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StartseiteKommentare und Themen der WocheGeben ist seliger denn Nehmen - auch für den Staat07.04.2019

Organspender per Gesetz?Geben ist seliger denn Nehmen - auch für den Staat

Wenn der Staat jeden grundsätzlich zum Organspender erklärt, setze er damit eine moralische Norm - das sei aber nicht seine Aufgabe, kommentiert Catrin Stövesand. Sie meint, die vorgeschlagene Widerspruchsregelung sei ein unvertretbarer Eingriff in die persönliche Selbstbestimmung.

Von Catrin Stövesand

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Illustration. Eine Hand hält eine Lupe hinter der ein Mensch liegt dessen Organe zu sehen sind. (Imago / Malte Müller)
Organspender, es sei denn, man widerspricht? Warum sollen sich Menschen exponieren müssen mit einer Haltung, die rein privat ist, fragt Catrin Stövesand (Imago / Malte Müller)
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Geben ist seliger denn Nehmen – sicherlich. Zu geben – das ist eine Möglichkeit, eine schöne und bedeutende Geste. Dies zu einer Pflicht zu machen, würde den Wert der Gabe verderben.

Wenn der Staat regelt, dass jeder Bürger erst einmal ein Spender ist, greift er damit in das Recht auf körperliche Unversehrtheit bzw. Selbstbestimmung ein, in persönliche Lebensentwürfe und – noch gravierender – er setzt damit eine moralische Norm. Spenden ist dann die Norm, nicht spenden die Abweichung von der Norm. Der Staat regelt damit nicht nur, er bewertet. Er konstruiert Moral. Das ist schlecht. Und das ist nicht seine Aufgabe.

Die Ausgangslage ist klar: Es gibt wenige freiwillige Spender, die sich zu Lebzeiten aktiv mit dem Thema auseinandergesetzt haben und ihren Spenderausweis immer mit sich herumtragen. Es gibt auch deshalb wenige geeignete Spender, weil unser Altersdurchschnitt immer höher wird und weil die Unfallmedizin in Deutschland sehr gut ist, sprich viele junge Unfallopfer überleben, weiterleben.

Man darf nicht für die Bevölkerung entscheiden

Es mag zynisch klingen, aber an dieser Stelle muss man auch hinnehmen, was man vorfindet. Wenn sich die Bevölkerung mehrheitlich nicht mit dem Tod und dem Danach beschäftigen möchte, trotz aller löblichen Aufklärungskampagnen, dann ist das so. Das kann man bedauern, aber man darf nicht für die Bevölkerung entscheiden, was nach dem Tod passiert.

Ja sicher, man dürfte widersprechen. Aber was bedeutet das denn für die Nein-Sager? Welche Rolle mutet man ihnen zu? Warum müssen sie sich exponieren mit einer Haltung, die rein privat ist?

Das Leid der potenziellen Empfänger ist weder kleinzureden noch hinzunehmen. Sie dürfen auf ein Spenderorgan hoffen, auch wenn das bedeutet, dass ein anderer Mensch sein Leben gelassen hat, damit ihres weitergeht. Sie dürfen darauf hoffen, sie dürfen sich das wünschen und danach fragen. Aber haben sie ein Recht darauf? Nein, und zwar entschieden nein. Niemand hat das Recht auf ein Spenderorgan. Das aber wird suggeriert, wenn die Norm künftig heißen soll, jeder Bürger ist erst mal Spender, bevor er dem widerspricht.

Selbstbestimmung schließt schon nach dem Wortsinn aus, dass jemand anderer bestimmt. Wenn ein Bürger als Spender definiert wird, für den dies gegen seine ganz eigene Empfindung von körperlicher Unversehrtheit spricht, ist das ein massiver Eingriff in die Privatsphäre.

Eine gängige und nicht durchdachte Meinung

Leider kommt es immer wieder mal vor, dass sich die Gesetzgebung anmaßt, über Leben und Körper anderer zu bestimmen. Man denke nur ans Abtreibungsrecht. Es brandmarkt Frauen, die sich gegen ein Kind – zu diesem Zeitpunkt, unter diesen Lebensumständen – entscheiden. Solch ein Gesetz unterstellt Egoismus und Leichtfertigkeit.

Bei dieser Initiative ist es nicht anders. Viele Menschen möchten selbst kein Spenderorgan empfangen; sie sind bereit, im Leben das anzunehmen, was kommt, auch den Tod, wann immer er auf den Plan tritt. Deshalb haben sie auch keinen Impuls zu spenden. Das ist weder besser noch schlechter als auf eine Lebensverlängerung zu hoffen. Das ist ein ganz persönlicher Lebensentwurf. Der Schutz des Individuums. Klingelt da was?

Die etablierten Parteien sprechen viel und zu Recht von der gefährdeten Demokratie. Aber dieser Entwurf des Gesundheitsministers kommt leider ebenfalls sehr populistisch daher. Er redet einer gängigen und nicht durchdachten Meinung das Wort.

"Geben ist keine festzuschreibende Bürgerpflicht"

Und übrigens: Gibt es im Gesundheitswesen nicht viele dringlichere Fragen? Wie Ärztemangel im ländlichen Raum, fehlende Pflegekräfte, Krankenhauskeime? Die Liste von Themen, die viel mehr Menschen tangiert als die Anzahl von Organspendern, ist ziemlich lang. Haben diese Probleme vor Europawahl und Landtagswahlen nicht genügend Schlagkraft?

Die Motive für diesen vehementen Vorstoß sind nicht ganz klar. Aber die Bevormundung, die er enthält, ist umso offensichtlicher und befremdlicher. Wo ist das Christliche an diesem Ansatz? Nächstenliebe heißt nicht Selbstaufgabe.

Achtung: Bei allem begrüßenswerten Eifer, etwas Gutes zu fördern, darf nicht etwas sehr Schlechtes und Falsches entstehen. Denn ja, Geben ist seliger denn Nehmen, aber Geben ist keine festzuschreibende Bürgerpflicht.

Catrin Stövesand (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré )Catrin Stövesand (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré )Catrin Stövesand, geboren 1974, M.A. in den Fächern Germanistik und Geschichte, sie arbeitete für eine Regionalzeitung, mehrere Radiosender und die dpa-Rundfunkagentur, bevor sie 2009 zum Deutschlandfunk kam. Seit 2011 ist sie Redakteurin und Moderatorin in der Abteilung "Hintergrund", dort u. a. zuständig für "Andruck" - das Magazin für Politische Literatur.

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