikum daran nicht teilhaben kann. Wenn ich zum Beispiel ein neues Violinkonzert lerne, dann ist es auch bei mir nicht so, dass ich die Noten bekomme und von der ersten Sekunde genau weiß, wie das zu spielen ist und was ich damit ausdrücken möchte, sondern es gibt auch bei diesen Prozess, dass man sich mit Aufnahmen beschäftigt, dass man mit Kollegen spricht, dass man die Fingersätze wieder ändert, dass man eine Vorstellung hat am Anfang und dann sechs Monate später stellt man fest, die funktioniert überhaupt nicht und an diesem Prozess würde ich das Publikum gerne teilhaben lassen, weil ich glaube, dass wenn sie dann ins Konzert gehen, gerade wenn es um moderne Werke geht, zeitgenössische oder auch unbekannte Werke, dann ist der Wille und die Neugierde vor allem größer daran teilzuhaben.

Susann El Kassar: Das heißt die Aufnahme an sich ist gar nicht so wichtig, sondern es geht mehr darum etwas über die Werke zu erzählen. Was ich mich dann frage ist, dass man eigentlich doch die sozialen Medien, die es schon gibt: facebook, twitter, instagram, die kann man doch eigentlich für solche Inhalte benutzen. Kurze Clips hochladen und dann Ihren Fans und anderen, die es interessiert, erzählen, was Sie an diesem Werk so begeistert.

Feedback vom Konzertpublikum

Julia Fischer: Ja, das ist theoretisch möglich, aber die Idee an der ganzen Geschichte ist natürlich schon, dass man das zusammenschließt. Sowohl die Aufnahmen, als auch die Möglichkeit, dass ich mich verbal ausdrücke, über Videos oder über Beiträge, und natürlich: Es gibt noch einen vierten Punkt, der heißt "Treffen" beziehungsweise "meet". Es gibt die Möglichkeit, wenn man Mitglied in diesem Club ist, dass man bei Proben dabei ist, dass man Fragen stellen kann, dass es ein meet and greet nach dem Konzert gibt, dass sozusagen eine Gemeinde entsteht, die sich auf das Konzert freut, die sich auf die Aufnahmen freut, die dann anschließend auch die Möglichkeit hat, dass sie sich gegenseitig kennen lernen und austauschen und dass auch ich diese Leute kennen lerne und auch ein gewisses Feedback bekomme, was die Leute gerne hätten, damit sie sich im Konzert mit dem Repertoire wohl fühlen und damit sie wissen, worauf sie sich einlassen.

Susann El Kassar: Also in dem Sinne wirklich ein Club. Wenn wir nochmal von der anderen Seite auf das Thema gucken, dass Sie sagen, die CD ist ein Auslaufmodell und deswegen will ich keine mehr produzieren. Sie hätten natürlich auch sagen können, Sie docken an, an einen der existenten Streaming-Anbieter, sind dann da Exklusivkünstlerin machen für die die Aufnahmen und die Erklärungen machen Sie dann eben auf Ihrer eigenen Plattform.

Julia Fischer: Ja, das hätte ich natürlich machen können, aber ich glaube, dass es praktischer ist, wenn alles an einem Ort ist. Im Club aktuell ist ja die Aufnahme von den sechs Ysaye-Sonaten. Das ist eine total spannende Geschichte bei Ysaÿe, dass er diese sechs Sonaten für sechs Geiger geschrieben hat und mit denen hat ihn immer etwas verbunden. Am einfachsten zu erklären, ist es anhand der zweiten Sonate. Die zweite Sonate ist Jacques Thibaud gewidmet und Jacques Thibaud hat auch eine Zeitlang bei Ysaÿe gewohnt; dem ersten Satz liegt neben dem "Dies Irae" Thema noch das Präludium aus der E-Dur Partita zugrunde, aber interessanterweise immer nur zwei Takte Bach und dann kommt so ein Ausbruch von Ysaÿe, da steht auch "brutalement" drunter, also das ist richtig laut und hässlich eigentlich und dann kommt wieder zwei Takte Bach. Jetzt ist natürlich die Frage: warum? Thibaud hat jeden Tag bei Ysaye dieses Bach-Präludium geübt, aber er hat es nie im Konzert gespielt. Und Ysaÿe hat ihn gefragt, warum spielst du dieses Präludium, du übst das jeden Tag! Warum spielst du das nicht im Konzert? Und die Erklärung war: Ich habe Angst, dass ich Gedächtnislücken haben werde. Und diese Gedächtnislücken hat Ysaÿe in den ersten Satz reingeschrieben!

Diese Geschichten möchte ich gerne, dass das Publikum weiß, dass derjenige der sich die Aufnahme anhört diesen Hintergrund hat, weil man dann natürlich sich das Stück vollkommen anders anhört. Und ich hab dann auch einen gewissen Unabhängigkeitsdrang, dass ich einfach die Möglichkeit haben möchte, das so zu machen, wie ich das in dem Moment auch für richtig halte. Und ich möchte dann nicht über diese Seite gehen für den Text, und diese fürs Video und dieses für das Audio, sondern ich möchte, dass der Zuhörer die Möglichkeit hat, sich von allen Seiten zu informieren an einem Ort.

