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StartseiteMusikjournalDiversität in der zeitgenössischen Musik03.05.2021

Online-SymposiumDiversität in der zeitgenössischen Musik

Zwei große Themen dominierten das Symposion „Spalten, Teilen“ am Europäischen Zentrum der Künste in Dresden-Hellerau: Zum einen wurde die mangelnde Diversität in der zeitgenössischen Musik zum anderen der Status der sogenannten freien Szene diskutiert.

Von Claus Fischer

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Hand einer Geigerin auf dem Hals einer Geige von hinten fotografiert (picture alliance / dpa / VisualEyze | Felbert+Eickenberg)
Auf dem Symposion wurde deutlich, dass die Corona-Pandemie oftmals keine neuen Probleme verursacht, sondern bereits vorhandene blank legt (picture alliance / dpa / VisualEyze | Felbert+Eickenberg)
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Die Musikszene, auch die der Avantgarde ist rückwärtsgewandt. Zumindest was das Thema Diversität betrifft. Die gegenwärtige kulturelle Vielfalt der deutschen Zivilgesellschaft  wird in ihr nicht hinreichend abgebildet. Das kam im Symposion "Spalten, Teilen" am Europäischen Zentrum der Künste in Dresden-Hellerau deutlich zur Sprache. So stellte der Berliner Schlagzeuger, Komponist und Musikproduzent Khetan Bhatti fest: "Dass der ganze Diskurs zu diesem Thema, nennen wir es mal ‚postmigrantisch‘, in der Theaterwelt, auch in der Literaturwelt, sogar im Tanz auf einem ganz anderen Diskurslevel eigentlich läuft und zwar schon seit Jahren, und die Musik extrem hinterherhinkt."

Entscheidend mit angestoßen wurde der von Khetan Bhatti erwähnte "postmigrantische Diskurs" vom Berliner Autor Max Czollek in seinem Buch mit dem Titel "Desintegriert Euch!". Darin plädiert er für Diversität im gesellschaftlichen Kontext. Die in Deutschland vorherrschende Ablehnung sogenannter Parallelgesellschaften hält er für unlogisch.

"Man kann durchaus sagen, dass solche Räume wie Chinatown in New York oder so absolut okay sind – für eine Gesellschaft, die mit Pluralität besser umgehen kann als die Deutsche. Na, in Deutschland ist sozusagen schon Berlin-Neukölln ein Ort begrenzter Staatlichkeit!"

"Trickster Orchestra" aus Berlin 

Ein beispielhaftes Projekt, das Diversität und Gegenwartsmusik zu verbinden sucht, ist das Berliner "Trickster Orchestra". In ihm wirken Musikerinnen und Musiker mit Instrumenten aus mehreren Kulturkreisen mit, von der persischen Ney-Flöte über die chinesische Laute Pipa bis zur Bratsche des europäischen Sinfonieorchesters. Geleitet wird das Orchester von der Sängerin, Komponistin und Dirigentin Cymin Samawatie und von Khetan Bhatti. Er bringt beide Anliegen auf den Punkt:

"Statt so einer Art gegenseitiges Ausleuchten geht es darum, eine gemeinsame Musiksprache auf Augenhöhe zu finden."

Kultur miteinander teilen statt sie einzuteilen in Kategorien - dieser Ansatz, den das "Trickster Orchestra" zu verwirklichen sucht, hat auch eine ästhetische Komponente, betonte die Hamburger Autorin und Rednerin Kübra Gümüsay.

"Was Kunst zeigt, ist, dass diese neuen Lebensformen schön sind! Dass sie unsere Wahrnehmung erweitern, dass sie unseren Horizont erweitern! Die Erkenntnisse daraus, aus diesen Arbeiten in der Kunst, kann man sehr gut übertragen auf die gesellschaftlichen Konflikte, über die wir in den vergangenen Monaten unnötig destruktiv diskutiert haben."

Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)Übersicht zum Thema Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)

Der Status der "Freien Szene" im Musikleben

Das Berliner "Trickster Orchestra" ist ein Projekt der sogenannten freien Szene. Deren Status in der Gesellschaft war neben der Frage der Diversität in der Neuen Musik das zweite große Thema des Symposions. Dabei wurde einmal mehr deutlich, dass die Corona-Pandemie oftmals keine neuen Probleme verursacht, sondern bereits vorhandene blank legt. Lena Krause vom Zusammenschluss freier Ensembles und Orchester FREO betonte selbstbewusst:

"Das selbständige Arbeiten im freien Klangkörper ist jetzt nicht die ‚zweite Wahl‘, weil es mit der Festanstellung im Kulturorchester nicht geklappt hat! Sondern das ist selbst gewählt von den Musiker*innen, sich in diese Strukturen zu begeben, weil sie eben dort ihre künstlerischen Visionen - nenne ich es jetzt mal - umsetzen können, sei es in der Alten Musik, der zeitgenössischen Musik, aber auch im Jazzbereich. Und dann – wenn wir dieses Verständnis mal verinnerlicht haben, können wir besser darüber sprechen, was sich förderpolitisch verändern muss oder sozialpolitisch oder auch steuerpolitisch."

