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StartseiteSonntagsspaziergangLiteraturstadt im hohen Norden01.09.2019

OsloLiteraturstadt im hohen Norden

Norwegen ist Ehrengast auf der diesjährigen Frankfurter Buchmesse. Ein guter Grund, sich auf die Spuren der Literatur in Oslo zu begeben. Dabei lässt sich Neues wie Altes entdecken: Ein gemütliches Literaturhaus inklusive Biergarten und eine Bibliothek, die neben dem Hauptbahnhof aus dem Boden wächst.

Von Agnes Bührig

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Ibsen statue in front of the National Theatre, Oslo, Norway, Scandinavia, Europe PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxONLY Copyright: Hans-PeterxMerten 396-5256 (www.imago-images.de)
Norwegen, ein Land großer Literatur: von Klassikern wie Henrik Ibsen bis zu aktuellen Bestsellerautoren wie Jo Nesbø (www.imago-images.de)

Das Zentrum von Oslo hat sich in eine riesige Baustelle verwandelt. Am Rathausplatz unweit der Fähren, die auf die Inseln im Oslofjord führen, wird am neuen Nationalmuseum gebaut, hinter der Oper ragt der fast fertige Neubau des Munch-Museums in die Höhe und auf der anderen Seite soll im kommenden Jahr das neue Gebäude von Oslos Deich-manscher Bibliothek eröffnet werden. Die Lage ist bewusst gewählt, sagt Bibliothekschef Knut Skansen und zeigt eine Karte der Umgebung.

"Hier kann man das sehen: Das Gebäude liegt gleich neben der Oper, einem Publikumsmagneten, der jedes Jahr 1,8 Millionen Besucher anzieht, und dem Hauptbahnhof, Norwegens größtem Verkehrsknotenpunkt mit 50 Millionen Reisenden pro Jahr. Das ist ein fantastischer Platz für eine Bibliothek, das hat sich in den letzten Jahren auch in anderen Ländern gezeigt. Bibliotheken in der Nähe von Verkehrsknotenpunkten machen sie leichter zugänglich. Das ist wichtig, um neue Besucher anzuziehen."

20 000 Quadratmeter Fläche verteilen sich auf fünf Etagen und ein Untergeschoss, die Lesebereiche, einen Multifunktionssaal, ein Kino, Plätze für die Bearbeitung von Ton und Film sowie Restaurant und Café bieten. Ziel ist es, mehr Platz für die Besucher zu schaffen als im alten Haus. Auch den Touristen steht die Bibliothek offen, sagt Knut Skansen. Deshalb werde die Hälfte der derzeit eine Million Bücher umfassenden Sammlung ins Magazin der Nationalbibliothek wandern.

"Die neue Bibliothek ist von Lund Hagem und Atelier Oslo nach einem internationalen Architekturwettbewerb 2008 gezeichnet worden. Unsere Vorgabe war ein Haus für Menschen, einen Raum, in dem sich sie sich begegnen können und nicht, wo Bücher gelagert werden. Und das ist die Herausforderung der Bibliotheken unsere Zeit: Ein Ort zu sein, an dem nicht nur Bücher gebracht und abgeholt werden, sondern in dem man sich auch gern länger aufhält."

Birgitte Bye führt Gruppe über die Baustelle Nationalmuseum

Bye: "So here you have the bookshop and the shop.. "

Ein Konzept, das auch für den Neubau des Nationalmuseums am Rathausplatz gilt, durch den Birgitte Bye gerade eine Besuchergruppe führt. In dem mächtigen, lang gezogenen Steinquader unweit des klobigen Rathauses von Oslo werden im kommenden Jahr Nationalgalerie, Kunstindustriemuseum, Museum für Gegenwartskunst und das norwegische Architekturmuseum einziehen, dazu ein Museumsladen, Restaurant und Café. Juwel des Gebäudes ist der 2400 m² große Alabastersaal, der oben auf dem Baukörper thront.

"Hier können wir einen, zwei, drei Räume abteilen und gleichzeitig bis zu drei Ausstellungen zeigen. Dieser Bereich ist für Ausstellungen gedacht, die ständig wechseln: Architektur, Kunst, Design. Und zum ersten Mal kann Norwegen hochkarätige Künstler präsentieren. Falls wir Monet zeigen wollen, haben wir jetzt die richtigen Räume und auch das richtige Klima: Ventilation, Vorhänge – das können wir alles variieren, je nach Ausstellung."

Luftig und großzügig mutet der riesige Ausstellungssaal an, den die deutschen Architekten Schuwerk und Kleihues 2010 entworfen haben.

