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StartseiteKommentare und Themen der WocheMitglieder zweiter Klasse?24.05.2019

Osteuropa und die EUMitglieder zweiter Klasse?

In Osteuropas EU-Staaten ticken die Uhren auf vielfältige Weise anders als in den westlichen Alt-EU-Staaten. Mehr Nationalismus ist unter anderem an der Tagesordnung. Das ist aber aus vielen Gründen verständlich und sollte kein Grund sein, pauschal auf die Osteuropäer herabzusehen, meint Florian Kellermann in seinem Kommentar.

Von Florian Kellermann

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Visegrad (twitter V4 PRESIDENCY)
Beispiel Visegrad-Gruppe: In Westeuropa kritisch beäugt (twitter V4 PRESIDENCY)
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Im Februar haben die Regierungen von Deutschland und Frankreich einen Kompromiss geschlossen. Es ging um die Gaspipeline Nordstream 2, die Gas von Russland direkt nach Deutschland bringen soll. Das Ergebnis: Die Pipeline kann gebaut werden, mit etwas strengeren Auflagen. In Deutschland wurde gefeiert: Seht her, die EU funktioniert doch noch, hieß es!

Ein Hohn. Denn in Wahrheit ist es Deutschland nur gelungen, seine Haltung gegen das EU-Parlament und gegen die EU-Kommission durchzudrücken. Es hat eine Sperrminorität gegen einen Beschluss der EU-Kommission organisiert.

Solidarität mit zweierlei Maß

Da ist es verständlich, dass Polen nur den Kopf schütteln, wenn sie mehr zu Solidarität ermahnt werden. Polen, wie auch die Baltischen Staaten, haben ein aggressives Russland vor der Haustür. Durch den Bau von Nordstream 2 wird dieses in seiner Politik nur bestätigt.

Die Pipeline ist nur ein Beispiel dafür, wie ungerecht es ist, die osteuropäischen EU-Länder als schlechtere Europäer hinzustellen.

Wahr ist wohl: Sie sind andere Europäer. Und das liegt vor allem an der Geschichte. Gehen wir ausnahmsweise einmal nur bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs zurück. Da wurden diese Länder hinter den Eisernen Vorhang gezwungen. Jahrzehntelang mussten sie unter der Fuchtel Moskaus leben. Sie haben sich deshalb wirtschaftlich schlechter entwickelt. Sie hatten nicht die Möglichkeit, in alle Welt zu reisen. Ihre Gesellschaften war geschlossen, nach außen und im Inneren.

Weniger kritisieren, mehr verstehen, fair bleiben

Natürlich muss man es kritisieren, dass sich einige von ihnen geweigert haben, von der EU verteilte Flüchtlinge aufzunehmen. Aber ohne zu vergessen, dass diese Menschen eben keinen jahrzehntelangen Kontakt mit Einwanderern aus anderen Kulturen haben.

Und natürlich kann man den Kopf darüber schütteln, dass die Polen den Euro nicht übernehmen wollen. Aber sie sehen eben, dass sie immer noch deutlich ärmer als etwa Deutschland. Obwohl sie, wie Statistiken zeigen, viel mehr arbeiten. Verständlich, dass sie da wirtschaftlich nicht allzu abhängig werden wollen.

Erst recht unfair ist es, den osteuropäischen Ländern ihre Nähe zu den USA vorzuhalten. Sie erinnern sich, dass Amerika schon immer viel mehr an ihrer Freiheit interessiert war als die europäischen Freunde. Und sie nehmen die Umfragen ernst, wonach nicht einmal die Hälfte der Deutschen Polen verteidigen möchte, wenn das Nachbarland angegriffen würde.

Ja, in Osteuropa läuft vieles falsch. Nationalistische und rechtspopulistische Regierungen schaden diesen Ländern. Aber der erhobene Zeigefinger des moralisch vermeintlich Überlegenen ist dennoch Fehl am Platz.

 

Portrait von Florian Kellermann (©Deutschlandradio / Bettina Straub)Florian Kellermann (©Deutschlandradio / Bettina Straub)Florian Kellermann, Jahrgang 1973, hat sich als freier Autor seit Jahren auf Reportagen und Berichte aus den Ländern Mittel- und Osteuropas konzentriert. Grundlage für die Qualität seiner Berichte sind neben langjähriger journalistischer Erfahrung seine exzellenten Kenntnisse der Region, ihrer Kulturen und ihrer Sprachen sowie ein Studium der Philosophie und Slawistik an den Universitäten Erlangen-Nürnberg und Krakau. Er berichtet für Deutschlandradio seit 2008 mit Sitz in Warschau aus Polen, der Ukraine und – gemeinsam mit dem Moskau-Korrespondenten Thielko Grieß - auch aus den baltischen Staaten und Weißrussland.

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