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StartseiteCorsoRoad-Trip durch die Comicgeschichte28.01.2019

"Ost-West: Eine Biografie" von Pierre ChristinRoad-Trip durch die Comicgeschichte

Mit der Science-Fiction-Reihe "Valerian und Veronique" hat der französische Comicautor Pierre Christin einen Klassiker geschaffen. Nun hat er eine Autobiografie vorgelegt, die zugleich Reisereportage durch die USA und UdSSR ist - und eine Hintergrundgeschichte über die Comicszene.

Von Andrea Heinze

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Jean Claude Mezieres und Pierre Christin vor der Premiere des Films Valerian (2017) (imago stock&people (Stephen Caillet))
Jean-Claude Mézières und Pierre Christin (r.) vor der Premiere des Films "Valerian - Die Stadt der Tausend Planeten" (2017) (imago stock&people (Stephen Caillet))
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Schon die ersten Seiten beeindrucken durch ihre Kulisse: Pierre Christin reist Mitte der 60er-Jahre in einem Greyhoundbus durch die Rocky Mountains. Und die großformatigen Bilder von der Fahrt sind in so frischen Pastellfarben gehalten, dass man die Kälte des Tornados geradezu spürt, der die atemberaubende Berglandschaft kurzerhand in eine Schneewüste verwandelt und den zum Bus gehörenden Gepäcktransporter von der Straße abkommen lässt. Der Ranger einer Bergstation beruhigt die frierenden Reisenden.

Auszug aus dem Comic: "Ist nur ein Tornado M'am. Das Wetter wird sich erholen."

Science-Fiction-Comicserie und Cowboyerlebnisse

Die spektakulären Bilder hat Philippe Aymond gezeichnet. Christin hat sich immer mit den Besten zusammengetan, das ist sicher eins seiner Erfolgsgeheimnisse. In dieser Comicbiografie, die bis ins Jahr 2000 reicht, erzählt er von seinen Erlebnissen mit den innovativsten Comickünstlern Frankreichs. Und das macht er sehr persönlich. Jean-Claude Mézières zum Beispiel, mit dem er die weltberühmte Science-Fiction-Comicserie "Valerian und Veronique" entwickeln wird, steht im Herbst plötzlich in Salt Lake City vor der Tür. Mézières arbeitet als Cowboy in den USA und nun ist die Saison vorbei. Christin kennt Mézières schon seit Kindertagen. Zusammen werden sie in schrottreifen Autos durch die USA reisen, eine Dokumentation über das Leben der Schwarzen drehen - und aus Jux und Tollerei erste Comics nach Frankreich verkaufen.

Auszug aus dem Comic: "Und so haben wir die Geschichte unserem Freund Jean Giro geschickt, der für 'Pilote' arbeitete, einem Magazin, das wir nicht kennen, um sie jemandem namens René Goscinny zu lesen zu geben, den wir nicht kennen, den Autor eines Comics namens 'Asterix', den wir nicht kennen."

Reise von West nach Ost

Der lakonische Ton, mit dem Pierre Christin im Comic die wichtigsten Namen der französischen Comicszene der 60er-Jahre aufzählt, zieht sich durch das ganze Buch. Außerdem erzählt er sein Leben nicht chronologisch, sondern von West nach Ost. Nach der grandiosen Weite der USA und dem Gefühl des "Anything Goes", wirkt seine Pariser Kindheit und Jugend ausgesprochen eng: die Keller, in die er sich als Kind bei den Bombardierungen während des zweiten Weltkriegs flüchtete. Und dann hat nach dem Krieg auch die deutsche Besatzung ihre Spuren hinterlassen.

Auszug aus dem Comic:  "In meinem vorstädtischen Kokon sagt man 'Israeliten' statt 'Juden',  mit einer gewissen Befangenheit, die ich nicht verstehe. In ihren gastfreundlichen Familien, die oft noch die kleinen Handwerke des Marais, wie Kürschner oder Lederwarenhändler ausüben, ist man laizistisch und spricht nie über die Vergangenheit."

Hintergrundgeschichte und intellektuelles Abenteuer

Damals ist die Literatur für Christin ein erstes Fenster in die Welt. Er arbeitet in einer Buchhandlung und lässt sich mit Romanen bezahlen. Er schlägt eine akademische Laufbahn ein. Und er wird ein Linker, der vom Dogmatismus seiner Kollegen genervt ist. Pierre Christin will wissen, wie es sich wirklich im Sozialismus lebt und bereist deshalb den Ostblock. In seiner Autobiografie erzählt er vom Mangel, der dort herrscht, von der Umweltverschmutzung und davon, wie unterschiedlich das Leben in den verschiedenen Staaten ist - in Rumänien zum Beispiel.

Auszug aus dem Comic: "Es sind keine geopolitischen Überlegungen, die den Geist des Reisenden beschäftigen, es ist die Nostalgie. Die eines Frankreichs, das bereits verschwunden ist. Die weißen, für das Mittagessen ausgebreiteten Tischdecken. Die langen Siestas im Schatten der Heuhaufen. Die Tagelöhner, die mit den Schuhen in der Hand laufen, um sie nicht abzunutzen."

Piere Christin wird im Ostblock immer wieder Schauplätze für seine Comicszenarien finden. Zum Beispiel für den Politthriller "Treibjagd", den Enki Bilal gezeichnet hat. Auch das kann man in der Comicbiografie "Ost-West" nachlesen. "Ost-West" ist damit eine gelungene Hintergrundgeschichte der französischen Comicszene. Und es dokumentiert auf ebenso unterhaltsame wie dichte Weise eine Zeit, als Reisen auch ein intellektuelles Abenteuer war.

Pierre Christin/Philippe Aymond: "Ost-West: Eine Biografie"
Carlsen Verlag Hamburg, 2019. 144 Seiten, 22 Euro

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