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StartseiteTag für TagWer fastet, lebt länger16.02.2018

Orthodoxes FastenWer fastet, lebt länger

In Griechenland ist eine Tradition zum Trend geworden. Eine von mehreren Fastenzeiten der orthodoxen Kirchen beginnt am Montag. Bis Ostern verzichten Gläubige auf Fleisch, Eier und Milchprodukte. Neue griechische Studien zeigen: Wer sich streng daran hält und 180 Tage im Jahr verzichtet, tut etwas für die Gesundheit.

Von Rodothea Seralidou

Menschen erledigen ihre Einkäufe auf einem Markt in Athen (picture alliance/ dpa/ Socrates Baltagiannis)
Mehrere Studien belegen, dass Menschen, die nach den Regeln der orthodoxen Kirche fasten, viel gesünder lebten, als die, die es nicht tun (picture alliance/ dpa/ Socrates Baltagiannis)
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Gottesdienst in der Marienkirche der Heiligen Maria im Athener Vorort Glyfada. Orthodoxe Heiligenbilder schmücken die Wände, es duftet nach Weihrauch. Rund dreihundert Gläubige verfolgen den Gottesdienst, überwiegend ältere Menschen, aber auch viele  junge Familien. Zum Beispiel Manos Vourvachis mit seiner Frau und seinen zwei Kindern. Er versucht, so oft es geht, in die Kirche zu gehen, sagt der 45-jährige Topograf. Und selbstverständlich werde er sich  auch an die kommende Fastenzeit halten:

"Wir fasten jedes Jahr vierzig Tage vor Ostern. Es ist eine Frage des Glaubens, aber auch eine Tradition. Wir haben das Fasten von unseren Eltern kennengelernt und versuchen, uns weiterhin daran zu halten. Gerade jetzt, wo wir selber Kinder haben. Denn unsere Taten werden ihnen stärker in Erinnerung bleiben als unsere Worte."

Für die 49-jährige Diamando ist es genau umgekehrt. Ihren Nachnamen möchte die schlanke Frau mit dem kurzen schwarzen Haaren nicht nennen.  Diamando arbeitet als Reinigungskraft in der Athener Innenstadt, macht gerade Mittagspause, Sie gehe nicht oft in die Kirche, sagt sie, und faste auch nicht. Ihre zwei Töchter aber wollen sich diesmal unbedingt an die orthodoxe Fastenzeit halten:

"Meine Töchter sind sechszehn und siebzehn Jahre alt. Ich glaube, es ist ein Trend unter den Jugendlichen, denn ihre Freunde werden auch fasten. Ich glaube diese Tradition und der Glaube gibt unseren Kindern halt. Sie haben so viel Leistungsdruck in der Schule und bekommen auch die finanziellen Schwierigkeiten der Familien mit. Es tut ihnen also gut, sich ein Ziel zu setzen. Und wenn sie es schaffen, können sie stolz auf sich sein!"

Meeresfrüchte und Schnecken sind erlaubt

Die Fastenzeit vor Ostern ist nur eine von mehreren im orthodoxen Kirchenjahr. Insgesamt wird rund hundertachtzig Tage im Jahr gefastet, wobei nicht alle Fastenperioden gleich sind, erklärt Andonis Kafatos, emeritierter Professor für Präventivmedizin und Ernährung an der Universität Kreta.

"Das halbe Jahr haben wir also kein Fleisch, keine Milchprodukte und keine Eier. Fisch hingegen darf man öfter essen, zum Beispiel in der Fastenzeit vor Weihnachten. Der große Unterschied zur veganen Ernährung ist, dass Meeresfrüchte und Schnellen erlaubt sind. So bekommt der Körper auch wichtige Nährstoffe, die nur oder vor allem in Produkten tierischen Ursprungs zu finden sind, wie zum Beispiel das Vitamin B12 oder die ungesättigten Fettsäuren und die lebenswichtigen Aminosäuren, ohne die die Lebenserwartung sinkt!"

Seit Jahrzehnten nimmt Andonis Kafatos die Ernährung der griechischen Bevölkerung unter die Lupe. Mehrere Studien belegen, dass Menschen, die nach den Regeln der orthodoxen Kirche fasten, viel gesünder lebten, als die, die es nicht tun, sagt er:

"Wer fastet, hat ein geringeres Risiko chronisch krank zu werden: Das Risiko, an Osteoporose zu erkranken, sinkt, auch das Risiko, einen Herzinfarkt zu erleiden oder einen Hirnschlag. Die Ergebnisse der Studien zeigen das ganz klar. Und wir haben herausgefunden, dass Menschen, die fasten, ein um 38 Prozent geringeres Risiko haben, depressiv zu werden. Wobei wir hier nicht genau wissen: Ist es der Glaube, der den Menschen seelisch hilft oder die Ernährung? Wahrscheinlich ist beides der Fall."

Allerdings reiche ein einmaliges Fasten für die positiven Auswirkungen auf die körperliche und seelische Gesundheit nicht aus. Bei den Testpersonen handele es sich vielmehr um Menschen, die seit ihrer Kindheit konsequent nach dem orthodoxen Kirchenjahr fasteten. Und auch an den Tagen, an denen nicht gefastet wird, sollte man  auf eine ausgewogene Ernährung achten, so der Präventivmediziner:

Ein halbes Kilo Rind täglich

Andonis Kafatos: "Wir haben den Fall eines Kollegen an der Universität Kreta veröffentlicht, um das auch unseren Studenten deutlich zu machen: Der Kollege hat an allen Fastenperioden der orthodoxen Kirche gefastet. Das restliche Jahr aber hat er ein halbes Kilo Rind täglich gegessen und anderthalb Liter Cola getrunken. Das Ergebnis: Mit fünfundfünfzig hatte er einen Herzinfarkt.  Als er mir erzählte, wie er sich ernährt hat, sagte ich ihm: Hättest du nicht gefastet, hättest du den Herzinfarkt schon zehn Jahre früher gehabt."

Für die Kirche spielt dieser gesundheitliche Aspekt bei der Einhaltung der Fastenzeit keine Rolle, sagt Pfarrer Konstantinos Vartholomäos. Ziel des Fastens sei es schließlich nicht, gesünder zu leben, so der orthodoxe Geistliche, das könnte man auch mit einer allgemein ausgewogenen Ernährung. Nein, das Ziel des Fastens sei ein anderes:

"Wir fasten, um Enthaltsamkeit zu üben und uns auf die Heilige Kommunion vorzubereiten.  Und das Fasten alleine reicht da nicht aus. Viel wichtiger ist es, dass wir unser Benehmen bessern. Dass wir gut zu unseren Mitmenschen sind, am Gemeindeleben teilnehmen, dass wir Buße tun und das Sakrament der Beichte begehen. Nur so bereiten wir uns auch richtig auf die Heilige Kommunion an Ostern vor. Nur so bereiten wir uns wirklich auf die Heilige Kommunion und die Auferstehung Christi vor."

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