Dieser Position von Lena Krause widersprach Henning Mohr vom Verein "Kulturpolitische Gesellschaft". Bei allem Enthusiasmus der Musikerinnen und Musiker, es gehe schließlich um Broterwerb.  

"Das Argument ‚Die machen´s ja sehr gerne und haben sich dafür entschieden‘ ist hier, glaube ich, ganz gefährliches Glatteis! Weil das ja sogar so weit geht, dass manche, wenn sie eine Veranstaltung organisieren, denken, wenn sie Musiker einstellen: ‚Die machen das, weil dann kriegen sie Werbung!‘ Und das darf natürlich nicht sein."

"Da wären Honoraruntergrenzen eine ganz klare Forderung", betonte die freischaffende Saxofonistin Ruth Velten: "Darüber muss ganz dezidiert gesprochen werden, damit man diese fairen Arbeitsbedingungen auch schafft!" 

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Folgen der Corona-Pandemie

Henning Mohr plädierte dafür, die vielfach prekäre Situation der Mitglieder freier Ensembles, die häufig auf Fördermittel von kommunaler Ebene angewiesen sind, zu verbessern. Hier dürften die Folgen der Pandemie in den nächsten Monaten für enorme Probleme sorgen.

"Man muss sich das mal vor Augen führen: In NRW liegt der Kommunalisierungsgrad der Kulturfinanzierung, also der Anteil am Gesamtetat in NRW, der von den Kommunen getragen wird, bei 78 Prozent! Das heißt, 78 Prozent der Gelder für die Kultur kommt aus den Kommunen. Wenn die kein Geld mehr haben, dann geht’s der freien Szene extrem schlecht!"

Ein Teil der Lösung des Problems könnte die Einführung eines Grundeinkommens für freiberufliche Künstlerinnen und Künstler sein. Diese Ansicht vertrat die Kulturbürgermeisterin der Stadt Dresden Annekathrin Klepsch, die der Partei Die Linke angehört:

"Dass man davon möglicherweise auch bescheiden lebt, das glaube ich, wird auch dann so sein. Aber ein Grundeinkommen würde eben ermöglichen, dass man dann als Freiberufler, als Künstler*in auch erstmal eine Existenzgrundlage hat, um seine Miete zu zahlen und dann zu sagen: ‚So! Und jetzt bin ich abgesichert und kann mich dann aber darum bemühen, Fördergelder bei Stiftungen, Stadt, Land, Bund usw. einzuwerben für meine Inhalte, die ich machen will!‘"

Mehr Nachhaltigkeit in der Förderung durch feste Strukturen 

Diese Art der Förderung einzelner Projekte, das wurde im Laufe der Debatte deutlich, sollte allerdings weit stärker auf Nachhaltigkeit, sprich die Schaffung fester Strukturen ausgerichtet sein, betonte Henning Mohr. Das sieht auch der neue Intendant des Bonner Beethovenfestes Steven Walter so.

"Ich finde auch, dass gerade Festivals eine Verpflichtung fast schon haben, auf eben diese Kräfte zu setzen und diese Mittel, die dort auch gebunden sind, in diese Strukturen zu investieren! Weil die freie Szene ist ja sowas wie die ‚ausgelagerte Forschungs- und Entwicklungsabteilung‘ des Musikbetriebs."

Steven Walter will womöglich auch ganz konkret vermeiden, dass eine Umverteilung öffentlicher Mittel von der etablierten zur freien Szene, zu der es durch die Finanznot der Kommunen kommen könnte, eine Erosion im Musikleben zur Folge haben könnten.  

Stabilere Verhältnisse für die Mitglieder freie Ensembles und eine stärkere Einbindung der Szene in den öffentlich finanzierten Musikbetrieb - so lassen sich die Forderungen des Podiums zusammenfassen. Und nur so kann es langfristig auch gelingen, dass mehr Diversität ins etablierte Musikleben kommt.

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