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StartseiteKultur heuteFlüchtlinge zeigen ihre Lebenswelten19.12.2016

Open Border FestivalFlüchtlinge zeigen ihre Lebenswelten

Menschen, die ihre Kinder verlassen müssen; Menschen, die von Polizisten erniedrigt werden; Menschen, die von ihrer Mutter verwünscht werden: Drei Szenen einer Lesung auf dem Open Border Festival in den Münchner Kammerspielen, bei dem sich geflüchtete Künstler treffen.

Von Tobias Krone

Die Münchner Kammerspiele in der Maximilianstraße. (imago/ecomedia/robert fishman)
Die Münchner Kammerspiele wollen mit dem Festival geflüchteten Künstlern die Gelegenheit geben, ihren Beruf weiter auszuüben. (imago/ecomedia/robert fishman)

Die Trauer ist noch frisch. Eine junge Frau blickt nach oben, auch die Kamera sucht lange diesen blauen Himmel ab. Nach Bombern vielleicht, vor allem aber nach den Seelen der Getöteten, nach der Unschuld des Lebens, die in den Häuserruinen nicht mehr existiert.

Der junge Regisseur Amer Almalla zeigt mit seinem Kurzfilm "Research" eine berührende Meditation über letzte verzweifelte Hoffnungen, die der syrischen Jugend mehr und mehr abhanden kommen. Es ist der Auftakt des Open Border Festivals, ein intensives Wochenende. Künstler, die im Münchner Exil ihr Leben und ihre Arbeit fortsetzen, legen schonungslos ihre seelische Verfassung offen. Künstler wie Ammar Alqaisi.

Um von seiner Bootsüberfahrt mit Handynavigation durch die Ägäis zu erzählen, steigt der irakische Theatermacher selbst in ein Boot, auf dem bayerischen Chiemsee - und erläutert vor idyllischem Alpenpanorama dem Filmer Martin Otter sein Equipment.

Ammar Alqaisi: "Normalerweise benutzen wir immer Iphones, aber für meine Flucht habe ich mir das Sony Experia besorgt, wegen dem Meerwasser."

Eine ziemlich skurrile Situation. Minutenlang sucht Alqaisi wichtige Fotos auf seinem Handy. Es sind ja mittlerweile ziemlich viele.

Ammar Alqaisi: "Es sind wahrscheinlich mehr als 7000 Fotos drauf – ich muss sie deshalb gerade suchen."

Die Banalität einer Flucht, auch die Künstler haben sie durchgestanden. Triumphierende Selfies nach der Landung in Griechenland. Nun soll das Leben weitergehen, auch die Kunst sucht nach einem Neustart. Doch auch am sicheren Zufluchtsort bekommt Ammar Alqaisi seine Fotospeicherkarte nicht aufgeräumt .

Im Boot auf dem Chiemsee offenbart der Künstler seine Sprachlosigkeit, der einstige Dissident zeigt sich machtlos. Ein beeindruckend-absurdes Bild, ein genialer filmischer Kniff.

Darsteller. "Sie werden dich einsperren, weil du keine Dokumente hast, und deshalb musst du dich entscheiden: Willst du in der Zelle bleiben oder hier bleiben? Dort hast du keine Wahl."

Szenen der Flucht

Sehr viel offensiver geht der syrische Theatermacher Ziad Adwan die Aufarbeitung an. Er lässt in einem Theaterworkshop 15 junge Geflüchtete, vor allem aus Afrika, Szenen ihrer Flucht nachspielen. Zum Beispiel diese hier. An der lybischen Küste warten die einen auf ihr Boot nach Europa, die anderen steigen gerade aus.

Sie sind auf dem Rückweg nach Nigeria - weil sie das Warten auf Asyl nicht mehr ausgehalten haben, weil sie den Rassismus der Europäer leid sind. Zwischen den Gruppen entspinnt sich ein improvisierter Dialog, bei den Flüchtenden entsteht Zweifel. Sollen sie die Reise im so genannten "Death Boat" antreten oder nicht? Hier hält Ziad Adwan die Szene an - und moderiert eine Diskussion mit dem Publikum.

Ziad Adwan: "Wenn wir hier nichts tun können, in dieser folgenlosen Spielsituation, können wir auch draußen nichts tun. Daher, mal ehrlich: Sollen sie nach Deutschland kommen?"

Das Festival findet hauptsächlich im neuen Münchner Kulturzentrum für Geflüchtete, dem Bellevue di Monaco statt. Dementsprechend ist vor allem das Helfer-Fachpublikum gekommen. Viel Willkommens-Kultur bei Linsensuppe und Bier, leider wenige Geflüchtete.

Grenzen überschreiten. Grenzen der Kulturen, Grenzen der Geschlechter. Die syrische Regisseurin Amal Khoury nutzt die neue Münchner Freiheit gleich mal, um ein großes Tabu-Thema auf die Kammerspiele-Bühne zu bringen. Transsexualität in der arabischen Welt.

Nour Alhusseini alias Omar: "I don’t wanna be a man, and I don’t wanna be a woman. All I wanna be is Naomi Campbell."

In ihrer szenischen Lesung She He Me performen drei Darsteller aus Syrien und Ägypten die Biografien dreier Transsexueller. Menschen, die ihre Kinder verlassen müssen, Menschen, die von Polizisten erniedrigt werden, Menschen, die von ihrer Mutter verwünscht werden.

Ein insgesamt gelungenes Festival - über dem allerdings eine Frage steht: Wie geht es weiter mit dem Open Border Ensemble an den Kammerspielen? Björn Bicker und Malte Jelden wollen sich aus der künstlerischen Leitung zurückziehen.

Sie strebten eine feste Installierung des Open Border Ensembles im Haus an, die Kammerspiele wollen dagegen weiterhin nur Projekte finanzieren. Wer das Open Border-Ensemble künftig leitet, ist also offen. Die finanzielle Förderung immerhin steht – bei dem künstlerischen Potenzial ein solides Investment.

 

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