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StartseiteKultur heuteOrchester der Welt zu Gast20.09.2010

Orchester der Welt zu Gast

Eine Bilanz des Musikfestes Berlin

Berühmte Orchester nach Berlin zu holen und gemeinsam mit den großen Berliner Orchestern für ein Programm zu verpflichten, das man nicht überall zu hören bekommt, das ist der Auftrag des Musikfests Berlin. Zum vierten Mal wurde es nun von den Berliner Festspielen und den Berliner Philharmonikern veranstaltet.

Von Georg-Friedrich Kühn

Der französische Komponist und Dirigent Pierre Boulez bei einer Probe. (AP)
Der französische Komponist und Dirigent Pierre Boulez bei einer Probe. (AP)
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Und in diesem Jahr hat das vom Bund getragene Festival zwei Komponisten in den Mittelpunkt gestellt. Beide wurden 1925 geboren: Der Italiener Luciano Berio und der Franzose Pierre Boulez. Während Berio 2003 gestorben ist, ist Boulez immer noch sehr produktiv. Und so wurde er vom Musikfest eingeladen, um zwei Konzerte zu dirigieren. Nach knapp drei Wochen geht das Musikfest Berlin nun morgen zu Ende. Georg Friedrich Kühn mit einer Bilanz.

Es ist wie ein Eintauchen in die jüngere Vergangenheit, Spurensuche in Sachen neue Musik. Und Pierre Boulez, inzwischen 85 Jahre alt, ist einer ihrer letzten lebenden Repräsentanten.
Nicht nur als Komponist war er präsent bei diesem Musikfest Berlin, sondern auch mit dem von ihm vor 33 Jahren gegründeten IRCAM, dem Institut für musikalische Recherchen und Akustik, und persönlich als Dirigent.

Hier mit "... explosante-fixe ...", einer Musik zwischen ekstatischer Erregung und einer an Wagners "Tristan" erinnernden Klanglichkeit.

"... explosante-fixe ..." ist eine Art Huldigung an Igor Strawinsky, dessen Musik für Boulez ebenso prägend war wie die der Schönberg-Schule. Und wie meist bei Boulez, der ursprünglich nach dem Willen des Vaters Mathematiker hätte werden sollen, liegt dem Stück ein literarischer Text als Bezugspunkt zugrunde.

Allerdings handelt es sich um keine direkte Textkomposition wie etwa bei "Le Soleil des eaux" nach René Char. Ursprünglich war das eine Hörspielmusik zu einem ökologischen Lehrstück über die Verunreinigung von Wasser durch eine geplante Gipsfabrik. Die Erstfassung datiert von 1948, hier in der "üppigeren" Fassung von 1965.

Was überhaupt auffällt an dieser Musik der 1950iger und 1960iger Jahre sind die großen Apparate, für die sie entstand. Kaum ein Komponist heute würde noch wagen, für derart große Live-Ensembles zu schreiben; den Part muss nun meist die Elektronik übernehmen.

Ein Luciano Berio, der zweite große Name dieses Musikfests – im gleichen Jahr 1925 wie Boulez geboren, 2003 in Rom gestorben –, Berio bewegte in einigen seiner Werke Musikermassen von Mahlerschem Umfang, etwa in seiner Mahler direkt auch zitierenden "Sinfonia".
Oder er mischte in "Coro" geschickt menschliche Stimmen und Instrumente, wobei jedem von 40 Vokalsolisten je ein Instrumentalist zugeordnet ist.

Das aus den 1970iger Jahren stammende Werk zeigt aber auch schon den Einfluss der damals aufkommenden Pattern Music, ständig wiederholte rhythmische Muster, die durch ihre Repetition einen inneren Sog ausüben. Im Unterschied zu dem eher hermetischen Boulez war der Italiener Berio sehr viel offener gegen äußere Einflüsse.

Anders als Boulez, der in seinen frühen Jahren als musikalischer Leiter der Schauspieltruppe von Jean-Louis Barrault ausgedehnte Reisen außerhalb Europas unternommen und die jeweilige indigene Musik studiert aber in seinem Werk weitgehend verleugnet hatte, war Berio auch hier sehr viel zupackender.

Nicht nur hat er in "Coro" Texte aus sehr entfernten Kulturen zwischen Polynesien und Europa verarbeitet. In seinen "Folk Songs" von 1964 adaptierte er ganz direkt Lieder aus seiner und seiner Frau, der Sängerin Cathy Berberian, näheren und ferneren Heimat: von Sizilien bis Aserbaidschan.
Einmal mehr glänzte das Musikfest durch seinen Facettenreichtum in Programmierung und Interpretation. Massentauglich ist ein solches Programm nicht, trotz eingestreuter Abende mit Musik von Bach oder aus dem späten Mittelalter.

Und als verbindendes Glied gab's da noch Strawinsky, der von manchem Apologeten der Nachkriegs-Avantgarde gern als deren Antipode stilisiert wurde. Für Pierre Boulez war er das nie, sondern eine der Wurzeln der Moderne.

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