Seine Wände sind an allen Seiten aus Glas. In der Nacht soll er weithin sichtbar in der City Oslos leuchten, denn er ist mit 6000 LED-Leuchten ausgestattet, sagt Birgitte Bye. Ein neues Wahrzeichen, das mit den historischen Gebäuden der Umgebung Kontakt aufnehmen soll, sagt die Pressefrau.

"Dieses Gebäude soll mit dem Rathaus und mit der Festung kommunizieren. Wenn man sich das auf der Karte anguckt, sieht man, dass dabei eine dreieckige Achse herauskommt, eine historische Achse mit drei Kanten. Und man kann sehen, dass alle drei Gebäude aus Stein sind. Diese drei Bauten gehören zusammen. Für den Neubau wird Schieferstein aus Norwegen verwendet, der zu den ältesten seiner Art gehört. Für die Fassade haben sie die Steine so zugeschnitten, dass ein Querschnitt der Gesteinsschichten vergangener Jahrmillionen zu sehen ist."

Schlicht und modern sieht das auf den Bauzeichnungen aus, pragmatisch geplant wie so oft in Skandinavien. Bereits seit dem Jahr 2000 arbeiten die Stadtpolitiker von Oslo an der Neugestaltung ihres Innenstadtviertels Bjørvika und der Neubebauung der Strandlinie entlang des Oslofjords.

Wer es architektonisch altmodischer mag, dem sei der Stadtteil Frogner nördlich des Schlosses mit seiner prächtigen Gründerzeitarchitektur empfohlen. Schnell hin kommt man mit ausleihbaren E-Tretrollern, die seit ein paar Monaten die Innenstadt von Oslo bevölkern. So lässt es sich über den Prachtboulevard Karl Johans Gate schnurren, vorbei an der Büste Henrik Ibsens vor dem Nationaltheater und über Zitate aus seinen Theaterstücken, die ins Trottoir eingelassen sind.

"Vi ejer Tiden, men Tiden ejer ogsaa os."

"Uns gehört die Zeit, aber wir gehören auch der Zeit" - ein Zitat Ibsens aus dem Drama "Der Bund der Jugend" von 1869 sagt Erik Fosnes Hansen, der gerade an einem Buch mit Spaziergängen durch das literarische Oslo schreibt.

"Es ist ja mit Ibsen wie mit Goethe in Deutschland, dass sein Werk für die Norweger fast nur aus Zitaten besteht. Redewendungen, die in der Alltagssprache hier hinein gegangen sind. Und das heißt, dass diese Ibsen-Zitate nicht nur sein Werk feiern, sondern auch irgendwie die norwegische Sprache."

So wie das Literaturhaus von Oslo, das vor 12 Jahren von der privaten Stiftung für freie Meinungsäußerung "Fritt Ord" gegründet wurde. Es residiert in einem mächtigen Gebäude aus den 1930er Jahren am Rand des Schlossparks im gutbürgerlichen Stadtviertel Frogner. Räume für Vorträge und Tagungen befinden sich im Haus genauso wie eine kleine Gastwohnung für Schriftsteller, ein Restaurant und ein Buchhandel. Susanne Kaluza, die das Literaturhaus seit dem Frühjahr leitet, ist es wichtig, ganz verschiedene Besuchergruppen anzusprechen.

Susanne Kaluza:

"Das Literaturhaus ist ein altes, ehrwürdiges Gemäuer unweit des Schlosses in einem achtbaren Teil von Oslo. Zu uns kommen die Menschen, die hier in der Nähe wohnen. Aber wir wollen auch, dass Jugendliche, Menschen mit Migrationshintergrund und Menschen jedweden ökonomischen Hintergrundes kommen. Sie versuchen wir auch über die sozialen Medien zu erreichen. Am Ende geht es allerdings darum, sich physisch zu begegnen, in einer Zeit, wo viele vor den Schirmen sitzen."

Das Literaturhaus als Ort der Begegnung, das schätzt auch Erik Fosnes Hansen, der im Frühjahr hier ein deutsch-norwegisches Literaturfestival organisiert hat. Nicht zuletzt lädt der Garten vor dem Eingang zum Verweilen ein.

"Wir stehen ja jetzt vor dem Haus, hier ist ein Biergarten. Das ist in diesen zwölf Jahren ein selbstverständlicher Treffpunkt für das kulturinteressierte und literaturinteressierte Publikum geworden. Man kann Kaffee trinken, man kann gut essen, es gibt fortdauernd verschiedene Veranstaltungen. Das ist natürlich ein Treffpunkt für Literaten und hier kann also auch der Tourist, wenn er sich hier eines Abends hinsetzt, norwegische Literaten in allen möglichen – wie soll man sagen – Stadien beobachten."

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