Donnerstag, 27.06.2019
 
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Opfergedenken in Europa

Francois, Konczal, Traba, Troebst (Hrsg.): "Geschichtspolitik in Europa seit 1989: Deutschland, Frankreich und Polen im internationalen Vergleich"

Die Vergangenheit einer Nation oder einer Gesellschaft ist nie einfach nur da. Sie hat auch große politische Bedeutung in der Gegenwart. Geschichte und Geschichtspolitik werden in Europa immer wichtiger, so die Grundthese eines Sammelbandes zum Thema.

Von Cornelius Wüllenkemper

SS-Truppen deportieren Bewohner des Warschauer Ghettos - das Erinnern an den Holocaust ist gemeinsamer Nenner in Europa. (AP-Archiv)
SS-Truppen deportieren Bewohner des Warschauer Ghettos - das Erinnern an den Holocaust ist gemeinsamer Nenner in Europa. (AP-Archiv)
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"Sie haben sich für diesen Besuch entschlossen, was Sie ehrt. Und uns zugleich verpflichtet, nachdem wir die Vergangenheit akzeptiert haben, mutig die Zukunft vorzubereiten. Frankreich und Deutschland haben eine besondere Verantwortung in Europa. Unsere Länder sind in der Lage, Schrecken und Krieg zu überwinden, in Frieden zu leben und ein Ideal zu verwirklichen, nämlich Europa."

François Hollande Anfang September bei einem Besuch in Oradour-Sur-Glane. An seiner Seite: Bundespräsident Joachim Gauck. Er ist der erste deutsche Politiker, der gemeinsam mit einem französischen Präsidenten das Dorf im Zentralmassiv besucht. 1944 hatte die deutsche Waffen-SS fast die gesamte Bevölkerung des Dorfes ermordet. Der Besuch des Bundespräsidenten an diesem Ort des Schreckens, die gemeinsame Geste der Versöhnung – das war auch ein Akt der Geschichtspolitik. Welche Funktion solch gemeinsames Erinnern hat, welche Rolle Mahnmale oder Gedenkfeiern spielen, wie mit der politischen Vergangenheit, mit der Täter- und der Opferrolle in verschiedenen europäischen Ländern umgegangen wird – all das ist Thema des vorliegenden Sammelbandes.

Etienne François, emeritierter Geschichtsprofessor an der Pariser Sorbonne und der Freien Universität Berlin, hat ihn gemeinsam mit Historikern aus Deutschland und Polen herausgegeben. Es kann in Europa keine einheitliche Erinnerung geben, so der Tenor des Buches. Und doch werde die Deutung der Vergangenheit immer wichtiger für die Schaffung einer europäischen Identität. Diese Entwicklung sei gerade seit 1989 zu beobachten. Etienne François betont:

"erstens, dass die Debatten über den Umgang mit der Vergangenheit als ein Politikum in ihrer Intensität zugenommen haben. Und das Zweite, dass diese Debatten, auch wenn sie überwiegend in einem nationalen Rahmen stattfinden, immer weniger rein national sind, und immer eine europäische und transnationale Dimension haben."

Als 1989 der eiserne Vorhang fiel und die osteuropäischen Länder ihre nationale Souveränität zurückerhielten, da entbrannten in vielen dieser Staaten auch erbitterte Deutungskämpfe um die eigene Geschichte, die zum Teil bis heute geführt werden.

Aber nicht nur die lange unterdrückten nationalen Identitäten und Erinnerungen sind umstritten. Zur Debatte steht auch eine Hierarchie des Leids: Da sind die Opfer von Nationalsozialismus und Holocaust auf der einen Seite und die Opfer des Stalinismus auf der anderen Seite. Am 60. Jahrestag des Kriegsendes im Jahr 2005 stritt darüber sogar das Europäische Parlament. Über die Konkurrenz der Opfer schreibt der polnische Historiker Wlodzimierz Borodziej:

"Nie zuvor nahmen Menschengruppen, die Unrecht erlitten haben, eine derart wichtige Stellung in der europäischen Gesellschaft ein, wie zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Zum Zuge kommen keineswegs vorrangig jene, die von Historikern als Leidtragende identifiziert worden sind, sondern mitunter jene, die aus innen- oder außenpolitischen Gründen der Konjunktur oder der medialen Wirksamkeit in den Mittelpunkt rücken."

Der Potsdamer Historiker Martin Sabrow spricht gar von den "postheroischen Gesellschaften" Europas, die sich nicht über ihre Helden identifizieren, sondern über die Opfer ihrer Geschichte. Der Opferdiskurs, so ist im Aufsatz des belgischen Historikers Pieter Lagrou zu lesen, sei das Phantom von Gesellschaften,

"die von der Vergangenheit besessen sind und in Nostalgie versinken und denen es an Projekten und Utopien fehlt. Wir sollten uns ehrlich fragen: Geht es beim europäischen Projekt heute nur noch darum, die Vergangenheit zu konservieren und Identitäten zu erfinden. Oder handelt es sich nicht doch um eines der spannendsten und zukunftsweisendsten Projekte des 21. Jahrhunderts?"

Europa, das wird bei der Lektüre des Sammelbandes klar, besteht aus einzelnen, in sich extrem vielschichtigen, nationalen Identitäten. In Frankreich scheiterte der Versuch, die Erinnerung an die Kolonialgeschichte per Gesetz zu dekretieren, am heftigen Protest aus Historikerkreisen und Gesellschaft. Die polnische Gesellschaft streitet bis heute über die aktive oder passive Haltung des Landes während der Judenverfolgung im Zweiten Weltkrieg. Auch Portugal, die Ukraine oder die Tschechische Republik werden in ihrer jeweiligen Besonderheit abgebildet. Deutschland erscheint in einer widersprüchlichen Rolle: Einerseits als Land der Täter und Urheber des Holocaust – die Erinnerung an dieses singuläre Verbrechen ist heute so etwas wie der kleinste gemeinsame Nenner europäischer Geschichtspolitik. Zugleich gelten Deutschlands Umgang mit der Vergangenheit und die Aufarbeitung von zwei Diktaturen als vorbildlich. Der Bezugspunkt Holocaust, die Bedeutung von Zeitzeugen, die Opferkonkurrenz und die zunehmende strafrechtliche Verfolgung derjenigen, die als Täter gelten, dies sind die gemeinsamen Linien europäischer Geschichtspolitiken. Die Schwierigkeiten bei der Absicht des Europäischen Parlaments, im Jahr 2015 in Brüssel das "Haus der Europäischen Geschichte" zu eröffnen, fasst Etienne François in einem brillanten Schlusskapitel zusammen:

"Die Vorstellung, es könnte im großen, im Aufbau befindlichen Europa so etwas wie eine gemeinsame Erinnerung geben, ist eine törichte! Es genügt festzustellen, dass die Erinnerungskulturen, die Formen der Debatte über die Vergangenheit, anders sind. Was Europa als Institution machen kann, ist, dazu beizutragen, dass breit darüber diskutiert wird auf europäischer Ebene."

Ungeachtet einiger thematischer Wiederholungen und der zum Teil schwankenden Qualität der Texte findet der Leser in diesem Sammelband äußerst spannende, politisch geradezu verwegene Ideen zur Identität unseres Kontinents. Sie heben sich erfrischend ab von dem, was uns in Zeiten der Rettungsfonds und Bankenpleiten als europapolitische Vision und Identitätskitt unserer Gemeinschaft verkauft wird. Zugleich erinnern die 22 Beiträge daran, dass Europa ein Experiment der kompromissreichen Vereinigung von Einzelstaaten ist, die jeweils auf unterschiedliche Weise die gleiche Geschichte erlebt haben.

Buchinfos:
Etienne Francois, Kornelia Konczal, Robert Traba, Stefan Troebst (Hrsg.): "Geschichtspolitik in Europa seit 1989: Deutschland, Frankreich und Polen im internationalen Vergleich", Wallstein Verlag, 560 Seiten, Preis: 42,00 Euro, ISBN: 978-3-835-31068-1

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