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StartseiteSonntagsspaziergangDer Semmel-Segen von Attendorn13.04.2020

Osterbrauch im SauerlandDer Semmel-Segen von Attendorn

Attendorn im Sauerland ist bekannt wegen seiner Atta-Tropfsteinhöhle und des Biggesees. Aber es gibt auch Traditionen und Bräuche, die es in dieser Form sonst nirgendwo gibt und die schon seit Jahrhunderten gepflegt werden. Dazu gehören das berühmte "Semmel-Segnen" und die Attendorner Osterfeuer.

Von Heike Braun

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Die Pfarrkirche am Alten Markt von Attendorn im Sauerland, Nordrhein-Westfalen (dpa / imageBROKER)
Die Pfarrkirche am Alten Markt von Attendorn im Sauerland, Nordrhein-Westfalen (dpa / imageBROKER)

Wer bei Sonnenaufgang, möglichst alleine, auf der Aussichtsplattform des sogenannten Bigge-Blicks steht, erkennt sofort: Die Welt kann so schön sein. Auf 90 Metern Höhe reicht der Sky-Walk in den See hinein. Man scheint darauf zu schweben. In der Mitte steht eine neun Meter hohe Nadel.

Matthias Großöhme ist der Architekt des Biggeblicks. "Ja. Auslöser war eigentlich die Regionale 2013. Und das war dann die, dass da was passieren sollte. Und die verrückte Idee war relativ schnell geboren, ein kreisrundes Teil zu machen, wo sich die Leute verteilen können. Meine Idee war, so etwas Leichtes zu haben, um ein Meererlebnis zu haben. Und die Nadel soll so eine Art modernes Gipfelkreuz sein, so eine Landmarke. Wenn man das mal morgens erlebt, das ist toll. Das ist alles schon traumhaft."

Der einzige jüdische Themenwanderweg Deutschlands

Der Bigge-Blick liegt auf dem sogenannten Julius-Ursell-Wanderweg, einer weiteren Besonderheit von Attendorn. Der Julius-Ursell-Weg ist der einzige jüdische Themenwanderweg Deutschlands. Hartmut Hosenfeld ist ein ehemaliger Gymnasiallehrer und hat mehrere Bücher über die Juden Attendorns geschrieben. Er macht auch regelmäßig Führungen entlang des Themenwanderwegs. Schnell wird erkennbar, dass die jüdischen Kaufmannsfamilien einmal die Hauptarbeitgeber in Attendorn waren. Hoch angesehen, hervorragend integriert, herzlich und emphatisch, so wie Julius Ursell.

"Das war ein echter Attendorner Junge, der sich Sonntagsmorgens zum Frühschoppen traf mit seinen Freunden. Er war Wegewart, damals schon im SGV und zog mit seinem Sohn durch die Wälder und markierte die Wege. Er war im Turnverein, er war im Schützenverein und ein richtiger Geschäftsmann. Aber ein Wohltäter. Ein Wohltäter der Stadt, so wie die ganze Familie Ursell."

Blick auf die abrahamitischen Religionen

Julius Ursell, liegt gemeinsam mit 32 anderen Attendorner Juden auf dem Friedhof begraben. Damals bekamen die Juden das Grundstück zugesprochen, weil es so abgelegen war und es sonst keiner haben wollte. Doch die Zeiten haben sich zum Glück geändert, sagt Hartmut Hosenfeld und öffnet das Tor vom Friedhof.

"Das ist meines Erachtens nach der schönste Platz von ganz Attendorn. Wir sind oberhalb der Stadt. Und wenn wir genau gucken, können wir von hier aus die abrahamitischen Religionen sehen. Vorne rechts die katholische Kirche, daneben die evangelische Kirche. Im Hintergrund, ich glaube, da müssen wir ein bisschen weiter gehen, sieht man das Minarett von der neuen Moschee und wenn wir noch weiter gehen, kann ich Ihnen zeigen, wo der letzte jüdische Gebetsraum war."

Der Davidstern am jüdischen Friedhof in Attendorn mit dem Sauerländer Dom im Hintergrund (Heike Braun)Der Davidstern am jüdischen Friedhof in Attendorn mit dem Sauerländer Dom im Hintergrund (Heike Braun)

Der Julius-Ursell-Wanderweg führt auch mitten durch die Stadt Attendorn. Der alte Kern der Sauerländer Hansestadt ist noch gut erhalten. Auch das Haus, wo früher der jüdische Gebetsraum war und die jüdischen Kaufhäuser, die fast alle Kleidung, Schuhe und Stoffe verkauften.

