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StartseiteInformationen am MorgenVerbannt, enttäuscht, vergessen01.11.2017

Opfer des albanischen KommunismusVerbannt, enttäuscht, vergessen

Zwischen 1944 und 1990 verbreitete das kommunistische Regime unter Diktator Enver Hoxha in Albanien Angst und Schrecken. Rund 10.000 Regierungsgegner kamen um, jeder dritte Albaner wurde interniert. 27 Jahre nach dem Ende der Diktatur sind viele Opfer von damals enttäuscht und fühlen sich vergessen.

Von Sabine Adler

Gezim Peshkepia saß als politischer Gefangener acht Jahre in Haft (Deutschlandradio - Sabine Adler)
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Sofokli Kuqeci steht auf der Dorfstraße in Sabre, mit der Hand zieht er eine Linie, hier sei die Grenze gewesen. Mitten in Sabre, das einer von einem Dutzend Verbannungsorten rund um die albanische Stadt Luschnja ist. Jeder dritte Albaner wurde während der kommunistischen Diktatur unter Enver Hoxha verfolgt, Zehntausende waren eingesperrt, keine Autostunde von der Hauptstadt Tirana entfernt. Von der Kreuzung gehen vier Wege ab, alle gesäumt von Bretterzäunen, dahinter ärmliche Häuser.

"Hier lebten wir, die verurteilten Familien, und dort jenseits der Straße die, die frei waren. Die erwachsenen Gefangenen hatten sich morgens und abends bei der Polizei zu melden. Wenn hoher Besuch in der Gegend erwartet wurde, mussten sie sich auch mittags bei der Polizei zeigen."

Im Alter von sechs Jahren in die Verbannung

Rund 10.000 Regimegegner wurden getötet, ihre Familien, Frauen und Kinder jahrzehntelang eingesperrt. Sofokli Kuqeci war sechs Jahre alt, als er in die Verbannung kam, sie dauerte 30 Jahre.

"Ich fühlte mich schrecklich als Teenager"

Das Transparent zeigt den ehemaligen albanischen Diktator Enver Hoxha, an dessen Grab. (AFP / Gent Shukullaku)Das Transparent zeigt den ehemaligen albanischen Diktator Enver Hoxha, an dessen Grab. (AFP / Gent Shukullaku)

Der über 60-Jährige öffnet vorsichtig ein Tor im Bretterzaun. Wir waten durch hüfthoch stehendes Unkraut im Garten auf eine Ruine zu. Zwei Räume zu ebener Erde, ohne Küche und ohne Bad waren Heim für neun Personen.

"Ich fühlte mich schrecklich als Teenager. In meinen besten Jahren konnte ich nicht meinen Interessen nachgehen, keine Freundin haben. Wenn es Veranstaltungen im Ort gab, hieß es: aber nicht für die politischen Gefangenen."

"Sie waren wie Sklaven"

In dem kleinen Balkanland entfaltete sich ab 1944 unter dem Führer Enver Hoxha eine Diktatur, die für ein Drittel der Bevölkerung ein Leben hinter Stacheldraht und in Zwangsarbeit bedeutete. Nebil Cika, der einen von mehreren Verbänden für die ehemaligen politischen Häftlinge führt, erklärt das Ausmaß der Ausbeutung dieser Gefangenen.

"Das war unbezahlte Arbeit, sie waren Sklaven. Albanien zehrt noch heute von den Bauten, die die politischen Gefangenen errichtet haben. Unseren einzigen zivilen Flughafen zum Beispiel. Den Militärflughafen von Kuçova. Die Kupferminen in Spaç. Die Sumpfgebiete von Maliq bei Korça und Myzeqeja, die die Gefangenen mit den bloßen Händen trockenlegen mussten, sind Massengräber, mit hunderten Toten.   

46 Jahre in Gefangenschaft

Viele Wohnböcke in Tirana und anderen Städten haben Gefangene gebaut. Es wird bis heute über Kompensation gestritten. Ich sage dann nur: Gebt uns zurück, was wir gebaut haben, eine andere Kompensation brauchen wir nicht."

Die Gefangenen in den Lagern wurden stundenlang mit kommunistischer Propaganda beschallt, mit endlosen Ansprachen von Hoxha, mussten anhören, wie die Claqueure dem Diktator zujubelten. Für die gebildeten oppositionellen Häftlinge eine Folter.

Ein Weg in der Mitte des Bildes, links und rechts Zäune, kaputte Blechhütten (Deutschlandradio / Sabine Adler)Verbannungssiedlung Sabre bei Luschnja (Deutschlandradio / Sabine Adler)

Simon Mirakaj erlebte das in unzähligen Lagern. Er kam als Säugling, im Alter von zwei Wochen, in die Verbannung, die ersten 46 Jahre seines Lebens verbrachte er keinen einzigen Tag in Freiheit.

Ohne die Dorfbewohner, die den Gefangenen nachts Lebensmittel brachten, wäre die Familie von Simon Mirakaj auf jeder ihrer zahlreichen Haftstationen gestorben. In Berat, eine Stadt, die heute Weltkulturerbe ist, in Tepelena und in den Lagern bei Luschnja.

Vor allem aber hielt die Solidarität untereinander die meisten am Leben.

 "Im Lager Sabre hatten wir viele Mitgefangene, Intellektuelle, die vor dem Krieg im Ausland studiert hatten. Sie vermittelten uns die Liebe zur Musik und Literatur. Das italienische Musikfestival in Sanremo war für uns der Höhepunkt. Wir lauschten heimlich im Radio, welche Teilnehmer dort sangen. Wir hörten auch die Nachrichten auf Italienisch und wussten deshalb, was in der Welt vor sich ging. Einer musste immer draußen Wache halten."

"Wir waren in keinem Moment, keiner Minute in Freiheit"

"Wir waren in keinem Moment, keiner Minute in Freiheit. Wir standen unter lückenloser Kontrolle der Polizei. Die älteren hochgebildeten Mitgefangenen um uns herum haben uns solche Kraft gegeben! Und wahrscheinlich haben wir mit unserer Jugend ihnen wiederum geholfen durchzuhalten."

1990, nach dem Sturz des kommunistischen Regimes, öffneten sich für ihn erstmals die Tore. in die Freiheit: Seit seiner Inhaftierung als Säugling waren 46 Jahre vergangen.

"Für die 44 Jahre Lagerhaft bekam ich 20 Millionen Lek."

Eine Entschädigung von rund 17.000 Euro. Er holte ein Jurastudium nach, gründete eine Familie. Seinem heute 21-jährigen Sohn hat Simon Mirkaj nichts über sein Leben in den Lagern erzählt, denn der Junge sei befreundet mit Kindern von Tätern, er wolle ihn nicht verwirren.

Sofokli Kuqeci, der zwar nicht 46, aber immerhin 30 Jahre in der Verbannung verbrachte, zieht ein Fazit seiner bisherigen Jahre in Freiheit:

"Enttäuschung, nichts als Enttäuschung, weil der Staat in den vergangenen 27 Jahren nichts getan hat, um dieses Kapitel unserer Geschichte zu beleuchten. Anfang der 1990er-Jahre gab es noch einige von uns im Parlament, aber jetzt ist von uns nicht mehr die Rede."

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