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StartseiteMusikjournalWie Puccini zu Puccini wurde 07.01.2019

OrgelwerkeWie Puccini zu Puccini wurde

„La Boheme“, „Tosca“ oder „Madama Butterfly“ - Giacomo Puccini ist zwar für seine Opern bekannt, aber das Talent dafür hat er vor allem in seinen zehn Jahren als Organist entfalten können. Nun wurde erstmals eine wissenschaftliche Ausgabe sämtlicher bislang bekannter Orgelkompositionen des Italieners herausgegeben.

Von Claus Fischer

Der italienische Komponist Giacomo Puccini zündet sich eine Zigarette an (picture alliance/dpa - Courtesy Everett Collection)
57 Orgelwerke von Giacomo Puccini umfasst die Edition, komponiert hat er sie zwischen seinem 12 und 21. Lebensjahr (picture alliance/dpa - Courtesy Everett Collection)
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"Jeder kommt ja irgendwoher, jeder lernt irgendwo. Und Puccini hat eben an der Orgel gelernt, so wie es viele im 19. Jahrhundert gemacht haben, auch Verdi kommt von der Orgel – das ist das Instrument, was zur Verfügung stand!"

Hans Ryschawy ist Musikwissenschaftler und Lektor beim Stuttgarter Carus-Verlag. Er hat die erste Edition sämtlicher bekannter Orgelwerke Puccinis verantwortet - in enger Zusammenarbeit mit seinem italienischen Kollegen Virgilio Bernardoni, sowie der Präsidentin des Centro Studi Puccini in Lucca Gabriella Ravenni, die betont:

"Diese Dokumente bezeugen seine Aktivitäten als professioneller Organist! Jetzt wissen wir erheblich mehr über Puccinis musikalische Aktivitäten vor seiner ersten Oper 'Le Villi'."

"Sein Vater war Organist, der hatte auch eine Musikschule – und so war es vorgesehen, dass der Junge Giacomo auch in die Fußstapfen des Vaters steigt", sagt Hans Ryschawy.

"Leider ist der Vater sehr früh gestorben, aber die Weichen waren gestellt. Ein Onkel hat für ihn quasi die Positionen freigehalten, dass er dann später auch Organist werden konnte, also daher kommt er!"

Puccinis Orgelwerke: liturgische Gebrauchsmusik

57 Orgelwerke von Giacomo Puccini umfasst die Edition, komponiert hat er sie zwischen seinem 12 und 21. Lebensjahr, im Zuge seiner Organistentätigkeit an verschiedenen Kirchen in Lucca. Es handelt sich also, sagt Hans Ryschawy um liturgische Gebrauchsmusik.

"Einfache Stücke, die sind zum Teil nur wirklich eine Seite lang, 30 Takte oder so etwas, es gibt auch längere drunter. Es sind kleine Versetten, Sätze, die im liturgischen Gebet gewisse Sätze ersetzen können, statt 'Kyrie eleison' kann man auch ein Kyrie-Verset spielen. Und es gibt dann – das ist das opulentere auch noch – zum Ausklang, raus aus der Kirche, Walzer, Märsche, mit vollem 'Hm-Ta-Ta' kann man sagen!"

Puccinis Orgelhandschriften befinden sich größtenteils in Privatbesitz

Der größte Teil der Orgelhandschriften Puccinis befindet sich in Privatbesitz, erzählt die Präsidentin des Centro Studi Puccini in Lucca Gabriella Ravenni.

"Die Manuskripte wurden erstmals beschrieben 1927 von Carlo della Nena, einem Orgelschüler Puccinis. Dann verliert sich ihre Spur. Erst 1988 tauchten sie wieder auf, in London bei einer Auktion von Sotheby´s. Danach verschwanden sie aber wieder! Glücklicherweise konnten wir aber einen Neffen von Puccinis Orgelschüler ausfindig machen. Und über den haben wir dann von der Familie die Kopien sämtlicher Manuskripte aus deren Besitz bekommen! Und so konnten wir mit der Aufarbeitung beginnen."

Das erste hörbare Ergebnis dieser wissenschaftlichen Aktivitäten war eine CD, die der in Italien lebende niederländische Organist Liuwe Tamminga im Jahr 2013 aufgenommen hat. 2017 veröffentlichte er eine weitere. So wurde der Organist Puccini einem breiteren Publikum bekannt.

"Das hatte eine Sogwirkung! Nachdem wir die Della-Nena-Manuskripte aufgespürt hatten, meldeten sich zwei Organisten aus Lucca, die weitere Handschriften von Orgelwerken Puccinis in ihren Sammlungen hatten. Und dann fanden wir schließlich noch etliche im Puccini-Archiv in Torre del Lago."

Vergleicht man diese neu gefundenen Puccini-Autographe mit den schon länger bekannten aus der Sammlung seines Schülers Carlo della Nena, dann fällt auf, dass der Komponist hier wesentlich leserlicher geschrieben hat. Womöglich hat er diese Werke einem seiner Orgellehrer zeigen wollen. Die Kompositionen aus der Della-Nena-Sammlung haben dem Herausgeber Hans Ryschawy jedenfalls beim Entziffern einiges Kopfzerbrechen bereitet:

"Er war ein absolut fauler Mensch! Er hat nur das geschrieben, oder vielleicht ein bisschen weniger fast, als was notwendig ist!"

Als Kirchenorganist konnte er sein Talent entfalten

Die zehn Jahre als Kirchenorganist waren für den jungen Giacomo Puccini ein Experimentierlabor par excellence, bekam er doch von Seiten des Klerus kaum Vorschriften, wie und was er zu spielen hatte. So, erzählt der Herausgeber seiner Orgelwerke Hans Ryschawy, konnte er in aller Ruhe seine Talent entfalten und zu dem Puccini werden, den die Welt heute kennt.

"Wenn man die Stücke hat, könnte man sich aus diesen Stücken eine Kompositionslehre Puccinis zusammenstellen, wie er selbst sich das Komponieren beigebracht hat. Anhand der Fragen, die er sich gestellt hat und die er dann musikalisch beantwortet hat. Wie geh ich mit Formen um? Was kann ich im Satz machen? Und an diesen Fragestellungen, da erkennt man schon den späteren Feuerkopf dran!"

Forschungsarbeit noch nicht abgeschlossen

Mit der Edition der 57 bislang bekannten Orgelkompositionen von Giacomo Puccini ist die Forschungsarbeit auf diesem Gebiet erstmal beendet, könnte man denken. Doch dem ist nicht so, betont die Präsidentin des Puccini-Studienzentrums in Lucca Gabriella Ravenni. Sie geht davon aus, dass in nächster Zeit noch weitere Handschriften auftauchen.

"Ja, da bin ich mir sicher! Denn vier der nun veröffentlichten Werke sind leider nicht vollständig, da muss noch was zu finden sein. Und dann gibt es in den Archiven noch sehr viele Manuskripte von Orgelwerken aus dieser Zeit, deren Komponist noch identifiziert werden muss!"

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