"Da vor der Kirche, da ist das Kaufhaus von den Ursells. Gleich gehen wir dann da runter. Da kommt man rechts zum ehemaligen Kaufhaus Cohn. Und auf der linken Seite, hinter dem alten Rathaus, ist das Kaufhaus Lenneberg. Damals das größte Kaufhaus von Nordrhein-Westfalen. So, jetzt sind wir innerhalb der Stadtmauern."

Osterzeit ist die wichtigste Zeit des Jahres

Die Stadtmauern sind zwar nicht mehr in Natura erhalten, dafür aber in den Köpfen der Attendorner noch äußerst präsent. Das liegt unter anderem an den vier Osterfeuervereinen, die sich die Namen der alten Stadttore gegeben haben. Sie heißen Kölner Poorte, Ennester Pote, Wasserpoote und Niederste Poorte. Die Aufzeichnungen über das Brauchtum gehen weit ins Mittelalter zurück, erklärt der Stadtarchivar Otto Höffer:

"Porte kommt aus dem lateinischen und heißt Porta, das Tor. Damit ist nicht anderes gemeint, als die vier Stadttore, nach denen die Osterfeuervereine benannt worden sind, die gehen zurück auf die vier mittelalterlichen Steuerbezirke der Stadt. Unser Brauchtum ist seit dem Mittelalter hier nachzuweisen. Es gibt zum Beispiel ein Titelblatt eines Attendorner Autoren, Johannes Rivius, nachdem das Attendorner Rivius Gymnasium benannt ist. Der war Lehrer am sächsischen Fürstenhof und der hat in den 1530er-Jahren ein Buch veröffentlicht, wo er auf dem Titelblatt eine Vigniette des Osterfeuers von Attendorn veröffentlicht."

Die Osterzeit ist für die Attendorner die wichtigste des Jahres. Schon Wochen vorher ändert sich die Begrüßung in der Stadt. Die Menschen sagen nicht mehr guten Tag, sondern "Gut Für", was so viel bedeutet, wie "ein gutes Feuer". Es gibt vier Vereine in Attendorn, die jeweils ein eigenes Osterfeuer machen. Alle auf den Bergen über der Stadt. Bereits fünf Wochen vor Ostern gehen die Attendorner in den Wald und suchen heimlich nach dem dicksten und längsten Baum, um daraus ein Kreuz zu errichten. Jeder Verein will diesen ultimativen Baum natürlich finden. Das ist in Attendorn ein Wettbewerb, der mit großer Ernsthaftigkeit betrieben wird.

Pflege der plattdeutschen Sprache

Alle vier Ostervereine, die sogenannte Porten, fällen an dem Ostersamstag einen eigenen Baum im Wald, bringen ihn mit großem Aufwand zur Vermessung in die Ortsmitte und küren den Sieger. Seit 1932 wird dabei ein Plattdeutsches Lied gesungen. Das sogenannte Poskelaid. Die plattdeutsche Sprache, soll in Attendorn nicht in Vergessenheit geraten, erklärt Stadtarchivar Otto Höffer:

"Deswegen wird auch nach wie vor eine Plattdeutsche Ansprache gehalten am Karsamstag auf dem Marktplatz. Und dazu wird dann ein sechsstrofiges plattdeutsches Osterlied nach der Melodie von "Das Wandern ist des Müllers Lust" gesungen. Da sagen wir‚ dat Poskekrüz, dat is dai Solt, der Porte. Das Porske-Kreuz das ist der Stolz der Porte‘. Und die Porskebrüder haben 1879 illegal das Osterkreuz geschlagen und das Osterholz gesammelt und wurden dafür auch polizeilich verurteilt. Und dazu gibt es dann diese Strophe hier: ‚Achteinhundertniegenunsievenzig owwer harre se Pech, dai Polizei dai kam, und dai nahmene wiäg, dai Polizei dai kam und dai nahmene wiäg, dat Poskekrüz.‘"

Unter lautem Gesang und mit ebenfalls großem Aufwand, werden alle Bäume wieder zurück in den Wald gebracht. Am Sonntagmittag bekommt jeder Baum die Form eines Kreuzes, wird aufgestellt und am Sonntagabend angezündet. Damit alle gleichzeitig brennen, wird um Punkt 21 Uhr das Kreuz auf der Pfarrkirche erleuchtet, das auf den vier Bergen deutlich zu sehen ist. Außerdem gibt es noch ein akustisches Signal mit einem Instrument von anno 1817, erklärt Gerhard Höffer, der Ehrenvorsitzende des Osterfeuer-Gesamtvereins.

"Damals war ein Garnisonstandort hier in Attendorn und die hatten da ein Tenor-Horn. Zum Signale blasen. Das hat sich noch erhalten. Und das wir ab Gründonnerstag, wenn die Glocken ja nach Rom fliegen, wird das verwendet, um die Kirchenbesucher zum Gottesdienst zu beordern. Und wird also vom Turm aus geblasen. Immer noch dasselbe Horn."

Wettbewerb um das schönste Osterfeuer

Dieses Horn ruft zwischen Gründonnerstag und Ostersonntag nicht nur die katholischen Gläubigen in die Kirchen. Es wird auch geblasen, sobald das LED-Kreuz auf der Kirche leuchtet. Sofort werden die vier Osterfeuer mit Fackeln angezündet. Alle wollen natürlich das schönste Feuer haben. Die Konkurrenz der vier Osterfeuervereine hält sich allerdings in vernünftigen Grenzen. Dafür sorgt seit 1932 ein Dachverein, dem alle vier Porten-Vereine angehören, erklärt Dieter Hundt, Geschäftsführer des Dachvereins

"Die erste Sitzung ist die Poskevatter-Versammlung, die an dem Freitag nach Aschermittwoch stattfindet. Dort treffen sich die Poskeväter und der gesamte Vorstand des Osterfeuervereins, der aus den vier Poskevätern, einem ersten Vorsitzenden, einem zweiten Vorsitzenden und dem Geschäftsführer besteht. Dort wird beschlossen, wer wo Holz holt und welche Sachen, erledigt werden müssen, um an ein neues Kreuz zu kommen. Mein Vatter war 25 Jahre erster Poskevatter der Kölner Porte. Und deswegen wurde mir das auch schon in die Wiege gelegt. Ich bin schon als Vierjähriger zum Osterholz holen gegangen und bin der Tradition bis heute treu geblieben."

Und Stadtarchivar Otto Höffer fügt hinzu: "Das Osterbrauchtum ist eines der Kernbrauchtümer, neben Karneval und Schützenfest. Und das Osterbrauchtum ist das intensivste Brauchtum der Stadt und vereint alle soziale Schichten und alle Altersgruppen der Bevölkerung. Das hat sich seit den 1820er-Jahren hier dokumentiert. Der Stadtbrand von 1783 hat leider die frühere Überlieferung weitestgehend zerstört. Da gibt es aber eine andere Überlieferung aus dem Archiv der katholischen Kirchengemeinde, wo der damalige Pfarrer Johannes Zeppenfeld 1658 das Osterbrauchtum formuliert hat, in dem er die ältesten Menschen der Stadt - damals nach dem 30jährigen Krieg zusammen gerufen hat - und hat aufschreiben lassen, wie das Osterbrauchtum vor dem 30jährigen Krieg war. Also vor 1618. Und dort ist zum Beispiel das erste Mal auch das Attendorner "Semmel segnen", was am Karsamstag stattfindet, dokumentiert."

Ostersemmel werden frisch gebacken

Das Brauchtum des Oster-Semmel-Segnens wollen die Attendorner ins "Immaterielle nationale Kulturerbe" eintragen lassen. Der Antrag läuft bereits. Den Semmel-Segen gibt es am Ostersamstag. Die Semmel werden in allen städtischen Bäckereien frisch gebacken und haben die Form eines Fisches. So gut wie jeder Attendorner kauft sich seine Semmel erst kurz vor der Segnung direkt beim Bäcker. Normalerweise. Aber was ist zu Ostern 2020 schon noch normal? Zum ersten Mal seit Bestehen dieses europaweit einzigartigen Brauchtums des Semmel-Segnens, fand er nicht unter freiem Himmel am Kirchplatz statt. Doch dieser für die Attendorner so wichtige Segen fiel trotzdem nicht aus. Diesmal gab es die Semmel von den Bäckern mit dem katholischen Ostergruß und dem Hinweis, wie man seine Semmel selbst segnen kann. Sprich: Jeder der eine Semmel kaufte, hat dazu einen "Semmel-Segen-To-Go" bekommen, erklärt Ralf König, einer der städtischen Bäcker.

"Wir haben einen Online Shop, wo man den Ostersemmel bestellen kann unter www.ostersemmel.de und wir haben mehrere Bäcker, zum Teil auch Kollegen, die früher Bäcker waren, die uns freundlicherweise an diesem Tag dann helfen, zu produzieren, damit alle Attendorner ihren ofenfrischen original Oster-Semmel dann auch bekommen."

Ob jung oder alt. Die meisten Attendorner kennen den Semmelsegen eh auswendig, denn sie wachsen damit auf.

"Segne diese Oster-Semmel, wie Du einst die fünf Brote in der Wüste gesegnet hast. Allen, die von diesen Semmeln genießen. Gereiche das Brot, zum Schutz gegen Krankheiten und alle Anschläge des Bösen."

Prozessionen wurden abgesagt

Der Oster-Semmel-Brauch in Attendorn hat sich von Corona nicht besiegen lassen. Am Samstagmittag wurden die Semmel von vielen Attendornern aus den Fenstern oder von den Balkonen gehalten. Die Gläubigen wussten: Ihr Pfarrer Andreas Neuser steht um Punkt 14 Uhr auf der Kanzel ihres Sauerländer Domes und spricht den Semmel-Segen. Einige Gläubige verfolgten ihn auch in den Streaming-Diensten oder schauten Videos aus früheren Jahren.

"Der Attendorner ist auf den Balkon gegangen und dann hat der um zwei Uhr pünktlich den Semmel in die Luft gehalten und hat den segnen lassen. Da stecken echt Emotionen drin. Das ist unglaublich. Dann singt man noch mal ‚Großer Gott wir loben dich‘. Es ist Gänsehaut. Das ist eben Tradition."

Der Skywalk Bigge-Blick bei Attendorn (Heike Braun)Der Skywalk Bigge-Blick bei Attendorn (Heike Braun)

Peter Höffer vom Südsauerlandmuseum weiß, wie wichtig den Menschen dieser Brauch ist. Normalerweise kommen am Karsamstag Tausende Menschen zum Semmel-Segnen nach Attendorn. Wie überall in Deutschland wurden große Versammlungen und auch alle Prozessionszüge abgesagt. Auch die Prozessionen sind in Attendorn eigentlich etwas Besonderes, erzählt der Archivar.

"Osterabend, die großen Osterabend-Prozessionen, wo von den vier Stadttoren kommend, vier Prozessionen zur Pfarrkirche laufen. Also die Osterfeuer brennen schon vor den Toren der Stadt und an den Standorten der Stadttore treffen sich die Porten. Das heißt, die Menschen aus den Stadttoren. Wer im Wassertor wohnt, geht natürlich in der Prozession vom Wasser-Tor mit. Man geht über die Straßen, sternförmig zur Kirche. Voran zwei Messdiener mit so Fähnchen, dann statt Vortragekreuz eine Laterne, eine Vortragelaterne, Lüchte genannt. Dann kommt der Pastor und dann kommend die Prozessionsteilnehmer. Die Lüchten verwahren wir hier im Südsauerlandmuseum. Die werden in der Karwoche in die Familien der Lüchtenträger ausgegeben."

Laternen werden innerhalb der Familien vererbt

Das Tragen der Lüchten vor der Prozessionsgemeinde ist eine große Ehre und wird im Allgemeinen seit Jahrhunderten innerhalb der Familien vererbt. Diese Laternen sind allesamt gusseisern, bis zu 30 Kilogramm schwer, im Schnitt 200 Jahre alt und sehr wertvoll. Die vier Prozessionen in Attendorn starten zur gleichen Zeit, kommen aber unterschiedlich schnell vor der Pfarrkirche am Attendorner "Alter Markt" an.

"Und die Leute singen ständig vom Stadttor bis zur Kirche das Lied, das uralte Osterlied ‚Das Grab ist leer, der Held erwacht, der Heiland ist erstanden‘. Und am Ende dieses Liedes an jeder Strophe hört man das Halleluja. Und ich erinnere mich: Damals, ich war 18, da stand ich also in dieser Uhr-Kammer und man sah die vier Osterkreuze unter einem läuteten alle acht Glocken des Sauerländer Domes und dann hörte man aus der ganzen Stadt überall das Halleluja. Und das ist ein einprägendes Erlebnis gewesen, weil der eigentliche Gedanke dieses Brauchtums, nämlich der christliche Auferstehungsgedanke, durch das Halleluja deutlich wurde."

In diesem Jahr haben zwar keine Osterfeuer gebrannt und es haben keine Prozessionen stattgefunden, aber die LED-Lichter vom Gipfelkreuz des Attendorner Bigge-Blicks leuchten jeden Abend in sanften blauen und weißen Farben. Sie strahlen weit über den Biggesee. Auf der Talsperre selbst ist es ruhig in diesen Tagen. Aber auch das wird sich wieder ändern.

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