Mittwoch, 21.11.2018
 
Seit 15:35 Uhr @mediasres

Operation "Schwarze Tulpen"

Jan Sintemaartensdijk, Yfke Nijland: "Operatie Black Tulip - Die Ausweisung von deutschen Bürgern nach dem Krieg"

Während über das Schicksal der Ost-Flüchtlinge im Zweiten Weltkrieges vieles bekannt und dokumentiert ist, so blieb die Geschichte der deutschen Flüchtlinge aus dem Westen lange unbeachtet. Obwohl es mehrere tausend Deutsche waren, die nach Kriegsende aus den Niederlanden vertrieben wurden. Die Operation hatte den Code-Namen "Black Tulip"- Schwarze Tulpe.

Von Annette Birschel

Millionen Menschen wurden im Zweiten Weltkrieg vertrieben: Hier warten Flüchtlinge am Anhalter Bahnhof in Berlin auf einen Zug. (AP Archiv/Henry Burroughs)
Millionen Menschen wurden im Zweiten Weltkrieg vertrieben: Hier warten Flüchtlinge am Anhalter Bahnhof in Berlin auf einen Zug. (AP Archiv/Henry Burroughs)
  • E-Mail
  • Teilen
  • Tweet
  • Drucken
  • Podcast

Cor und Joep Hoppstein wurden 1947 von der Polizei abgeholt. Ein wenig Handgepäck durften sie mitnehmen, sonst nichts. Die Familie Hoppstein wurde in einem Lager interniert und dann nach Deutschland deportiert. Ihr Verbrechen: Großvater war Deutscher. Die Hoppsteins waren Opfer der Operation "Black Tulip", der größten Vertreibung in der Geschichte der Niederlande von 1946 bis 1949. Insgesamt rund 25.000 sollten nach Deutschland deportiert werden. Das war der Plan der damaligen Regierung. Es ging ihr dabei nicht um Nazis oder Kollaborateure, sondern um ganz normale Bürger deutscher Abstammung, die zum Teil schon seit Generationen in den Niederlanden lebten. Auch ihre niederländischen Ehefrauen und Kinder mussten das Land verlassen. Eine vergessenes Kapitel der niederländischen Geschichte, die die Autoren Yfke Nijlands und Jan Sintemaartensdijk nun veröffentlichten in dem Buch "Operatie Black Tulip". Ein schwarzes Kapitel der Geschichte, sagt der renommierte Fernsehjournalist, Ad van Liempt, Autor zahlreicher historischer Sendungen:

"Wir nennen uns selber tolerant und vernünftig. Es ist kaum zu glauben, dass das möglich war, dass wir ein Jahr nach dem Krieg selber Tausende Leute in ein Lager setzen und dann deportieren würden - aber das ist alles geschehen."

Die Autoren durchforsteten Archive und trugen eine Fülle von Dokumenten zusammen. Regierungsprotokolle, Anweisungen der Polizeichefs, Zeitungsartikel. Im Mittelpunkt aber stehen die Betroffenen selbst, sagt Yfke Nijland, die für das Fernsehprogramm Andere Zeiten arbeitet:

"Wir nutzen den Stil, den wir auch beim Fernsehen benutzen, wir erzählen die Geschichte mit Augenzeugen. Die Geschichte wird besser, wenn man sie mit Menschen erzählt."

Und das ist die Stärke des Buches. Die Autoren schildern das Schicksal einzelner Familien, wie das der Hoppsteins. Auf welche Weise waren sie in die Niederlande gekommen, wie hatten sie den Krieg überlebt und wie verkrafteten sie die Deportation? Das alles erzählen die Hoppsteins und andere Betroffene selbst, in Interviews oder Briefen und Tagebuchaufzeichnungen. So entsteht das Bild einer beklemmenden Zeit im Stil einer aktuellen Reportage. Die Autoren hüten sich vor moralischen Urteilen. Man muss die damalige Zeit nicht mit den Augen von heute betrachten, sagt Jan Sintemaartensdijk:

"Ich glaube, dass man schon damals gefühlt hat, das ist eine schwarze Seite in der Geschichte. Dann hatte sich das aufgebaut, ich dürfte fast sagen, Widerstand dagegen, dass nur 3.500 ausgewiesen wurden, nur."

Doch in der Betonung des niederländischen Widerstandes liegt auch die Schwäche des Buches. Die Rolle der Proteste vor allem von Seiten der katholischen Kirche wird überbewertet. Denn es war doch die veränderte weltpolitische Lage, die schließlich 1949 zum Ende der Deportationen führte. Der Kalte Krieg erzwang die Einbindung Westdeutschlands in das westliche Bündnis. Ein nationaler Racheplan gegen die ehemaligen deutschen Besatzer passte nicht in das politische Konzept. Doch es ist ein großes Verdienst des Buches, dass die Vertreibung der Deutschen kein Tabu mehr ist. Mit seinem leicht zugänglichen Reportagestil hat es ein breites Publikum erreicht. Nicht nur die Feuilletons der überregionalen Zeitungen berichteten, sondern auch das Frühstücksfernsehen und die große Boulevardzeitung "De Telegraaf". Sie schreiben nun fast selbstverständlich, dass damals auch Deutsche Opfer waren und dass auch Niederländer sich schuldig machten. Das zeigt, dass die Niederländer bereit sind, sich mit ihrer Geschichte selbstkritischer auseinanderzusetzen, sagt der Fernsehjournalist Ad van Liempt:

"Es gibt verschiedene Bücher und Filme. In den letzten 20 Jahren wurde es uns bewusst, dass wir kein Volk von Helden waren, das sind wir nicht. Das ist für viele Leute ein Schock, aber man muss das an die Öffentlichkeit bringen, das ist die einzige Art, um damit fertig zu werden."

Jan Sintemaartensdijk, Yfke Nijland: "Operatie Black Tulip - Die Ausweisung von deutschen Bürgern nach dem Krieg" ("De uitzetting van Duitse burgers na de oorlog"). Boom Verlag, 176 Seiten, circa 20 Euro (ISBN 978-908506808-2).

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk