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StartseiteMusikjournalVon der Seine an die Elbe 09.09.2019

Organist Olivier LatryVon der Seine an die Elbe

Launische Diva und bester Freund – Musiker und ihre Instrumente

Olivier Latry hat beim Brand der Notre-Dame in Paris beinahe sein Instrument verloren. Der französische Organist hatte jedoch Glück und die Orgel der Kathedrale kann in den nächsten Jahren gerettet werden. Nebenher gastiert er aber auch an vielen Instrumenten weltweit - unter anderem in Dresden.

Von Claus Fischer

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Der Organist Olivier Latry beim Üben an der Eule-Orgel im Kulturpalast Dresden (Deutschlandradio / Claus Fischer)
Der Organist Olivier Latry beim Üben an der Eule-Orgel im Kulturpalast Dresden (Deutschlandradio / Claus Fischer)
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"Notre-Dame ist wirklich ein Teil meines Lebens! Ich wurde Organist an Notre-Dame vor 34 Jahren! So das ist eine lange Zeit!"

Freundlich und nachdenklich – so habe ich Olivier Latry im April dieses Jahres kennengelernt. Als "Palastorganist", sprich Organist in Residence am Dresdner Kulturpalast, bestritt er eines von fünf seiner Konzerte in dieser Saison.

"Das ist für mich eine gute Gelegenheit, um mit verschiedenen Projekten zu experimentieren! Z.B. ein Konzert mit viel Blech, die Bläser von der Wiener Philharmonie spielen, und auch ein Kinokonzert "Phantome de l´opéra". Das unterscheidet sich sehr von dem, was ich gewöhnlich mache. So das ist für mich ein sehr schönes Erlebnis!"

Es freut ihn, sagte Olivier Latry damals, nicht immer nur an seiner großen Orgel in Notre-Dame zu sitzen. Denn jede Orgel ist ein absolut individuelles Instrument und hat ihren eigenen Klang. Und auch jeder Orgelspieltisch ist absolut individuell gestaltet. D.h. der Organist braucht immer mehrere Stunden, um sich mit dem Instrument vertraut zu machen. Die Orgel im Dresdner Kulturpalast hat die Firma Hermann Eule aus Bautzen vor zwei Jahren geschaffen. Sie, so betont Olivier Latry, unterscheidet sich klanglich sehr von seiner Kathedralorgel in Notre-Dame.

"Es ist mehr eine deutsche Orgel (lacht) als eine französische Orgel. Nun ja, vielleicht einige Zungen sind ein bisschen in französischer Richtung, die großen Zungen. Aber für mich ist es gut, dass eine Orgel hier in Dresden, in Deutschland, mehr Deutsch klingt als Französisch! Es wäre ein bisschen langweilig, wenn alle Orgel in der Welt gleich klingen würden!"

Latry und Deutschland - ein lange Beziehung

"Ich habe mein erstes Konzert in Deutschland 1982 gespielt, das war in Regensburg. Seitdem habe ich so viel hier gespielt, dass ich jedes Mal ein paar Vokabeln mehr gelernt habe! Ich habe viele Freunde hier in Deutschland. Ich habe auch viele deutsche Organisten, die nach Frankreich gekommen sind, um bei mir zu studieren."

Nach Ostdeutschland kam Olivier Latry bereits in den 1990er Jahren.

"Das war kurz nach der Wiedervereinigung! Für mich eine große Erfahrung, hierher zu kommen und die Orgeln der Städte von Bach zu spielen! Ich hatte in Halle, auch Köthen und Merseburg und Leipzig gespielt – und das war für mich unglaublich! Ich war hier noch nie gewesen und ich war so beeindruckt!"

Deutsche und französische Orgelkultur – ein Wechselspiel

Es ist interessant, dass deutsche Organisten die französische Orgelkultur der Romantik besonders lieben. Olivier Latry und seine Kollegen in der "Grande Nation" haben dagegen ein besonderes Faible in geographisch umgekehrter Richtung.

