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StartseiteKulturfragen"Chemnitz hat genug gelitten"03.10.2019

Ostdeutsche Identitäten"Chemnitz hat genug gelitten"

Die Kunsthistorikerin Ingrid Mössinger war langjährige Leiterin der Kunstsammlungen Chemnitz. Die Stadt werde unterschätzt, sagte sie im Dlf. Das Stigma des Rechtsradikalismus trage sie zu unrecht - und kulturell habe sie einiges zu bieten. Der Titel "Europäische Kulturhauptstadt" sei erreichbar.

Ingrid Mössinger im Gespräch mit Norbert Seitz

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Kunsthistorikerin Ingrid Mössinger (picture alliance / ZB)
21 Jahre Museumschefin in Chemnitz: Kunsthistorikerin Ingrid Mössinger (picture alliance / ZB)
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Der Vorwurf des Rechtsextremismus stärke nur die Unsicherheit der Menschen in den "neuen" Bundesländern, sagte Mössinger im Deutschlandfunk. Eine Empörungsgesellschaft sorge permanent für Skandalisierungen, die voller hysterischer Übertreibungen steckten. So seien die gewiss beschämenden Exzesse an Fremdenfeindlichkeit des vergangenen Jahres zu einer Landes- und Regierungskrise aufgebauscht worden.     

Mehr Mitgefühl mit den Älteren

Der Generationenkonflikt im Osten laufe nicht nach dem klassischen Muster "Jung gegen Alt", konstatiert die mehrfach ausgezeichnete Kunsthistorikerin. Nachdem ein Großteil der Jüngeren in der Zeit nach der Wende wegen hoffnungsloser Perspektiven in den Westen aufgebrochen sei, gehe es bei den Generationen der nach dem Mauerfall Geborenen wieder mehr um Herkunftsfragen. Mitleid statt einer Frontstellung habe sich gegenüber den älteren, sich abgehängt und diskriminiert fühlenden Generationen entwickelt. Die jungen Generationen wehrten sich, eine neue Generationenübereinkunft bahne sich an. Bedauerlicherweise gehe diese Entwicklung mit neuerlicher DDR-Nostalgie einher, die verharmlose, was geschehen sei. Dadurch drohe "die Erinnerungserfahrung verloren zu gehen", so Mössinger. 

Marx-Schädel ist das falsche Symbol

"Ziemlich schockierend" findet die pensionierte Museumsleiterin die generelle Schädigung des Rufs der Stadt durch xenophobe Großdemos mit Hitlergrußbezeugungen. Mössinger habe vom September 2005 bis zum April 2018 in Chemnitz gewohnt und gearbeitet und während dieser Zeit keine "besonderen Begegnungen mit Rechtsradikalen" erlebt. Die gebürtige Schwäbin bedauert überdies, dass Chemnitz auch künstlerisch immer noch mit dem monumentalen, "aus sowjetischen Ramschbeständen stammenden Karl-Marx-Schädel" identifiziert werde. Riesige Bilder seien der plakative Ausdruck totalitärer Systeme. 

Der Westen lehrt Expansion

1995 begann Ingrid Mössinger, in Chemnitz das größte kommunale Museum in Deutschland aufzubauen: "Es war eine einzigartige Gelegenheit, eine Systemveränderung innerhalb eines Landes zu erleben", beschrieb sie ihre Motivation in den "Kulturfragen". Sie wollte eine "teilnehmende Beobachterin" dieses Prozesses sein: "Der Reiz des Neuen hat mich schon sehr angesprochen." Teil ihrer Bilanz: der Rückkauf von Wilhelm Lehmbrucks "Kopf eines Denkers", der Ankauf von sechshundert Arbeiten des in Chemnitz geborenen Malers Karl Schmidt-Rottluff, des gesamten grafischen Œuvres von Wolfgang Mattheuer, von mehr als zweihundert Werken von Lyonel Feininger und vierzig von Erich Heckel. Mössinger holte zudem die Expressionisten-Sammlung Gunzenhauser mit zweitausendfünfhundert Werken in die Stadt – darunter dreihundert von Otto Dix und über siebzig von Alexej Jawlensky: Was man im Westen lernt, ist Expansion. Das ist auch gut für Chemnitz und das Museum."

Als Ehrenbürgerin von Chemnitz wirbt sie nun dafür, das Gedenken an Karl Schmidt-Rottluff auszubauen –  etwa durch die Musealisierung von Wohn- und Elternhaus des Künstlers. Außerdem unterstützt sie die Bewerbung von Chemnitz um den Titel "Europäische Kulturhauptstadt 2025".

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