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StartseiteMusikjournalFinnischer Barbier 08.07.2019

Opernfestspiele Savonlinna Finnischer Barbier

Die finnischen Savonlinna-Opernfestspiele zeigen erstmals Gioachino Rossinis "Der Barbier von Sevilla". Vor der Premiere herrschte Hochbetrieb in der Schneiderei und die Sänger sahen sich in der mittelalterlichen Wasserburg zwei kniffligen Aufgängen zur Bühne konfrontiert.

Von Hildburg Heider

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Szene aus "Der Barbier von Sevilla" bei den Operfestspielen Savonlinna (picture alliance/dpa - Petri Saarelainen)
Laura Verrecchia als Rosina bei den Operfestspielen Savonlinna (picture alliance/dpa - Petri Saarelainen)
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Hochbetrieb in der alten Kartonfabrik, heute Schneiderei und Fundus der Festspiele. Bügeleisen zischen, Nähmaschinen rattern. Die Kostüme für die Rossini-Premiere warten hier auf ihren Einsatz, auch für die beiden anderen Eigenproduktionen: Verdis "Rigoletto" und Mozarts "Entführung aus dem Serail". Ein Stoff - und Farbenrausch. In der Teeküche treffe ich Teemu Muurimäki. Nach langer Erfahrung als Modedesigner arbeitet er zum ersten Mal als Kostümbildner für eine Operninszenierung.

"Da sind nicht nur physische Grenzen zu beachten - Sänger brauchen ja genug Raum zum Atmen - sondern auch das gefällige Äußere. Die Darsteller sollen sich in ihrem Kostüm stolz und frei auf der Bühne bewegen können."

Muurimäki verbindet farbenfrohe und verspielte Stilelemente aus verschiedenen Epochen und Kulturen zu einer eigenen, zeitlosen Bühnenwelt, quasi für eine Soap Opera. Vor uns liegt sein Skizzenbuch.

"Der verrückte Figaro trägt schrillbunte Gewänder wie eine Art Rockstar aus den 60ern."

Finnischer Blick auf Rossinis Oper

Von der Schneiderei geht es zur Wasserburg Olavinlinna. Im inneren Burghof unter dem raffinierten Zeltdach hat der Bühnenbildner Antti Mattila Rosinas Boudoir platziert. Grelles Pink vor der rauen Steinmauer. Ist das die finnische Sicht auf Rossini?

"Ich habe genau das Gegenteil angestrebt. Nichts soll an die Burg erinnern, nichts an Savonlinna, an die finnische Natur oder Mentalität."

Die bekannteste Sehenswürdigkeit Savonlinnas: die Burg Olavinlinna. Hier finden die Opernfestspiele statt. (picture alliance / dpa / Lehtikuva Jussi Nukar)Die bekannteste Sehenswürdigkeit Savonlinnas: die Burg Olavinlinna. Hier finden die Opernfestspiele statt. (picture alliance / dpa / Lehtikuva Jussi Nukar)

Die spezielle finnische Sicht auf die Musikkomödie Rossinis hat der Regisseur Kari Heiskanen in einem Gag eingebaut: Während der Gewittermusik läuft ein melodramatischer Stummfilm, den Heiskanen rund um die Burg von Savonlinna gedreht hat. Für Heiskanen scheint Maximalismus die Maxime zu sein: eine virtuose, natürlich farbreiche Lichtregie, eine Choreografie, die den Sängern sportliche Leistung abverlangt, und auch im Fall von Rosinas Badeszene - Mut zur Nacktheit.

"Ich vertraue auf meine Intuition. Manch ein Einfall kommt über Nacht. Es bringt nichts, den finnischen Zeitgeist oder den Charakter der Burg zu analysieren. Es kommt aus den Wänden der Burg. Daher hoffe ich, eine eigene Stimmung und eine eigene Welt erschaffen zu können. Auf Finnisch nennen wir das hömppä - unbeschwert. Das schließt Kitsch und Quatsch mit ein. Also eine Art verrückte Atmosphäre."

Ein Aufgang zur Bühne bei den Opernfestspielen Savonlinna  (Deutschlandradio/Hildburg Heider )Ein Aufgang zur Bühne (Deutschlandradio/Hildburg Heider )

Einige Tage später dann die Orchesterhauptprobe. Direkt hinter dem Orchestergraben ragt die Burgmauer empor. Draußen sind Zelte für die Chorgarderoben aufgestellt. Zwei knifflige Aufgänge zur Bühne: zur Linken eine 50-stufige steile Metalltreppe, rechts dann eine Schießscharte, durch die sich die Sänger zwängen müssen, wenn sie ihren Auftritt in der oberen Burgwand haben. In der Solistengarderobe verwandelt sich Aleksej Tatarincev in den feschen Grafen Almaviva. Für den russischen Tenor steht der erste Auftritt in der Burg Olavinlinna bevor.

Tatarincev: "Proben am Morgen sind für Sänger natürlich sehr schwierig, da muss man früher schlafen gehen und sich besonders einsingen."

Silvasti: "Natürlich es ist sehr wichtig für Savonlinna immer gewesen, dass wir Junge aus Finnland unterstützen. Jetzt habe ich natürlich dieses Glück gehabt in verschiedenen Gesangwettbewerben in Europa dabei sein zu dürfen."

Scheidender Operndirektor Silvasti

Für die Produktion "Der Babier von Sevilla" hat der künstlerische Leiter Jorma Silvasti neben finnischen Sängern auch zwei Italiener engagiert: den Bass Raffaele Raffio und die Mezzosopranistin Laura Verrecchia. Seine letzte Spielzeit krönt der scheidende Operndirektor mit einem Gastspiel der Mailänder Scala, die Verdis Frühwerk "Die Räuber" nach Finnland exportiert - es ist das erste Mal, dass Italiens berühmtes Opernhaus in Skandinavien gastiert. Dazu Silvasti:

"Wir denken ja auch, wir sind schon renommiert, wir sollen mit ebenbürtigen Häusern zusammen arbeiten."

45 Jahre Praxis als Theatermann liegen hinter Silvasti. Nach einer internationalen Gesangskarriere und sechs Jahren Tätigkeit als Operndirektor will sich der nunmehr 60-jährige Tenor aus dem aktiven Theaterleben zurückziehen.

"Ich fürchte, ich werde nicht mehr so begeistert über Oper sein. Ich würde fast sagen, dass diese Spielzeit mit 'Barbier von Sevilla', mit 'Entführung aus dem Serail', mit 'Die Fledermaus', in diesen Stücken ist vielleicht auch ein wenig von mir also von meinem Charakter: lächelnd, lustig, hoffentlich, alle denken so, aber ich nehme es leicht."

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