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StartseiteCorso"Man muss ein rebellischer Geist sein"23.03.2019

Orville Peck - Album "Pony""Man muss ein rebellischer Geist sein"

Orville Peck ist ein rätselhafter Typ, der ebenso mysteriöse Musik macht. Sein Gesicht versteckt er stets hinter einer Maske mit langen Fransen. Die Leute, die ihm gefallen, seien oft Underdogs, Weirdos oder Außenseiter, sagte Peck im Dlf. Und er spricht über schwule Cowboys in der Geschichte.

Orville Peck im Corsogespräch mit Christoph Reimann

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Orville Peck verbirgt sein "wahres Ich" hinter einem Cowboyhut mit Fransen (Carlos Santolalla)
Singer-Songwriter Orville Peck: fasziniert vom einsamen Cowboy, der seinen Weg geht (Carlos Santolalla)
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Christoph Reimann: Sie verbergen Ihr Gesicht hinter einer Maske. Gerüchten zufolge sind Sie in Südafrika aufgewachsen, mittlerweile leben Sie in Toronto. Was für ein Cowboy ist Orville Peck?

Orville Peck: Ich finde nicht, dass ich mein Gesicht verstecke. Die Maske gehört einfach zu Orville Peck. Ich habe lange Zeit in Afrika gelebt, das stimmt, und zurzeit wohne ich in Toronto, ja. Aber das sind nur zwei Stationen meines Lebens. Was für ein Cowboy Orville Peck ist? Wie meinen Sie das?

Reimann: Zum Beispiel, was die Maske angeht: Die ist gleichzeitig sexuell konnotiert, aber auch klassisch traditionell. Sexuell, weil sie aussieht wie aus einem Fetisch-Laden, das glänzende Schwarz. Und dann, weil sich die Maske über Ihrem Mund in Fransen auflöst, erinnert sie an die Fransen, wie man sie von traditionellen Cowboy-Jacken kennt.

Peck: Stimmt.

Es gibt viele verschiedene Cowboys

Reimann: Verstehen Sie sich als queerer Cowboy?

Peck: Ich persönlich kann mit dem Wort queer wenig anfangen. Ich hatte was mit Frauen und mit Männern. Solche Labels finde ich nicht hilfreich. Darüber definiere ich mich nicht. Und was die Frage nach dem Cowboy angeht, ich bin einfach Orville Peck. Und Orville Peck ist ein Cowboy.

Reimann: Ein Großstadt-Cowboy, weil er in Toronto lebt?

Peck: Ich habe in großen Städten gewohnt, aber auch auf dem Land. Ich kenne viele Cowboys, die nicht dem typischen Bild entsprechen, die keinen Cowboyhut tragen oder auf Pferden reiten. Es gibt viele verschiedene Arten, ein Cowboy zu sein. Wichtig ist dabei die Einstellung: Man muss ein rebellischer Geist sein, der sich nicht anpasst, manchmal aber nicht drum herumkommt.

Reimann: Wann hatten Sie das Gefühl, dass der Cowboy in Ihnen nicht in die Gesellschaft passt?

Peck: Seit meiner Kindheit. Heute wird immer klarer, dass im Grunde niemand  voll und ganz den Erwartungen entspricht, die wir als Gesellschaft aufgestellt haben. Lange haben das vor allen Dingen marginalisierte Bevölkerungsgruppen gespürt, People of Colour, Schwule, zum Teil auch Frauen. Jetzt wird klar, dass es uns allen so geht. Jüngeren Millennials, solchen, die in den 90ern auf die Welt gekommen sind, ist es zunehmend egal, solchen Erwartungen zu entsprechen. Meine Generation hängt da noch alten Vorstellungen nach.

"Unerwiderte Liebe, die Strapazen, die wir in Kauf nehmen"

Reimann: Ich nehme an, dass Sie in den 80ern geboren worden sind?

Peck: Das stimmt.

Reimann: Ich glaube ja schon, dass Ihre Musik etwas recht Sexuelles hat. Und wenn queer nicht das richtige Wort ist, haben Sie ein anderes? Oder sehen Sie das ganz anders?

Peck: Ich glaube, das Thema Sex ist nicht mehr oder weniger wichtig als viele andere Dinge, um die es in meinen Songs geht. Meine Lieder sind im Grunde Tagebucheinträge. Dinge, die mir passiert sind. Persönliche Geschichten. Und natürlich geht es dann auch um Menschen, mit denen ich in einer Beziehung war. Aber das ist keine bewusste Entscheidung.

Reimann: In dem Song "Dead Of Night" singen Sie von zwei Sexarbeitern, die in der Wüste von Nevada unterwegs sind. Zwischen den beiden gibt es eine gewisse Nähe, vielleicht sind sie ein Paar - das weiß man nicht so genau. Ist das dann auch eine Geschichte, die Ihnen so passiert ist?

Peck: Ja. Es ging da nicht um physische Liebe. Es geht darum, sich in jemanden zu verlieben, aber gleichzeitig die Gewissheit zu haben, dass er dich nicht zurücklieben wird. Es geht darum, sich selbst zu foltern, weil man ja weiß, wie sehr es am Ende wehtun wird. Aber man will einfach mit dieser Person zusammen sein, Zeit verbringen. Ein paar Jahre später guckt man dann zurück auf diese Sache, die von Anfang zum Scheitern verurteilt war, und denkt: Das war eigentlich eine echt gute Zeit in meinem Leben. Man sehnt sich in diese Zeit zurück, obwohl man nicht im Geringsten das bekommen hat, was man wollte oder verdient hätte. Das Setting des Songs ist persönlich. Aber unerwiderte Liebe, die Strapazen, die wir in Kauf nehmen, damit kann jeder etwas anfangen, glaube ich.

"Das macht mir Angst"

Reimann: Ja, das scheint universell zu sein. Gucken wir uns mal an, wem wir noch so begegnen auf diesem Album. Es gibt da ein paar Charaktere, die tatsächlich in einem Western vorkommen könnten: Sie verlieben sich in einen Biker, der keine Nähe zulassen kann, einen Boxer, der Sie missbraucht. Was die alle gemein haben: Von Außen betrachtet haben Sie etwas Heroisches, innerlich sind sie gebrochen. Ist das etwas, das Sie anzieht?

Peck: Ich glaube schon, ja. Es gibt ja auch diesen Song mit dem Namen "Roses Are Falling" auf diesem Album. Da erzähle ich davon, sich in jemanden zu verlieben, der einem überhaupt nicht gut tut. Ich habe mich schon als Kind oft alleine gefühlt, das Gefühl des Alleinseins begleitet mich mein Leben lang. Die Leute, die mir gefallen - nicht nur Liebhaber, auch Freunde oder Idole -, sind oft Underdogs, Weirdos oder Außenseiter. Eben, weil ich mich selbst so sehe. Mit Leuten, die ihr Leben auf die Reihe kriegen, die nie Probleme in der Schule hatten - die stabil sind, kann ich wenig anfangen. Das macht mir Angst. Für mich liegt die Schönheit in der Andersartigkeit. Leider sind solche Leute oft nicht besonders für Beziehungen geeignet. Das gilt wohl auch für mich, wenn man sich so meine Songs anhört.

Reimann: Ist die Anziehungskraft, die Cowboys und das Leben drumherum auf Sie ausüben, nicht auch merkwürdig? Immerhin ist das eine Welt, die Sie noch nicht besonders lange willkommen heißt. Man sagt ja, dass Country recht konservativ ist.

Peck: Es gab in der Geschichte viele schwule Cowboys. Und es muss noch mehr gegeben haben, als bekannt ist. Menschen, die ihre Identität haben verstecken müssen. Aber es haben sich doch die meisten Kulturen schwer damit getan, Schwule zu akzeptieren. Auch wenn man sich Filme anguckt, Literatur, Musik, dann gibt es unheimlich viele schwule Cowboys. Zum Beispiel der Film "The Celluloid Closet". Da geht es darum, wie schwule Charaktere über die Jahre hinweg in Filmen vorgekommen sind. Und es gibt viele Western, die von schwulen Filmemachern gedreht wurden. Das war selten subtil, wenn die Cowboys dann zusammen im Zelt verschwunden sind. Und es gibt einen tollen Country-Sänger, Lavender Country. Er hatte eine Art Kult-Album, in den Sechzigern. Ein Country-Album, das ganz und gar aus schwuler Perspektive erzählt wurde.

Reimann: Wann sind die Cowboys in Ihr Leben getreten?

Peck: Schon in meiner Kindheit. Ich bin auf keiner Ranch aufgewachsen und habe keine Rinder gehütet. Aber ich bin in einem Land aufgewachsen, in dem die Natur eine große Rolle spielt. Ich war immer schon fasziniert von Cowboys, von dem, was ich in Filmen gesehen oder in Büchern über sie gelesen hatte. Der einsame Mann, der seinen Weg geht. Selbst als Kind habe ich mich schon so gesehen. Vor kurzem habe ich ein altes Foto gefunden, auf dem ich sechs oder sieben Jahre alt bin. Darauf trage ich einen Cowboyhut, über meinem Gesicht ein Halstuch. Im Grunde habe ich also mein Leben lang schon einen Cowboyhut und eine Maske getragen.

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