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StartseiteKalenderblattEin Schriftsteller wird zum Volksfeind25.05.2015

Oscar WildeEin Schriftsteller wird zum Volksfeind

Der irische Schriftsteller Oscar Wilde wird am 25.05.1895 wegen Homosexualität und Sodomie verurteilt. Es folgten Redeverbot, Schreibverbot und die Absetzung aller seiner Stücke. Das war der Auftakt zu einer gnadenlosen Hetzjagd, von der sich der Dichter nach zwei Jahren Haft nicht mehr erholte.

Von Cornelie Ueding

Der Schriftsteller Oscar Wilde. (imago)
Der Schriftsteller Oscar Wilde wird zu Zuchthaus wegen Homosexualität verurteilt und zerbricht daran. (imago)
Weiterführende Information

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"Dass Sie, Wilde, der Mittelpunkt einer ausgedehnten Korrumpierung junger Leute in der scheußlichsten Form gewesen sind, ist unmöglich zu bezweifeln. Ich kann unter diesen Umständen nur das schwerste Urteil fällen, welches das Gesetz zulässt, und das ist meines Erachtens noch völlig unzureichend für solch einen Fall."

Der moralisch wuchtige Urteilsspruch löste Jubel aus. Als der skandalumwitterte Dichter und Dandy Oscar Wilde am 25. Mai 1895 vom altehrwürdigen Schwurgericht Old Bailey zu zwei Jahren Zuchthaus mit schwerer Zwangsarbeit verurteilt wurde, brach im Gerichtssaal spontaner Beifall aus, berichtet Wildes Biograf Montgomery Hyde:

Montgomery Hyde:
"Mehrere Leute tanzten buchstäblich vor Freude, und ein paar Prostituierte warfen ausgelassen ihre Röcke in die Höhe. ‚Jetzt wer'n se ihm endlich den richt'chen Haarschnitt verpassen', schrie eine von ihnen unter heiserem Gelächter."

Klage führt zur eigenen Verurteilung

Wilde verließ den Gerichtssaal, den er als Kläger betreten hatte, als Angeklagter. Taub für die Warnungen seiner Freunde und gedrängt von seinem impulsiven jungen Liebhaber Bosie, hatte Oscar Wilde dessen Vater, Lord Queensberry, wegen Verleumdung verklagt. Doch das Verfahren kippte. Der Lord hatte nach Beweisen für Wildes praktizierte Homosexualität suchen lassen – und sie im Prostituiertenmilieu gefunden.

Doch die scheinbare Einmütigkeit des populistischen Moralverdikts gegen den der Homophilie angeklagten Autor täuscht. Sieht man sich die Begleitumstände des Verfahrens näher an, ergeben sich aufschlussreiche Widersprüche, und es wird klar, dass die Viktorianische Gesellschaft an einem öffentlichen Skandal nicht interessiert war. Mehrfach bot man Wilde sogar die Möglichkeit, der Verhaftung durch Flucht zu entgehen. Eine Art Gentleman's Agreement im ausgehenden 19. Jahrhundert: Verhaftungen wurden immer erst nach dem berühmten letzten Zug nach Dover mit Anschluss an das Schiff nach Frankreich vorgenommen. Es ist kaum nachzuvollziehen, warum Wilde diese Gelegenheit nicht nutzte. Vielleicht war eine Verurteilung für ihn einfach unvorstellbar: Ausgerechnet er, der gefeierte Kult- und Starautor, das verhätschelte Enfant terrible der Londoner High Society, dem man alle Provokationen zu verzeihen schien? Der Gesinnungswandel, der zur späteren Verurteilung führte, hatte sich, wie André Gide resümierte, schleichend angedeutet:

André Gide:
"Beharrliche Gerüchte schrieben Wilde befremdliche Sitten zu, worauf die einen vorerst nur mit einem Lächeln, die anderen überhaupt nicht antworteten. Allmählich aber nahmen diese Reden festere Gestalt an. Man behauptete, dass Wilde seine Sitten zu wenig verberge, dass er sie geradezu zur Schau stelle ... Schon verließ ihn eine Anzahl Freunde aus Klugheitsrücksichten. Man verleugnete ihn noch nicht geradezu. Doch man sprach nicht gern davon, zu seinem Bekanntenkreis zu gehören."

Einzellzelle, Blechnapf und Zwangsarbeit

Als die Falle zuschnappte, konnte der Kontrast nicht größer sein: künstliches Paradiese und exquisiter Luxus versus Einzelzelle, Blechnapf, Zwangsarbeit. Wilde spricht zu Recht von einem "Grab für jene, die noch nicht tot sind" und geißelt das rigide Gefängnissystem von Überwachen und Strafen als Vernichtungsanstalt.

Oscar Wilde:
"Die gegenwärtige Gefängnisordnung scheint es sich fast zum Ziel gesetzt zu haben, die geistigen Fähigkeiten abzutöten und zu zerstören. Die Erzeugung von Wahnsinn ist, wenn nicht ihre Absicht, so doch ihr Resultat."

Die Wahrheit ist, nicht sein sexuelles Außenseitertum wurde Wilde zum Verhängnis, nicht seine preziösen Extravaganzen, sondern die Veröffentlichung all dessen, was under cover praktiziert und routinemäßig toleriert wurde, in seinen Werken: den Gesellschaftskomödien Eine Frau ohne Bedeutung, Ein idealer Gatte, Bunbury und vor allem im Roman Das Bildnis des Dorian Gray.

Man machte letztlich nicht Jagd auf einen Homosexuellen, dazu war dieses sogenannte Laster im England des ausgehenden Jahrhunderts zu verbreitet, sondern entledigte sich eines Außenseiters der bürgerlichen Übereinkünfte des Verschweigens.

Die Konsequenz: Redeverbot, Schreibverbot, Absetzung aller Stücke – die Art des Strafvollzugs kam einer Auslöschung gleich. Seine Bittschriften blieben unerhört. Er verließ das Gefängnis am 19. Mai 1897 als ein innerlich gebrochener Mann und starb dreieinhalb Jahre später verarmt und einsam im Pariser Exil. In seinem Brief aus dem Gefängnis, De Profundis, schrieb er, vollständig desillusioniert:

Oscar Wilde:
"An meiner eigenen Tragödie ist alles hässlich, schäbig, abstoßend, stillos. Wir sind Witzfiguren des Leids. Clowns mit gebrochenem Herzen. Karikaturen, die allenfalls noch die Lachmuskeln reizen."

 

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