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StartseiteKultur heuteJackie und John im Weißen Haus25.03.2019

Oper „JFK“ in AugsburgJackie und John im Weißen Haus

Seine Ermordung machte ihn zum Mythos. Er war jung, gutaussehend, gebildet, hatte eine stilvolle Frau und viele Affären. Am 22.11.1963 wurde er im offenen Wagen erschossen. David Little hat eine Oper über die letzten Stunden vor dem Tod John F.Kennedys komponiert.

Von Franziska Stürz

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Die Oper "JFK" von David T. Little am Staatstheater Augsburg: Kate Allen, Alejandro Marco-Buhrmester, Opernchor des Staatstheater Augsburg, Premiere 24.3.2019 (Staatstheater Augsburg / Jan-Pieter Fuhr)
Die Oper "JFK" von David T. Little am Staatstheater Augsburg: Kate Allen, Alejandro Marco-Buhrmester, Opernchor des Staatstheater Augsburg, Premiere 24.3.2019 (Staatstheater Augsburg / Jan-Pieter Fuhr)
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Die offene Limousine, die im Konvoi um die von Menschen gesäumte Straßenkurve biegt, Jaqueline Kennedy im rosa Chanelkostüm, der plötzlich zusammensackende Präsident John F. Kennedy, das Entsetzen und die verzweifelten Reaktionen seiner Ehefrau – wer kennt sie nicht, die unscharfen Fernsehbilder vom 22. November 1963, als JFK in Dallas erschossen wurde? Diese Szene eröffnet zum vom Chor gesungenen Prolog über die Unabwendbarkeit des Schicksals die Opernpremiere im Augsburger martini-Park.

Ein Leben wie im Film

Das filmische Element spielt eine wesentliche Rolle in dieser europäischen Erstaufführung. Die dritte Inszenierung von David T. Littles Oper JFK überhaupt, wird hier von Regisseur Roman Hovenbitzer in ein Filmset verlegt. Natalia Orendain de Castillo hat ihm dazu ein aus mobilen weißen Wandfragmenten wunderbar wandelbares Bühnenbild gebaut, auf das Videocollagen mit Aufnahmen des Präsidentenpaares Jackie und John projiziert werden. Schnell wandelt sich der Schauplatz, die weiße Limousine wird zur Hotelbadewanne, zum Bett, zum Grabstein, denn Littles Oper besteht nicht aus Akten, sondern aus insgesamt 31 Momenten, die sich als Erinnerungscollage des rückblickenden Präsidentenpaares zu einem schillernden Kaleidoskop entfalten. Da mischen sich Jackies Albträume und Johns Morphin-Delirien. Es tauchen Familienmitglieder des Kennedy-Clans auf, Marylin Monroe, Nikita Chruschtschow und Johns Widersacher Lyndon B. Johnson umringt von Cowboys in Glitzerhosen.

Großes akustisches Kino

Auch musikalisch liegen hier meist mehrere Erlebnis-Schichten übereinander, die Augsburger Philharmoniker sitzen in großer Besetzung im weit offenen Graben der Interimsspielstätte martini-Park und fluten die niedrige Halle mit mächtig sich aufbäumenden Bläsern und Schlagwerk-Kaskaden. Dirigent Lancelot Fuhry hält die auch hinter seinem Rücken auftretenden Solisten und den Augsburger Chor samt Augsburger Domsingknaben perfekt zusammen, doch der Raum wirkt etwas überfordert mit diesem Mega-Sound.

Großes Kino ist hier auch akustisch geboten, und nur eine stimmgewaltige Sängerin wie die Mezzosopranistin Kate Allen kann sich in der Riesenpartie der Jackie dagegen behaupten. Die Innenschau, die verwundete Seele dieser Frau, die in Royce Vavreks Libretto eigentlich gezeichnet wird, kommt dadurch jedoch nicht über die Rampe. Littles Musik bleibt häufig an der scheinbar meterdicken, glitzernden Oberfläche, auch wenn hoch emotionale Themen wie die Sehnsucht nach Liebe, der Verlust von zwei Kindern, der Kampf gegen Johns Rückenschmerzen in dieser Oper thematisiert werden.

Gelungen ist das Porträt von Johns kleiner Schwester Rosie durch die Koloratursopranistin Olena Sloia, die an Alejandro Marco-Buhrmester als ebenfalls brilliant singendem John herumzieht und ihn zum Tanzen animieren möchte, bis sie durch die von der Familie erzwungene Gerhirn OP zum Pflegefall wird. Im großen Liebesduett zwischen Jackie und John und in den langen Traumszenen der Jackie setzt Little auf Musical-Pathos. Den leisen Tönen vertraut er leider viel zu wenig.  

Unhinterfragte Heroisierung

Wenn man aus heutiger Sicht die Karriere des John F. Kennedy, seine Ehe, seine politische Rolle nüchtern betrachtet, hat die glänzende Fassade des inszenierten Mythos ein paar große Risse. In die hätte man in einer zeitgenössischen Oper gerne tiefer geblickt. Interessant wäre gewesen, die Figur der Jackie nicht nur als treue Ehefrau und liebende Mutter zu erleben. Doch Littles JFK folgt den bekannten Schablonen, heroisiert statt zu hinterfragen, bestätigt ein Bild des Präsidentenpaares, das über viele Jahre aufgebaut wurde und damit auch ein reaktionäres Amerika-Bild, das sich heutzutage wieder zu manifestieren scheint. Auch Hovenbitzers Augsburger Retro-Filmversion von JFK kann dieser Oper keine aktuelle Relevanz verleihen.

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