Samstag, 17.11.2018
 
StartseiteKalenderblattOpern aus Bergamo 14.06.2013

Opern aus Bergamo

Vor 250 Jahren wurde der Komponist Giovanni Simone Mayr geboren

Vom kleinen Städtchen Bergamo aus belieferte er drei Jahrzehnte lang sämtliche große Bühnen Europas: Der am 14. Juni 1763 bei Ingolstadt geborene Komponist und Kapellmeister Giovanni Simone Mayr war mit seinen Opern äußerst erfolgreich - bevor Mozarts Werke ihn verdrängten.

Von Frieder Reininghaus

Mayrs Oper "Medea in Corinto" war besonders erfolgreich. (Stock.XCHNG / John Jarvis)
Mayrs Oper "Medea in Corinto" war besonders erfolgreich. (Stock.XCHNG / John Jarvis)

"In der Operngeschichte klafft eine Lücke von fast 25 Jahren zwischen der 'Zauberflöte' und den ersten Arbeiten Rossinis."

Obwohl diese Behauptung hartnäckig durch die Medien geistert, ist sie falsch. In die historisch turbulente Zeit zwischen 1791 und 1813 fallen nicht nur Cimarosas "Heimliche Ehe" und Beethovens "Fidelio", sondern auch so gut wie das gesamte Opernwerk von Giovanni Simone Mayr. Es sind wenigstens 62 Arbeiten – die besten unter ihnen bilden eine Frühform der Grand Opéra.

"Mayrs bedeutendstes Vermächtnis mag aus seiner Fähigkeit resultieren, große zusammenhängende musikdramatische Formen zu entwickeln."

Resümierte der britische Musikforscher Albert Rodewald.

"So überbrückte er verschiedene Szenen und fügte das begleitete Rezitativ, Chorpartien und Einwürfe der Solisten sowie längere lyrische Passagen in verschiedenen Tempi zusammen."

Die Zeitgenossen wussten, was sie an ihm hatten: Erfolgreich in hohem Maß war zum Beispiel die für Neapel komponierte, dann umgehend nach Paris und London exportierte "Medea in Corinto". Dieses "melodramma dramatico" war unlängst sowohl in St. Gallen wie an der Münchener Staatsoper wieder zu besichtigen.

Insbesondere schlug einst auch Mayrs Adaption von Goethes "Werther" ein, heitere Ware wie die Buffa "Amor non soffre opposizione" oder die hochdramatische "Fedra", die an der Scala in Mailand für Furore sorgte.

Nach 1815 allerdings, schrieb Anja Morgenstern in einer der wenigen Biografien, die zu Giovanni Simone Mayr verfasst wurden,

nimmt die Zahl der Kompositionen pro Jahr ab; komische Opern spielen eine untergeordnete Rolle. Nach der Komposition von Demetrio zog er sich vom Opernbetrieb zu-rück.

Ein wesentlicher Grund für die Abstinenz Mayrs vom Musiktheater nach 1824 war, dass der in Bergamo sesshaft gewordene Kapellmeister und Komponist fast vollständig erblindete. Von der kleinen, allerdings im Opern-Europa zentral gelegenen Stadt aus hatte er drei Jahrzehnte lang sämtliche große Bühnen beliefert und international eine führende Stellung errungen.

Geboren wurde er am 14. Juni 1763 bei Ingolstadt als Johann Simon Mayr. Er wuchs in einem Dorflehrerhaushalt auf, wurde als Schüler und Student von den Jesuiten gefördert. Die Grundlagen der Spieltechnik fast aller Streich-, Blas- und Tasteninstrumente erwarb er sich selbst. Der Schweizer Freiherr Thomas von Bassus, in dessen Palais - einem Illuminatentreffpunkt - Mayr aufspielte, nahm ihn mit nach Italien.

In Venedig und Bergamo wurde die Ausbildung professionalisiert. Und in der Bergstadt im Süden der Alpen blieb er als Musikdirektor die nächsten fünf Jahrzehnte - zunächst aus ganz privaten Gründen. Alle Angebote, in eine Metropole zu wechseln, schlug er aus - selbst zwei Einladungen Napoléons, Generalmusikdirektor in Paris zu werden. Das Abseits erwies sich als sicherer Ort für seine Produktivität, aus der auch rund 600 Kirchenmusikwerke resultierten.

Die Rührung, von der viele seiner Werke getragen wurden, kam dem Publikum allerdings in der Ära der Industrialisierung und Beschleunigung des Lebens abhanden – und Mayrs Schüler Gaetano Donizetti, vor allem Rossini, Meyerbeer und der junge Verdi trugen kräftiger und heftiger auf.

Wurden Mayrs Opern zu Beginn des 19. Jahrhunderts weit häufiger gespielt als die Mozarts, so begannen diese nun neben dem jeweils Neuen aufzuholen und verdrängten den Bergameser. Gegenwärtig aber zeichnet sich eine Kurskorrektur ab: Zumindest einige von Mayrs Werken bleiben nicht mehr nur den Kennern vorbehalten.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk