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StartseiteKalenderblattOptimismus in der Stunde Null15.10.2007

Optimismus in der Stunde Null

Vor 65 Jahren wurde "Wir sind noch einmal davongekommen" uraufgeführt

Thornton Wilder schrieb sein Stück "Wir sind noch einmal davongekommen" während des Zweiten Weltkrieges. Die Uraufführung 1942 in New Haven stieß beim Publikum auf mäßige Begeisterung. Im Nachkriegsdeutschland jedoch traf das Werk den Nerv der Bevölkerung.

Von Eva Pfister

Roter Vorhang im Theater. (Stock.XCHNG)
Roter Vorhang im Theater. (Stock.XCHNG)

Thornton Wilders Menschheitskomödie "Wir sind noch einmal davongekommen" war eines der meistgespielten Stücke im Nachkriegsdeutschland. Die erste Aufführung fand schon am 3. August 1945 am Deutschen Theater Berlin statt, aber das Stück wurde gleich wieder abgesetzt, weil es einem sowjetischen Kulturoffizier missfallen hatte. Das konnte den Erfolg nicht aufhalten, denn das deutsche Publikum sah darin seine unmittelbaren Erfahrungen gespiegelt.

Bei einem Besuch in Berlin 1948 bedankte sich Thornton Wilder dafür:

"Die Aufnahme meines Stücks in Deutschland, die Feststellung, dass das deutsche Publikum auf Anhieb meine wichtigsten Absichten verstand, ist eine der bewegendsten Erfahrungen meines Schriftstellerlebens und eine, die mich dazu herausforderte, in Zukunft noch besser zu arbeiten."

Der Originaltitel "The Skin of Our Teeth”, also Zahnschmelz, meint das, wofür in Deutschland die Wendung "um Haaresbreite" steht. Drei Katastrophen überlebt die Familie Antrobus: die Eiszeit, die Sintflut und einen großen Krieg. Die amerikanische Kleinfamilie steht zugleich für die Menschheit: Mr. Antrobus, der ewige Adam, erfindet das Rad sowie das Alphabet und lässt sich gelegentlich vom Dienstmädchen Sabina verführen, was Mrs. Antrobus souverän übersieht. Sie ist für das Überleben zuständig, schleppt ihre Familie rechtzeitig auf die Arche und wehrt hungrige Flüchtlinge ab, die das vorrückende Eis vor sich hertreibt:

"Wer ist denn da noch, der uns das Letzte wegessen soll?"

"Da ist der Mann, der alle Gesetze macht: der Richter Moses."

"Richter können uns jetzt doch nicht helfen!"

"Und wenn das Eis schmilzt? Und wenn wir noch einmal davonkommen?"

"Wir sind noch einmal davongekommen" wirkt, als hätte es Thornton Wilder für die Stunde Null in Deutschland geschrieben. Das Stück vermittelt mit sanfter Ironie die Zuversicht, dass die Menschheit immer wieder gerettet wird, weil es neben Egoisten und Mördern wie Sohn Henry Antrobus, der ewige Kain, auch Nächstenliebe und produktiven Erfindergeist gibt.

So sah es auch Paul Verhoeven, aus dessen Frankfurter Inszenierung von 1953 die Szene mit Bernhard Minetti und Gitta Krell stammt:

"Ich habe mir nur ein Thema herausgegriffen, nämlich das des Optimismus: die Unverwüstbarkeit des Menschen und seine Möglichkeit, allem, was auf der Erde geschieht, genügen zu können, durch seine eigene Kraft."

Geschrieben hat Wilder das Stück aber noch mitten im Zweiten Weltkrieg, und bei der Uraufführung, am 15. Oktober 1942 in New Haven, Connecticut, war er nicht dabei, weil er gerade als Freiwilliger in die US-Armee eingetreten war.

Das Publikum reagierte gespalten, aber das hatte weniger mit dem Inhalt zu tun als mit der ungewohnten epischen Form. Wilder spielt mit der Brechung der Illusion, die Schauspieler fallen aus ihren Rollen, und die Zeit changiert zwischen Frühgeschichte und Gegenwart.

Die Aufführung in New Haven war eigentlich eine Testvorstellung für New York, wo das Stück einen Monat später am Broadway Premiere hatte. Dafür war auch die Starbesetzung ausgerichtet, mit der ein noch unerfahrener Regisseur namens Elia Kazan seine Probleme hatte, vor allem mit der damaligen Hollywood-Diva Tallulah Bankhead als Darstellerin der Sabina. Aber die Inszenierung brachte Kazan den Durchbruch: 359 Vorstellungen gab es von "The Skin of Our Teeth", das von den Kritikern als vitale Komödie gelobt wurde und Thornton Wilder seinen dritten Pulitzer-Preis bescherte.

Carl Zuckmayer hatte das Stück am Broadway gesehen und konnte vergleichen:

"In New York hat es mir einen verhältnismäßig geringen Eindruck gemacht, ich fand es irgendwie outriert, mit den Mitteln der Revue und den Mitteln der Groteskaufführung, verhältnismäßig durchschnittliche Philosopheme dem Publikum nahe gebracht, und es war also kabarettistisch aufgezogen mit Jazzband, mit allem. In Berlin war das auf einmal ein Schicksalsstück. Also wenn da die Flüchtlinge vor der Eiszeit erschienen sind, hatte man das Gefühl, die kommen draußen von der Straße. Die Menschen kamen zwei Stunden weit her, um das Stück zu sehen, und trugen noch die Schrecken von der Nachkriegszeit und den Hunger im Gesicht. Und plötzlich war das Stück ein Stück Schicksal und wurde auch vom Schauspieler so empfunden. Der Kontakt zwischen Schauspieler und Publikum war der einer gemeinsamen Sache, die da tatsächlich abgehandelt wird."

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