"Wir wollen immer haben, was wir nicht haben! Und natürlich in Frankreich haben wir sehr viel Cavaillé-Coll oder Mercklin, Orgeln aus dem 19. Jahrhundert, sinfonische Instrumente, aber wir haben nicht so viele deutsche Orgeln. Aber es ist auch lustig zu sehen, dass der Stil, den wir in Frankreich lieben, ist nicht der sinfonischer oder romantischer deutscher Instrumente, sondern Barockinstrumente, um Bach zu spielen z.B.. Das ist jetzt ein bisschen böse, was ich sage, aber wir brauchen keinen Reger, keinen Rheinberger etc…"

Gewachsen über Jahrhunderte: die Orgel von Notre-Dame

Beim Interview in Dresden vor dem Brand von Notre-Dame sprach Olivier Latry auch selbstverständlich über sein Instrument in der Kathedrale. Dass diese wenige Wochen später in Flammen stehen sollte, konnten wir natürlich nicht voraussehen. Erbaut hat die Orgel Aristide Cavaillé-Coll, der bedeutendste französische Orgelbauer des 19. Jahrhunderts, Erfinder wenn man so will der sinfonischen Orgel französischen Typs. Aber er hat auch Pfeifen des Vorgängerinstruments vom Barockmeister Francois-Henri Cliquot mitverwendet. Nach Cavaillé-Coll wurde das Instrument dann noch mehrmals erweitert, zum letzten Mal, so Olivier Latry, in den 2000er Jahren.

"Die Struktur der Orgel ist noch von Cavaillé-Coll, aber danach waren noch viele, z.B. natürlich Mutin, Mercklin, so ist die Orgel ist immer in Evolution! Und wir können z.B. auch die Musik vom 18. Jahrhundert ziemlich gut spielen, denn alle Pfeifen von Clicquot sind noch da."

Die Orgel kann gerettet werden

Am Abend des 15. April stand Notre-Dame in Flammen. Olivier Latry war zu dieser Zeit in Dresden und bereitete sich an der Orgel des Kulturpalastes auf ein Konzert mit den Bläsern der Wiener Philharmoniker vor. Geschlafen hat er nach der Probe am Abend nicht mehr, sondern stundenlag telefoniert und sich über den Zustand seiner Orgel versucht zu informieren.

"Jetzt ist es wie ein Alptraum", sagte er am nächsten Tag auf einer eilig einberufenen Pressekonferenz im Kulturpalast. Einige Stunden später traf ich ihn noch einmal zum persönlichen Gespräch, bei dem er wesentlich erleichterter wirkte.

"Wir sind so glücklich, dass die Orgel kein Wasser und keine Hitze hatte. Die Pfeifen sind noch alle da, es ist nicht viel Wasser in die Orgel gegangen."

Das Instrument kann in den nächsten Jahren auf jeden Fall vollständig gerettet werden. Sein geplantes Konzert im Kulturpalast mit den Blechbläsern der Wiener Philharmoniker hat Olivier Latry gespielt und die Intendanz der Dresdner Philharmonie entschied damals, es zum Benefinzkonzert speziell für die Orgel in Notre-Dame zu machen. An die dürfen momentan nur Roboter, denn die Empore ist noch nicht stabil genug. In zwei Jahren, so heißt es offiziell, sollen wieder Gottesdienste stattfinden.

Ein Hoffnungszeichen - die Frauenkirche in Dresden

Olivier Latry hat die Hoffnung, dann auch wieder an dem Instrument zu sitzen, das er 35 Jahre lang gespielt hat und das er selbstverständlich schmerzlich vermisst. Seine Saison als Palastorganist in Dresden ist vorbei. Hoffnung gibt ihm die Frauenkirche, an der er bei seinen Aufenthalten in Sachsens Landeshauptstadt täglich mehrmals vorbeigegangen ist.

"Das ist wirklich für mich eine große Hoffnung für Paris, diese Frauenkirche zu sehen und was sie hier gemacht haben ist unglaublich - und das ist nicht so dramatisch in Paris im Vergleich zu Dresden. Das war hier möglich, so es wird auch in Paris möglich!"

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