"Eigentlich machen alle Musiker sicher darüber Gedanken, wie das in Zukunft weitergehen soll"

Susann El Kassar: Das heißt, dass in dem Sinne Nadelöhr Julia Fischer nehmen Sie in Kauf, um die volle Macht über all die Inhalte zu haben?

Julia Fischer: Eigentlich schon, ja.

Susann El Kassar: Haben Sie mit Kollegen über die Idee gesprochen? Es ist ja sicher interessant zu sagen, Sie nehmen jetzt noch Daniel-Müller Schott einfach mit dazu.

Julia Fischer: Ja, na klar habe ich mit Kollegen darüber gesprochen. Es ist interessant, dass ja eigentlich alle Musiker sicher darüber Gedanken machen, wie das in Zukunft weitergehen soll. Es ist natürlich ein weiter Schritt und auch ein sehr anstrengender Schritt von: den Gedanken zu haben, bis: dass man tatsächlich auch in die Tat umsetzt. Da gibt es natürlich ein finanzielles Risiko, da gibt es wahnsinnig viel Zeit, was man investieren muss, man braucht unglaublich viele Leute im background, die sich darum kümmern, die das verwirklichen, ich meine, ich habe von Computer wirklich relativ wenig Ahnung, aber, was dann möglich ist, wie man das gestalten kann, dass das auch einen Sinn hat, das muss dann natürlich alles organisiert werden und das war ein sehr, sehr langer Prozess. Die Idee hatte ich vor eineinhalb Jahren und natürlich hat sich diese Idee auch bisschen gewandelt und dann musste ich auch sehen, was überhaupt machbar ist und was auch am Anfang machbar ist. Das Schöne ist ja, dass, dadurch dass ich alleine dafür verantwortlich bin, kann ich das auch weiterspinnen. Das war ein sehr anstrengender und zeitraubender Prozess, aber wenn ich mit Kollegen sprechen, dann sagen alle eigentlich, dass sie das für eine tolle Idee halten und dass ich dann sagen soll, wie es läuft und dann wollen sie gerne mitmachen, mehr oder weniger. [lacht]

Susann El Kassar: Wenn wir kurz auf die Finanzen gucken, ab wann rentiert sich denn dieses Prinzip JF Club? Mit wieviel Abonnenten?

Julia Fischer: Mit wieviel Abonnenten… Ehrlich gesagt, ich habe das so genau nicht ausgerechnet, wahrscheinlich irgendwas vierstelliges.

Susann El Kassar: Und wie ambitioniert können die Projekte sein? Dieses Ysaÿe-Projekt, von dem Sie gerade gesprochen haben, das sind dann einerseits die Solo-Sonaten und dann Stücke für Violine und Klavier, das ist Kammermusik. Ich stelle mir vor, dass eine Eigenproduktion mit Orchester jetzt erstmal nicht geht?

Aufnahmen exklusiv im JF Club

Julia Fischer: Naja, das ist immer die Frage, wieviel Geld man bereit ist, zu investieren. Gehen tut es immer. Die Frage ist, ob man einen Sponsor findet, die Frage ist, ob man das in einer Koproduktion mit einem Orchester machen möchte, also da gibt es schon verschiedene Möglichkeiten, die ich auch planen möchte natürlich. Also ich werde mich nicht darauf beschränken, dass ich nur noch Solo-Geige und Geige und Klavier und vielleicht Quartett und Klaviertrio aufnehme, sondern natürlich möchte ich auch… Es gibt ein paar Violinkonzerte, die ich natürlich unbedingt noch aufnehmen möchte: Beethoven Violinkonzert habe ich nicht gemacht, Mendelssohn habe ich nicht gemacht und dann einige Sachen aus dem 20. Jahrhundert. Das Problem ist weniger die finanzielle Seite als die geistige Kapazität muss man sagen. Man muss sich ja erstmal damit befassen, wie das Ganze jetzt aufgezogen wurde und wie man das jetzt macht und wenn man dann so was plant, dass man mit einem Orchester ein Violinkonzert aufnehmen möchte, dann brauche ich dafür auch einfach Kapazitäten in meiner Gedankenwelt, dass ich mich damit dann befasse. Bis jetzt war ich so damit beschäftigt, dass das Ganze erstmal läuft und einigermaßen funktioniert, dass ich dafür keine Kapazitäten hatte.

Susann El Kassar: Und ist es tatsächlich so: Die Audio-Produkte sind exklusiv nur im JF Club zu hören?

Julia Fischer: Im Moment ist es so, dass die absolut exklusiv nur im JF Club zu hören sind. Ob ich das so lasse? Das Schöne ist ja, dass ich das selber frei entscheiden kann, möglicherweise sage ich in zwölf Monaten, dass die älteren Aufnahmen - also wenn ich was neues reinstelle - dass ich dann die älteren Aufnahmen auch noch auf allen anderen Internet-Plattformen zusätzlich anbiete, das kann ich natürlich tun. Dem verschließe ich mich jetzt auch nicht unbedingt, ich hab das nicht geplant, aber dem verschließe ich mich nicht. Aber im Moment ist es so, dass die Aufnahmen absolut exklusiv für den JF Club sind.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk