Samstag, 03. Dezember 2022

Kommentar zu Ostdeutschland
Aufwertung der Lebensverhältnisse statt bloßes Geld abwerfen

Auch 32 Jahre nach der Deutschen Einheit werde der Osten noch oft durch eine westdeutsche Brille betrachtet und als defizitär gesehen, meint Henry Bernhard. Angesichts großer Unterschiede zu westdeutschen Verhältnissen, seien massive Investitionen in höhere Gehälter und Bildung wichtig.

Kommentar von Henry Bernhard | 02.10.2022

Zwei Menschen laufen an einer Hausruine im Landkreis Ostprignitz-Ruppin vorbei
Landkreis Ostprignitz-Ruppin 2020: Nur durch eine Verbesserung der Lebensverhältnisse ließen sich Dinge in den neuen Bundesländern ändern, meint Henry Bernhard (picture alliance / imageBROKER / Joko)
Der Bericht des Ostbeauftragten Carsten Schneider verlässt die ausgelatschten Trampelpfade der Berliner Beamten-Perspektive. Und das ist gut so. Zu verlässlich plätscherten die Berichte jahrein, jahraus ins Haus, erzählten von großen Erfolgen – und davon, was alles noch zu tun sei. Da ist es gut, dass der neue Ostbeauftragte anders als seine Vorgänger erst einmal andere zu Wort kommen lässt. In 15 Essays schreiben in erster Linie Ostdeutsche – alte wie junge – über ihrer persönlichen Erfahrungen. Über ihr Engagement und ihre Hoffnungen, über ihren Osten. Und der ist nicht für jeden derselbe.
Diese Multiperspektivität ist es, die dem Bericht guttut, weil in der öffentlichen Debatte über den Osten in den letzten drei Jahrzehnten zu oft die Klischees von blühenden Landschaften auf der einen und Dunkeldeutschland auf der anderen Seite bemüht wurden. Dunkel wird es noch früh genug in Schneiders Bericht. Dieser dient auch der inner-östlichen Selbstvergewisserung und Selbstverständigung.

Der Osten als defizitärer Teil Deutschlands

Die Essays erzählen von mutigen Entscheidungen, zu bleiben, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen, die Chance der Leere, des Unfertigen zu nutzen. Sie erzählen vom wieder gewachsenen Selbstvertrauen, das vielen Ostdeutschen in den 90er Jahren abhandengekommen war.  Weil sie sich als defizitär wahrgenommen haben gegenüber den „Brüdern und Schwestern“ und vor allem den reichen Onkels im Westen.
Wer in einem sozialversicherungspflichtigen Vollzeitjob weniger als 2284 Euro brutto verdient, gilt in Deutschland als geringverdienend. Der Anteil der Geringverdienenden im Osten liegt mit 29,1 Prozent deutlich höher als im Westen (16,4 Prozent).
Wer in einem sozialversicherungspflichtigen Vollzeitjob weniger als 2284 Euro brutto verdient, gilt in Deutschland als geringverdienend. Der Anteil der Geringverdienenden im Osten liegt mit 29,1 Prozent deutlich höher als im Westen (16,4 Prozent). (dpa-infografik GmbH / dpa-infografik GmbH)
Der Blick auf den Osten ist noch heute oft einer, der ihn nur auf der Folie des Westens betrachtet, quasi als defizitärer Teil Deutschlands, der noch nicht so weit ist wie der Westen. Das ist einerseits nachvollziehbar: Welche Statistik man auch immer heranzieht: Die alte Grenze zwischen Bundesrepublik und DDR zeichnet sich haargenau ab: Einkommen, Vermögen, Erbe, Überalterung, Schrumpfung, Ausländeranteil, Steuereinnahmen, Immobilienbesitz, Zusatzrenten, Wochenarbeitszeit, Tarifvertragsbindung, Gender-Pay-Gap, und so weiter. Und nur im letzten Punkt sieht es im Osten besser aus als im Westen: Die Differenz zwischen dem, was Frauen verdienen und dem, was Männer verdienen, ist geringer als im Westen. Und selbst das liegt zum größten Teil daran, dass es im Osten weniger attraktive Industriearbeitsplätze gibt, in denen vor allem Männer gut verdienen.

Nachvollziehbare Angst vor kaltem Winter

Und gerade an Punkten wie Vermögen und Immobilienbesitz wird klar, dass Menschen im Osten finanziell noch mindestens über Jahrzehnte hinweg hinter ihren Landsleuten im Westen zurückstehen müssen. Dazu kommt verschärfend, dass im Osten doppelt so viele Menschen Mindestlohnbezieher sind wie im Westen – fast jeder Dritte! Und das sollte schon reichen als Erklärung, warum im Osten die Angst vor einem kalten und damit teuren Winter größer ist als im Westen. Diese Zahlen finden sich im zweiten Teil des Berichts des Ostbeauftragten Schneider. Viele Menschen, viele Firmen haben keine Reserven, keine Polster, kein Erbe, auf die sie zurückgreifen können.

Aufwertung der Lebensverhältnisse gegen rechte Tendenzen

Schwieriger wird die Erklärung, warum im Osten signifikant mehr Menschen bereit sind, bei der Formulierung dieser Sorgen hinter Rechtsextremen und Russlandfahnen herzulaufen. Und dabei Corona-Flüchtlinge-Krieg-Impfung-Energiepreise in einen nach Rassismus, Antisemitismus und Ignoranz gegenüber fremdem Leid stinkenden Topf zu verrühren. Auch da hilft ein Blick auf die Zahlen: Es sind oft Menschen mit niedrigem sozialen Status, meist in Gegenden, die mit Blick auf die Infrastruktur und Daseinsfürsorge schlechter ausgestattet sind. Und beides häuft sich im Osten. Und die 89er Erfahrung, dass man nur auf die Straße gehen müsse, dann ändere sich die Politik über Nacht. Das ist eine Erklärung, keine Entschuldigung.
Es bleibt also die Aufgabe, massiv in eine Aufwertung der Lebensverhältnisse im Osten zu investieren, die Löhne anzuheben, für Ansiedlungen von Firmen wie Bundesinstitutionen zu sorgen. Und für politische Bildung. Hier liegen große Versäumnisse der 90er-Jahre, als man in Bonn und später in Berlin dachte, es reiche, viel Geld über dem Osten abzuwerfen.

Dominanz Westdeutscher auf Entscheiderebenen

Und noch eins muss angegangen werden, das hat der Ostbeauftragte in seinem Bericht richtig erfasst: Der Anteil der Ostdeutschen in den bundesdeutschen oder auch nur ostdeutschen Eliten ist vermutlich geringer als der Anteil der Linkshänder oder der Laktose-Intoleranten. Kein Ostdeutscher wundert sich darüber, wenn in Leitungsebenen, auf Podien, bei wissenschaftlichen Tagungen, nur Westdeutsche vor ihm sitzen, die ihm die Welt erklären. Kein Ostdeutscher wundert sich darüber, wenn auf einer Party auf einem schönen Brandenburger Seegrundstück alle Gäste aus dem Westen stammen. Das große Problem ist aber, dass auch die Westdeutschen sich nicht darüber wundern.
Henry Bernhard wurde 1969 geboren und wuchs in Weimar auf. Er studierte Politik, Publizistik, VWL und Völkerrecht in Göttingen. Seit 1990 arbeitete er fürs Radio, davon 20 Jahre ausschließlich an langen Radiofeatures. Sein Schwerpunkt lag dabei auf historischen Themen – Geschichten aus dem geteilten Deutschland und aus dem "Dritten Reich", von gescheiterten Kommunisten und zurückgekehrten Juden, von Überlebenden und Verlierern der Geschichte. Nach einem Ausflug zum Fernsehen ist er seit 2013 Landeskorrespondent von Deutschlandradio in Thüringen.
Henry Bernhard wurde 1969 geboren und wuchs in Weimar auf. Er studierte Politik, Publizistik, VWL und Völkerrecht in Göttingen. Seit 1990 arbeitete er fürs Radio, davon 20 Jahre ausschließlich an langen Radiofeatures. Sein Schwerpunkt lag dabei auf historischen Themen – Geschichten aus dem geteilten Deutschland und aus dem "Dritten Reich", von gescheiterten Kommunisten und zurückgekehrten Juden, von Überlebenden und Verlierern der Geschichte. Nach einem Ausflug zum Fernsehen ist er seit 2013 Landeskorrespondent von Deutschlandradio in Thüringen.